Kontakt  Presse  reticon-Redakteure   Impressum   Datenschutz  
reticon Bildung und Neue Medien
reticon - Bildung und Neue Medien

Beruf: Praktikant. Zusatzqualifikation: Hochschulabsolvent

reticon-Report von Ralf Kellershohn -- [28.02.2004]reticon-Report

In ihrem Artikel "Abschied von der Gelehrtenrepublik" in der Süddeutschen Zeitung vom 28.02. 2004 zeichnen Gabor Mues und Bastienne Müller das Szenario einer Wissensgesellschaft als Fata Morgana:

Alle reden von ihr, aber niemand weiß wo sie liegt, oder wie sie konkret aussieht. Dass der Gesellschaft die Arbeit ausgeht, wurde bislang immer so verstanden, dass der primäre und sekundäre Sektor bzgl. Ihres Personalbedarfs immer mehr ausbluten.

Es werden immer weniger Bergleute, Bauern und Handwerker gebraucht. Welche neuen Berufsfelder die angebliche "Wissens- und Informationsgesellschaft" denn generiert, war immer sehr schwammig, abgesehen von dem Gefasel von IT und "dot com".

Wenn man sich die Beschäftigungsverhältnisse in den USA ansieht, wird deutlich, dass der tertiäre Sektor nicht ausschließlich aus gut bezahlten Jobs für Computerfuzzis besteht, sondern vorrangig aus Arbeiten, die auch Roland Koch nicht ohne weiteres machen wollen würde: von 6 Uhr bis 12 Uhr im Krankenhaus putzen, von 13 Uhr bis 18 Uhr kellnern, von 19 bis 24 Uhr an der Tankstelle arbeiten. Man muss sich ohnehin fragen, wer je an die Vorstellung geglaubt hat, wir alle könnten Internetseiten basteln und davon leben!?

Die These von Mues/Müller lautet, der Gesellschaft geht die bezahlte Arbeit aus und zwar für alle:

"Die Wissensgesellschaft ist eine Utopie und nicht minder wahrscheinlich ist eine Gesellschaft, in der es immer weniger Arbeitsplätze gibt, auch für Hochqualifizierte."

Das die Rede von der Wissens- oder Informationsgesellschaft bedeutet, dass in Zukunft jeder zweite studiert haben muss, scheint nicht schlüssig, v.a. nicht mit Blick auf die Beschäftigungszahlen von Akademikern:

"Wissensgesellschaft ist ein häufig zitierter Begriff, wenn es darum geht, die Forderung nach mehr Studenten zu rechtfertigen. Bald, so heißt es, brauche man in Deutschland viele hochqualifizierte Arbeitskräfte, die den Übergang in die Wissensgesellschaft vollziehen sollen.
Seltsam schwammig mutet der Begriff an, besonders dann, wenn man sich die Berufsfelder vorstellen soll, in denen die Wissensarbeiter tätig sein werden.
Der letzte Versuch eines allein auf Information basierenden Wirtschaftssystems, die New Economy, ist mit Pauken und Trompeten untergegangen.
"

Die Forderung nach Chancengleichheit, die zunehmende Partizipation von Kindern aus dem "Arbeitermilieu" (was auch immer das sein mag) an akademischen Aufstiegswegen, weisen die Autoren ebenso zurück:

"Wie unsozial Masse statt Klasse in Wirklichkeit sein kann, zeigt die katastrophale Lage auf dem Arbeitsmarkt, wo zahlreiche Jungakademiker für sehr wenig Geld oder arbeitslos ihr Dasein fristen, weil es einfach viel zu viele von ihnen gibt.
So stellt sich die Frage, ob ein Universitätsstudium überhaupt noch ein Privileg ist und damit eine Chance, die möglichst viele nutzen sollten.
"

Das Studium stellt sich als verdeckte Arbeitslosigkeit, als Interimszeit zwischen Schule und Arbeitslosigkeit heraus.

