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Alphabetisierung

reticon-Report von Martin Ragg -- [07.08.2004]reticon-Report

reticon Können Sie uns zuerst eine Definition von Analphabetismus geben?
Döbert Unter Analphabeten stellt sich fast jeder Menschen vor, die gar nicht Lesen und Schreiben können und es auch nie gelernt haben und das ist etwas anderes als in unserer Gesellschaft, in der wir eine 10-jährige Schulpflicht haben. Fast alle Teilnehmer in Alphabetisierungskursen haben diese Schulpflicht absolviert. Die Menschen, die trotz Schulbesuch Lesen und Schreiben nicht gelernt haben, nennt man funktionale Analphabeten im Unterschied zu den primären Analphabeten, die z.B. aus Ländern kommen, in denen es gar keine Schulen oder keine Schulpflicht gibt oder wo z.B. Mädchen und Frauen vom Schulbesuch ausgeschlossen sind.reticon-Report

reticon Was genauer ist funktionaler Analphabetismus?
Döbert Die Definition des funktionalen Analphabetismus umfasst verschiedene Erscheinungsformen. Wir haben einmal die Menschen, die gar nicht Lesen und Schreiben können, die ein paar Buchstaben können, die vielleicht ihren Namen noch auswendig schreiben können. Es gibt aber auch Menschen, die wir Schreibanalphabeten nennen, d.h. diese Menschen können meist eher einfache Texte lesen und rudimentär schreiben. Sie machen dabei aber so viele Fehler und fühlen sich so unsicher, dass sie das Schreiben ganz vermeiden und sich genauso verhalten, wie jemand der überhaupt nicht Lesen und Schreiben kann. Sie vermeiden alles, was mit Schriftsprache zu tun hat so wie der Teufel das Weihwasser.

reticon Seit wann ist man sich des Problems "funktionaler Analphabetismus" bewusst?
Döbert Analphabetismus war so lange kein Problem, so lange große Teile der Bevölkerung nicht Lesen und Schreiben konnten. So gab es z.B. im Mittelalter an jeder Ecke Stadtschreiber, die für die Menschen Briefe und Dokumente vorgelesen und geschrieben haben. Lesen, Schreiben und auch das Rechnen hat der Stadtschreiber gegen Bezahlung erledigt. Analphabetismus war kein Stigma, sondern normal.

Noch 1615 konnte die Hälfte der Berliner Bürgerschaft nicht schreiben.

Erst mit der beginnenden Arbeitslosigkeit Ende der 1970er Jahre wurde das Problem augenfällig und brisant. Vorher konnte man z.B. auf eine Baustelle gehen, einen Tag mitarbeiten, zeigte, dass man "malochen" konnte und bekam anschließend einen Arbeitsvertrag. Das geht heute nicht mehr. Jugendliche bekommen kaum noch Arbeit, wenn sie keine Ausbildung haben und einen Ausbildungsplatz bekommen sie nur mit Schulabschluss. In diesem Jahr werden nach einer Prognose der Bundesagentur für Arbeit rund 90.000 Jugendliche die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Für schwer vermittelbare junge Menschen gibt die Bundesagentur jährlich rund 7 Milliarden Euro aus.
Ende der 70er Jahre ist das Problem auch in den Justizvollzugsanstalten aufgefallen. In Bremen ist es beispielsweise im "Knast" aufgefallen, dass sehr viele Insassen nicht Lesen und Schreiben konnten. Dort hat sich dann ein Bremer Pädagoge (Frank Drecoll) engagiert und die VHS Bremen hat als erste VHS in Deutschland einen Alphabetisierungskurs eingerichtet.
Mit einer bundesweiten Konferenz, die u.a. Drecoll organisierte, wurde das Thema seit 1980 öffentlicher. Je mehr Öffentlichkeitsarbeit man macht, desto mehr Analphabeten trauen sich, in Erscheinung zu treten.  

reticon Was sind die Ursachen für Analphabetismus?
Döbert Neben den belastenden Faktoren im Elternhaus, gibt es natürlich auch Ursachen, die im Schulsystem liegen, dazu gehört z.B. der Unterricht im Gleichtakt. Obwohl Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen und verschiedenen häuslichen Lernbedingungen in die Schule kommen, sollen sie alle zur selben Zeit dieselben Inhalte mit denselben Methoden lernen und das geht natürlich nicht, weil die Kinder mit unterschiedlichen Leistungsständen und Lernhaltungen in die Schule kommen. Das kann in der Schule oft nicht durch Differenzierung und individuelle Förderung aufgefangen werden, weil die Klassen zu groß sind, Förderstunden gestrichen werden, Schulsozialarbeit zurückgefahren wird. Kinder - auch die, die nach der ersten/zweiten Klasse noch nicht Lesen und Schreiben können -, werden durch die Schule geschleust. Der Lehrer, der dann in der 5./6. Klasse auf einmal merkt, dass ein Schüler gar nicht richtig Lesen und Schreiben kann, ist hoffnungslos überfordert, weil er in seiner Ausbildung nicht gelernt hat, wie Schriftspracherwerb und Schriftsprachvermittlung funktionieren. Kinder haben während der Schulzeit keine Möglichkeit zu einem zweiten Einstieg in die Schriftsprache. Die Lehrerausbildung ist hier zu verbessern, auch im Primarbereich. Man sollte sehr früh ansetzen und den Bereich der Kindergartenarbeit und der Grundschularbeit besonders wichtig nehmen und Ganztagsförderung anstreben, damit Defizite, die aus dem Elternhaus mitgebracht werden, durch eine gezielte Förderung aufgehoben werden können.reticon-Report

