Schmidt musste sich nicht dagegen abgrenzen, von Menschen vereinnahmt zu werden, mit denen er nicht mal gern im Fahrstuhl stünde. Da er -im Unterschied zu vielen anderen Entertainern und Comedians, die sich gerne in Personality-Talkshows setzen und sich als nachdenkliche, erstaunlich ernste Menschen mit vielleicht sogar gebrochener Biographie oder besonderem Engagement, Tonnerwetter!, präsentieren und sich darin als Komiker erledigen- keine Poetik seines Tuns vorgelegt hat, die als letzter Referenzrahmen jeden Witz, jeden Kommentar "geerdet" hätte.
Für Mehdorns institutionalisierten Anti-Witz, die Bundesbahn, ist Harald Schmidt folglich die optimale Werbeform: der einmal etablierte Topos einer fundierten hypertrophen Bildung als Referenzrahmen für seinen Humor ist so stabil gewesen, dass Schmidt es eigentlich nie mehr nötig gehabt hätte, auch nur ansatzweise den Oberprimaner raushängen zu lassen, geschweige denn Beckett zu spielen.
Schmidt kann Schmidt sein und völlig ironiefrei für die Bundesbahn, Kaffee oder Medikamente Old-School-Werbung als reine Produktinformation machen. Man lacht sich kaputt, weil es so trocken, so ernst ist, dass es nur komisch und ironisch sein kann. Denn wenn es das nicht wäre - was wäre es sonst als das, was es ist?
Ralf Husmann, Ex-Schmidt-Produzent, bringt es wohl auf den Punkt:
"Die "Harald Schmidt Show" war nie so schlecht, wie sie am Anfang gemacht wurde, und nie so gut, wie sie am Ende geschrieben wurde."
p.s.: in SPIEGEL Online lesen wir:
"Eine Hundertschaft aktionsbereiter Fans der "Harald Schmidt Show" hat am Abend in München gegen das Aus der Sendung protestiert. An vorderster Front will sich Bayerns SPD-Fraktionschef Franz Maget dafür einsetzen, dass Schmidt bald auf den Bildschirm zurückkehrt."
Kann bitte jemand die Namen aller 4 Millionen Arbeitslosen in ein dickes Buch schreiben, mit einem ICE nach München fahren und dieses dem schlecht beratenen Maget 4 Millionen mal um die Ohren hauen?
Siehe auch den Artikel von Joseph von Westfalen "Ein Ende aus Einsicht"
http://www.taz.de/pt/2003/12/10/a0150.nf/text
Sowie den Artikel "Durchschmidt" von Johannes Waechter im SZ Magazin unter
www.sz-magazin.de
Eduard Moriz