Es "wuchs in den letzten zwei Jahren laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Arbeitslosigkeit von Akademikern um 40 Prozent und war damit deutlich höher als der Anstieg bei den Arbeitslosen insgesamt (plus 12 Prozent). reticon-Report

Diese 40 Prozent sind aber gerade bei Hochschulabsolventen nur die Spitze des Eisbergs. Nach einer Schätzung des Hochschulteams des Arbeitsamts Berlin Südwest meldet sich ein Viertel der erwerbslosen Hochschulabsolventen erst gar nicht arbeitslos: als Berufsanfänger bekommen sie sowieso keine finanzielle Unterstützung."

Wer nicht direkt in die Arbeitslosigkeit rutscht, verkriecht sich in einem Promotionsstudiengang und jobbt in seiner, ursprünglich als vorübergehende Einrichtung gedachten Tätigkeit weiter und erscheint folglich nicht in der Arbeitslosenstatistik.

"Warum nur ist die Forderung nach noch mehr Studenten eigentlich so mächtig? Es drängt sich die Vermutung auf, dass Universitäten längst zu einem Verschiebebahnhof der Arbeitsmarktpolitik verkommen sind.
Die eingeschriebenen Studenten tauchen nicht in der Arbeitslosenstatistik auf und sind für ein paar Jahre versorgt.
"

In Folge der Einführung der Studiengebühren für Langzeiteingeschriebene wird es zu massiven Verschiebungen in den Statistiken der Universitätsregister und der Arbeitsämter kommen: viele Studenten, die schon lange keinen Hörsaal mehr von innen gesehen haben, sondern stattdessen als Kellner, Kassierer, Sekretär, Mädchen für alles in einem Café, Kino, Videothek oder Bildungseinrichtung gestrandet sind, werden ihre Jobs nicht mehr weiterführen können, weil sie als normale versicherungspflichtige Beschäftigte zu teuer werden.

Die Hörsäle werden so voll und die Betreuungsverhältnisse so schlecht bleiben, wie sie sind. Das Einzige, was sich ändern wird, ist, dass die Zahl der eingeschriebenen Studierenden sinken und die Zahl der Sozialhilfebedürftigen steigen wird.

Aber zu den Akademikern, die ihr Studium beenden und dann in den Arbeitsmarkt treten: wenn sie einen Job ergattern, ist es in den wenigsten Fällen der "Job für's Leben", den es -den Soziologen zum Trotz- immer noch gibt: denn der Fliesenleger in Gummersbach konkurriert dann doch nicht mit der Billigkonkurrenz in Indonesien.

Vielmehr sind es Zeitverträge oder die hoch unsicheren Praktikumsknechtereien, auf die sich immer mehr Universitätsabgänger im Interesse der Verbesserung ihrer Jobperspektiven einlassen.

Schon jetzt muss um einen Praktikumsplatz gekämpft werden, wie um einen "richtigen" Job. Mittlerweile werden Qualifizierungsmaßnahmen (v.a. Webseitengestaltung mit Dreamweaver, PHP, Netzwerkadministration) nötig, um überhaupt einen Praktikumsplatz zu bekommen.

Insbesondere Unternehmen der Medien- und PR Branche, arbeiten gerne mit hochmotivierten und qualifizierten Praktikanten, die in der Hoffnung "einen Fuß in die Tür zu bekommen" gerne umsonst arbeiten: die Anforderungsprofile für Praktika (eindrucksvoll zu besichtigen unter www.praktika.de) lesen sich wie die "normaler" Beschäftigungsverhältnisse.

Die Fachkenntnisse aus dem Studienfach stellen dabei nur die dekorative Cocktailkirsche auf dem Fähigkeitstörtchen umfangreichster IT Kenntnisse und Vorerfahrungen in den jeweiligen Tätigkeitsfeldern. Praktika sind kein Feld des Kenntnis- und Kompetenzerwerbs -beides ist je schon mitzubringen-, sondern eine zivilisierte Form von Sklaverei: kompetente und erfahrene Leute erledigen mehrwertschaffende Arbeit umsonst.

