
reticon Können Sie uns zuerst eine Definition von Analphabetismus geben?
Döbert Unter
Analphabeten stellt sich fast jeder Menschen vor, die gar nicht Lesen
und Schreiben können und es auch nie gelernt haben und das ist etwas
anderes als in unserer Gesellschaft, in der wir eine 10-jährige
Schulpflicht haben. Fast alle Teilnehmer in Alphabetisierungskursen
haben diese Schulpflicht absolviert. Die Menschen, die trotz
Schulbesuch Lesen und Schreiben nicht gelernt haben, nennt man
funktionale Analphabeten im Unterschied zu den primären Analphabeten,
die z.B. aus Ländern kommen, in denen es gar keine Schulen oder keine
Schulpflicht gibt oder wo z.B. Mädchen und Frauen vom Schulbesuch
ausgeschlossen sind.
reticon Was genauer ist funktionaler Analphabetismus?
Döbert Die
Definition des funktionalen Analphabetismus umfasst verschiedene
Erscheinungsformen. Wir haben einmal die Menschen, die gar nicht Lesen
und Schreiben können, die ein paar Buchstaben können, die vielleicht
ihren Namen noch auswendig schreiben können. Es gibt aber auch
Menschen, die wir Schreibanalphabeten nennen, d.h. diese Menschen
können meist eher einfache Texte lesen und rudimentär schreiben. Sie
machen dabei aber so viele Fehler und fühlen sich so unsicher, dass sie
das Schreiben ganz vermeiden und sich genauso verhalten, wie jemand der
überhaupt nicht Lesen und Schreiben kann. Sie vermeiden alles, was mit
Schriftsprache zu tun hat so wie der Teufel das Weihwasser.
reticon Seit wann ist man sich des Problems "funktionaler Analphabetismus" bewusst?
Döbert Analphabetismus
war so lange kein Problem, so lange große Teile der Bevölkerung nicht
Lesen und Schreiben konnten. So gab es z.B. im Mittelalter an jeder
Ecke Stadtschreiber, die für die Menschen Briefe und Dokumente
vorgelesen und geschrieben haben. Lesen, Schreiben und auch das Rechnen
hat der Stadtschreiber gegen Bezahlung erledigt. Analphabetismus war
kein Stigma, sondern normal.
Noch 1615 konnte die Hälfte der Berliner Bürgerschaft nicht schreiben.
Erst
mit der beginnenden Arbeitslosigkeit Ende der 1970er Jahre wurde das
Problem augenfällig und brisant. Vorher konnte man z.B. auf eine
Baustelle gehen, einen Tag mitarbeiten, zeigte, dass man "malochen"
konnte und bekam anschließend einen Arbeitsvertrag. Das geht heute
nicht mehr. Jugendliche bekommen kaum noch Arbeit, wenn sie keine
Ausbildung haben und einen Ausbildungsplatz bekommen sie nur mit
Schulabschluss. In diesem Jahr werden nach einer Prognose der
Bundesagentur für Arbeit rund 90.000 Jugendliche die Schule ohne
Hauptschulabschluss verlassen. Für schwer vermittelbare junge Menschen
gibt die Bundesagentur jährlich rund 7 Milliarden Euro aus.
Ende der
70er Jahre ist das Problem auch in den Justizvollzugsanstalten
aufgefallen. In Bremen ist es beispielsweise im "Knast" aufgefallen,
dass sehr viele Insassen nicht Lesen und Schreiben konnten. Dort hat
sich dann ein Bremer Pädagoge (Frank Drecoll) engagiert und die VHS
Bremen hat als erste VHS in Deutschland einen Alphabetisierungskurs
eingerichtet.
Mit einer bundesweiten Konferenz, die u.a. Drecoll
organisierte, wurde das Thema seit 1980 öffentlicher. Je mehr
Öffentlichkeitsarbeit man macht, desto mehr Analphabeten trauen sich,
in Erscheinung zu treten.
reticon Was sind die Ursachen für Analphabetismus?