reticon Welche Rolle hat die Wirtschaft in Bezug auf Analphabetismus?
Döbert Das ist eine sehr zwiespältige Rolle. Einerseits klagt die Wirtschaft : "Wir haben genug Arbeit, wir haben genug Ausbildungsplätze, aber wir haben nicht die entsprechend qualifizierten Menschen für diese Arbeits-/Ausbildungsplätze." Andererseits verschwinden immer mehr die Arbeitsplätze, in denen über Jahrzehnte hinweg die Teilnehmer aus unseren Alphabetisierungskursen gern gesehene Arbeiter waren. Produktionsbereiche, in denen - auch die gering Qualifizierten- ein halbes Leben lang für "ihren" Betrieb die Arbeitskraft eingesetzt haben, werden zunehmend in Billiglohnländer verlagert. Nicht selten gibt es aber gerade dort kaum ausgebaute Bildungssysteme und hohe Analphabetismusquoten. Unsere Frauen waren vorwiegend in der Textilindustrie tätig. Kaum noch zu finden in Deutschland! Deutsche Firmen produzieren Kleidung, Waschmaschinen, Sportschuhe und Autoteile überall in der Welt, in Indonesien, Rumänien, Polen, China oder El Salvador. In Deutschland haben viele ihre Arbeit verloren. Nicht nur funktionale Analphabeten sind darauf angewiesen, dass Unternehmer neben dem wirtschaftlichen Mehrwert auch die Verantwortung für die soziale Gemeinschaft und Demokratie im Auge behalten.

reticon Ist Alphabetisierung ein erster Schritt zum Arbeitsplatz?
Döbert Das Motiv der meisten Teilnehmer ist inzwischen beruflicher Art. Früher gab es auch andere Motive: "Ich möchte meinem Kind bei den Hausaufgaben helfen können" oder "Ich möchte den Führerschein machen" oder "Ich möchte auch einmal Literatur lesen". Diese Motive werden kaum noch geäußert, berufliche Ziele stehen wegen des existenziellen Drucks im Vordergrund. Fast die Hälfte der Teilnehmer sind bereits arbeitslos, andere direkt von Arbeitslosigkeit bedroht, oder sie müssen in eine Umschulung, können diese aber nicht bewältigen, weil sie nicht lesen und schreiben können und generell Jahrzehnte nicht an Bildungsprozessen teilgenommen haben.reticon-Report

reticon Alphabetisierung als Teil von Grundbildung - Stichwort Neue Medien?
Döbert Medien durchziehen den privaten, öffentlichen als auch den beruflichen Alltag. Es geht nicht mehr, dass ein Mensch ohne Medienkompetenz durch das Leben kommt, wobei ich mit Medienkompetenz auch die schlichte Bedienerkompetenz meine: Je stärker direkter Kundenservice abgebaut wird, desto stärker sind Menschen auf die Bedienung von Automaten angewiesen. Wer einmal Geld am Sparkassenterminal überwiesen oder versucht hat, am DB-Automaten einen Fahrschein zu bekommen, der weiß, dass ohne Lese- und Schreibkompetenz nichts läuft. SMS und E-Mail haben Freizeit und Beruf erobert. Wer nicht lesen und schreiben kann, kann auf Dauer nicht ausreichend kommunizieren, ist von zahlreichen Informationen ausgeschlossen (z.B. Stellenangebote im Internet) und er verliert zunehmend mehr den Zutritt in die Arbeitswelt. Arbeitsplätze ohne PC sind so gut wie nicht mehr zu finden. Ob Lagerverwaltung, Bestellaufnahme, Supermarktkasse oder Pflegebericht: Elektronische Datenbearbeitung und Handhabung von Schriftsprache sind untrennbar miteinander verbunden und das in fast allen Lebensbereichen.

reticon Wie kam es dann zu der Idee Alphabetisierung mit Computer und Internet zu verbinden?
Döbert Die Teilnehmer schreiben in den Kursen sehr viele Texte. Da das handschriftlich mit vielen Fehlern meist nicht so schön aussah, wollte ich den PC einsetzen, um einfach schöne gedruckte Texte zu erstellen. Bei Einführungswochenenden in die EDV habe ich gemerkt, dass die Arbeit am Computer den Leuten sehr viel Spaß macht. Die Teilnehmer hatten viel weniger Berührungsängste im Umgang mit den neuen Medien als ich sie z.B. selber früher hatte. Die Teilnehmer sehen den PC als ein rein technisches Gerät an, das für sie einen besonderen Service darstellt. Die Männer sind zudem eher gewöhnt mit elektrischen Geräten umzugehen als mit einem Kugelschreiber. Für Analphabeten ist der Computer eine Erleichterung, was schriftsprachliches Handeln angeht, z.B: E-Mail ist meist völlig regellos, man kann Fehler machen. Die Nutzer von E-Mails schreiben einfach drauf los, man muss keine Form wahren, keine Briefkopfnormen, Datum rechts etc. Man hat keine krakelige Handschrift, man kann witzig gestalten und zum Schluss ausdrucken. Daraus entstand die Idee, in einem Projekt, die Vorlieben der Lerner für den PC zu nutzen. In dem E-Learning Projekt APOLL soll das Internet in den Bereichen Kommunikation, Information und Service für die Lernenden, für deren Trainer, aber auch für eine interessierte Öffentlichkeit genutzt werden. Dabei entsteht auch eine Lernplattform, mit der funktionale Analphabeten Lesen und Schreiben lernen können. Das ist der härteste Brocken an dem Projekt. Aber die Arbeit geht voran. Analphabeten, die bereits ein paar Übungen getestet haben, sind begeistert. Wer neugierig ist, kann ja am 8.9. mal reinschauen. Dann nämlich wird www.ich-will-schreiben-lernen.de freigeschaltet.
reticon Vielen Dank für das Gespräch.

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