Es scheint, dass in den "weichen" Disziplinen und Tätigkeitsfeldern, in denen es nicht auf genau abgezirkelte Kompetenzen, die auf einem konkreten Fachwissen beruhen, ein objektives Wissen um bestimmte Handgriffe, Formeln und Zusammenhänge (wie in den "harten" Berufen wie Arzt, KFZ Mechaniker, Apotheker, ) immer weniger Geld zu holen, immer weniger Jobs zu vergeben sind.

Auch wenn alle Bildungspolitiker von Teamfähigkeit, selbstorganisiertem, lebenslangen Lernen als alles bestimmende Kompetenzen faseln: letztlich wird derjenige eine Stelle (bzw. eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch für ein Praktikum) bekommen, der harte, konkrete Fähigkeiten vorweisen kann und zudem noch die soft skills bereithält.

Wenn von einer Akademisierung der Berufswelt die Rede sein kann, dann nicht in dem Sinne, dass ein Universitätsdiplom die Türen zur Arbeitswelt öffnet. Das Diplom ist die notwendige aber keineswegs hinreichende Bedingung für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Der prototypische Arbeitnehmer der Zukunft ist wohl eher der Kulturwissenschaftler, der -neben den unvermeidlichen Volkshochschulkursen zu Webdesign- eine Ausbildung als KFZ Meister hat, Handwerker und Kommunikationsdesigner in einem ist.

Diese Strategie der Kombination praktischer und theoretischer (Aus)Bildungsmöglichkeiten zu einem alles abdeckenden Kompetenzprofil wird beispielsweise von vielen BWL Studierenden seit Jahren praktiziert, die vor ihrem Studium erst eine Banklehre absolvieren oder von angehenden Journalisten, die zunächst eine Lehre als Verlagskaufmann absolvieren und dann studieren.

Viele Studierende, die nach ihrem Abschluss einen Job bekommen, besetzen Stellen, die formal auf einen Inhaber eines bestimmten Universitätszertifikats ausgerichtet sind. In ihrer faktischen Tätigkeit wenden sie jedoch vorwiegend privat akkumuliertes Wissen an.

Sie arbeiten in ihren Jobs nicht weil sie das in der Universität Gelernte qualifiziert, sondern weil sie zu der notwendigen Bedingung des Hochschulabschluss die hinreichenden Zusatzbedingungen differenzierter, eigenständig erworbener (und oft teuer bezahlter) "Zusatzqualifikationen" beisteuern.

Das sind neben den notorischen "IT Kenntnissen" auch privat finanzierte Zusatzausbildungen (in Supervision, Gesprächsführung, systemische Familienberatung, PR- und Kulturmanagement, usw.).

Dass der Erwerb eines Hochschulabschlusses allein nicht ausreicht, sondern es v.a. die zusätzlich erworbenen Kenntnisse und Qualifikationen, die absolvierten Praktika sind, die den Erfolg beim Berufseinstieg bestimmen und dass jeder dies offen ausspricht, sollte zum Nachdenken über die Mängel akademischer Ausbildung oder die Schieflage der Konzeption universitärer Bildung in ihrem Anspruch (eben in Absehung von Verwertungsansprüchen Orientierungs- und nicht Anwendungswissen zu produzieren) und der Art wie sie genutzt wird, anregen.

Lesen Sie den Artikel von MUES/MÜLLER in der SZ unter
http://www.sueddeutsche.de/sz/feuilleton/red-artikel2076/

Informationen zum Artikel

Aus den Terminen

RSS & Social Media

rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild

myreticon

E-Mail
Passwort Login

Infos & Hilfe | Registrieren

Kostenlose Newsletter

Wöchentliches Newsletter
Tägliche Medientipps

E-Mail:  

reticon-Quiz

Person des Jahres 1982 eines berühmten Magazins

Lech Walesa
Papst Johannes Paul II
Computer
Ronald Reagan

» Alle reticon Quiz-Fragen

Sprüche & Zitate

Je mehr Wissen eine Person hat, desto wertvoller ist zusätzliches Wissen.

G. de Haan