Döbert Neben
den belastenden Faktoren im Elternhaus, gibt es natürlich auch
Ursachen, die im Schulsystem liegen, dazu gehört z.B. der Unterricht im
Gleichtakt. Obwohl Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen und
verschiedenen häuslichen Lernbedingungen in die Schule kommen, sollen
sie alle zur selben Zeit dieselben Inhalte mit denselben Methoden
lernen und das geht natürlich nicht, weil die Kinder mit
unterschiedlichen Leistungsständen und Lernhaltungen in die Schule
kommen. Das kann in der Schule oft nicht durch Differenzierung und
individuelle Förderung aufgefangen werden, weil die Klassen zu groß
sind, Förderstunden gestrichen werden, Schulsozialarbeit zurückgefahren
wird. Kinder - auch die, die nach der ersten/zweiten Klasse noch nicht
Lesen und Schreiben können -, werden durch die Schule geschleust. Der
Lehrer, der dann in der 5./6. Klasse auf einmal merkt, dass ein Schüler
gar nicht richtig Lesen und Schreiben kann, ist hoffnungslos
überfordert, weil er in seiner Ausbildung nicht gelernt hat, wie
Schriftspracherwerb und Schriftsprachvermittlung funktionieren. Kinder
haben während der Schulzeit keine Möglichkeit zu einem zweiten Einstieg
in die Schriftsprache. Die Lehrerausbildung ist hier zu verbessern,
auch im Primarbereich. Man sollte sehr früh ansetzen und den Bereich
der Kindergartenarbeit und der Grundschularbeit besonders wichtig
nehmen und Ganztagsförderung anstreben, damit Defizite, die aus dem
Elternhaus mitgebracht werden, durch eine gezielte Förderung aufgehoben
werden können.
reticon Welche Rolle hat die Wirtschaft in Bezug auf Analphabetismus?
Döbert Das
ist eine sehr zwiespältige Rolle. Einerseits klagt die Wirtschaft :
"Wir haben genug Arbeit, wir haben genug Ausbildungsplätze, aber wir
haben nicht die entsprechend qualifizierten Menschen für diese
Arbeits-/Ausbildungsplätze." Andererseits verschwinden immer mehr die
Arbeitsplätze, in denen über Jahrzehnte hinweg die Teilnehmer aus
unseren Alphabetisierungskursen gern gesehene Arbeiter waren.
Produktionsbereiche, in denen - auch die gering Qualifizierten- ein
halbes Leben lang für "ihren" Betrieb die Arbeitskraft eingesetzt
haben, werden zunehmend in Billiglohnländer verlagert. Nicht selten
gibt es aber gerade dort kaum ausgebaute Bildungssysteme und hohe
Analphabetismusquoten. Unsere Frauen waren vorwiegend in der
Textilindustrie tätig. Kaum noch zu finden in Deutschland! Deutsche
Firmen produzieren Kleidung, Waschmaschinen, Sportschuhe und Autoteile
überall in der Welt, in Indonesien, Rumänien, Polen, China oder El
Salvador. In Deutschland haben viele ihre Arbeit verloren. Nicht nur
funktionale Analphabeten sind darauf angewiesen, dass Unternehmer neben
dem wirtschaftlichen Mehrwert auch die Verantwortung für die soziale
Gemeinschaft und Demokratie im Auge behalten.
reticon Ist Alphabetisierung ein erster Schritt zum Arbeitsplatz?
Döbert Das
Motiv der meisten Teilnehmer ist inzwischen beruflicher Art. Früher gab
es auch andere Motive: "Ich möchte meinem Kind bei den Hausaufgaben
helfen können" oder "Ich möchte den Führerschein machen" oder "Ich
möchte auch einmal Literatur lesen". Diese Motive werden kaum noch
geäußert, berufliche Ziele stehen wegen des existenziellen Drucks im
Vordergrund. Fast die Hälfte der Teilnehmer sind bereits arbeitslos,
andere direkt von Arbeitslosigkeit bedroht, oder sie müssen in eine
Umschulung, können diese aber nicht bewältigen, weil sie nicht lesen
und schreiben können und generell Jahrzehnte nicht an Bildungsprozessen
teilgenommen haben.
reticon Alphabetisierung als Teil von Grundbildung - Stichwort Neue Medien?
Döbert Medien
durchziehen den privaten, öffentlichen als auch den beruflichen Alltag.
Es geht nicht mehr, dass ein Mensch ohne Medienkompetenz durch das
Leben kommt, wobei ich mit Medienkompetenz auch die schlichte
Bedienerkompetenz meine: Je stärker direkter Kundenservice abgebaut
wird, desto stärker sind Menschen auf die Bedienung von Automaten
angewiesen. Wer einmal Geld am Sparkassenterminal überwiesen oder
versucht hat, am DB-Automaten einen Fahrschein zu bekommen, der weiß,
dass ohne Lese- und Schreibkompetenz nichts läuft. SMS und E-Mail haben
Freizeit und Beruf erobert. Wer nicht lesen und schreiben kann, kann
auf Dauer nicht ausreichend kommunizieren, ist von zahlreichen
Informationen ausgeschlossen (z.B. Stellenangebote im Internet) und er
verliert zunehmend mehr den Zutritt in die Arbeitswelt. Arbeitsplätze
ohne PC sind so gut wie nicht mehr zu finden. Ob Lagerverwaltung,
Bestellaufnahme, Supermarktkasse oder Pflegebericht: Elektronische
Datenbearbeitung und Handhabung von Schriftsprache sind untrennbar
miteinander verbunden und das in fast allen Lebensbereichen.
reticon Wie kam es dann zu der Idee Alphabetisierung mit Computer und Internet zu verbinden?
Döbert Die
Teilnehmer schreiben in den Kursen sehr viele Texte. Da das
handschriftlich mit vielen Fehlern meist nicht so schön aussah, wollte
ich den PC einsetzen, um einfach schöne gedruckte Texte zu erstellen.
Bei Einführungswochenenden in die EDV habe ich gemerkt, dass die Arbeit
am Computer den Leuten sehr viel Spaß macht. Die Teilnehmer hatten viel
weniger Berührungsängste im Umgang mit den neuen Medien als ich sie
z.B. selber früher hatte. Die Teilnehmer sehen den PC als ein rein
technisches Gerät an, das für sie einen besonderen Service darstellt.
Die Männer sind zudem eher gewöhnt mit elektrischen Geräten umzugehen
als mit einem Kugelschreiber. Für Analphabeten ist der Computer eine
Erleichterung, was schriftsprachliches Handeln angeht, z.B: E-Mail ist
meist völlig regellos, man kann Fehler machen. Die Nutzer von E-Mails
schreiben einfach drauf los, man muss keine Form wahren, keine
Briefkopfnormen, Datum rechts etc. Man hat keine krakelige Handschrift,
man kann witzig gestalten und zum Schluss ausdrucken. Daraus entstand
die Idee, in einem Projekt, die Vorlieben der Lerner für den PC zu
nutzen. In dem E-Learning Projekt APOLL soll das Internet in den
Bereichen Kommunikation, Information und Service für die Lernenden, für
deren Trainer, aber auch für eine interessierte Öffentlichkeit genutzt
werden. Dabei entsteht auch eine Lernplattform, mit der funktionale
Analphabeten Lesen und Schreiben lernen können. Das ist der härteste
Brocken an dem Projekt. Aber die Arbeit geht voran. Analphabeten, die
bereits ein paar Übungen getestet haben, sind begeistert. Wer neugierig
ist, kann ja am 8.9. mal reinschauen. Dann nämlich wird www.ich-will-schreiben-lernen.de freigeschaltet.
reticon Vielen Dank für das Gespräch.
Eckehard Henscheid