Bald ist es wieder so weit: Die Frankfurter Buchmesse öffnet ihre Toren, in Presseberichten wird von einem Aussteller- und Besucherrekord ramentert, dass man sich fragt, ob es auch jemals ein Jahr gab, in dem dies nicht der Fall gewesen ist. Neben dem üblichen Programm und Bildern von Stars und Sternchen des Literaturbetriebes und Paradiesvögeln, die ihre Biographien oder ihre Küchenweisheiten vorwickern und hermannen, bietet die Buchmesse auch 2007 dem Schwerpunkt "Zukunft Bildung" in vielen Veranstaltungen rund um Schule, Grundbildung und - Trendalarm - "Neue Medien" ein Podium.
Das "lebenslanges Lernen in der globalen Wissensgesellschaft" gaaanz wichtig ist, ist eine Einsicht, die in keinem Flyer, keiner Sonntagsrede oder Projektantrag fehlen darf. Ebenso, wie die Analyse, dass die wichtigste Ressource eines rohstoffarmen Landes wie Deutschland Bildung und Qualifikation seien, wir in einer Informationsgesellschaft leben, in der wir alle bald bloggende, Agenturen betreibende, dienstleistende Kreativknechte und frei flottierende IchMaschinen digitalisierten tertiären Sektors sein werden.
Auch wenn man sich fragt, wer ernsthaft glaubt, dass niemand mehr zur Rohrzange, Spachtel oder Kochlöffel greift, sondern alle in apple-esk aseptischen Büros hinter riesigen Monitoren sitzen, wird dennoch deutlich, dass auf der Kehrseite einer von immer mehr digital vermittelten, von internetgestützen Prozessen durchzogenen Arbeits- und Alltagsgesellschaft ein Bildungs- und Qualifkationsdruck entsteht, um die Menschen auf die beschleunigt ansteigenden Anforderungsprofile vorzubereiten und ihnen die Disposition der permanenten Selbstevaluierung und -optimierung beizubiegen, die es braucht. Zwar wünscht man sich mal eine zünftige fundamental-pädagogische Debatte darüber, was denn das Ziel von Bildung und der diese umsetzenden Institutionen sein soll und wie entsprechend die Prozesse auszusehen haben, die die Bezeichnung pädagogisch verdient haben.
Unter dem Eindruck sich verschärfender Wettbewerbsbedingungen, dem Fachkräftemangel, im internationalen Vergleich abfallenden Leistungen deutscher Schüler und Studierender wird Bildung zumeist als Unterweisungs- und Instruktionspädagogik zur Herstellung von am Arbeitsmarkt nachgefragten Anwendungskompetenzen verstanden. Dagegen erscheint die Vorstellung des Ziels der Entwicklung von Urteilskraft (gerade in Bezug auf medienbasierte Kontexte) als schöngeistiger Luxus einer träumenenden Bildungsphilosophie - und das obwohl der selbgesteuert planende und stets weiter lernende Teamplayer schon lange den ausführenden Angestellten als Leitbild der Arbeitsgesellschaft abgelöst hat und also Kompetenzen (Wilhelm von Humboldt würde von "Kräften" sprechen) bedarf, wie sie am unbestimmten, allgmeinen, paradigmatischen Beispiel des Grundsätzlichen geübt werden, um dann in mannigfaltigen Situationen zur Anwendung zu kommen.
Wie dem auch sei - die Frankfurter Buchmesse nimmt sich des Themas Bildung an und führt in diesem Jahr zum zweiten Mal im Rahmen des Schwerpunkts "Zukunft Bildung" zahlreiche Veranstaltungen durch. "Das Thema Bildung greifen wir als Buchmesse bewusst auf, weil die wirtschaftliche Bedeutung für die Verlage wächst. Gleichzeitig nimmt die Frankfurter Buchmesse die Forderung für eine Chancengleichheit beim Bildungsangebot ernst und bietet der Bildungsdiskussion eine Plattform.", sagt Juergen Boos, Direktor der Frankfurt Buchmesse.
Wer nicht lesen kann kauft keine Bücher
Natürlich thematisiert die Buchmesse als Tochterunternehmen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels "Bildung" aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung dieses Bereichs für Verlage. Denn wenn an der Rede von der lernenden Gesellschaft, dem lebenslangen Lernen und der Informationsgesellschaft etwas dran ist, wird der verlagsrelevante Bildungssektor immer weiter expandieren. Gerade in einem System, in dem die Distinktionsfunktion des Abiturs oder Studiums durch Vermassung obsolet werden und andererseits das Hohelied der individuellen Verantwortung und selbst zu kompilierenden modularen Patchworkbiographie gesungen wird. Wo immer früher Talententwicklung und Förderung planvoll betrieben und angestrebt wird, um die Anschlussfähigkeit und Ausbeute später systemimmanent erworbener Bildungsgüter zu optimieren, werden frühkindliche und außerschulische Bildung, sowie Fort- und Weiterbildung immer wichtiger - damit steigt die Nachfrage nach diese Bereiche flankierenden Produkten, also Büchern, Lernmedien u.v.m.
Neben erwartbaren Themen wie "Digitalisierung" ("das Branchenthema Nummer eins, spielt im Bildungsbereich eine immer größere und global ausgerichtete Rolle") oder "Hirn- und Lernforschung" ragt als besonderes Thema das Engagement der größten Buchmesse der Welt für Alphabetisierung heraus.
Der UNESCO zufolge gibt es weltweit 771 Millionen Erwachsene, die nicht lesen und schreiben können - ca. 18% der Weltbevölkerung. Drei Viertel der Analphabeten weltweit leben in nur 12 Ländern, von denen 8 zu den bevölkerungsreichsten Staaten der Welt gehören: Indien, China, Bangladesch, Pakistan, Nigeria, Indonesien,Ägypten, Brasilien, Iran, Marokko, Kongo und Äthiopien. 64% der Analphabeten sind Frauen. Weltweit gehen 100 Millionen Kinder nicht zur Schule, 55% davon sind Mädchen.
Im Rahmen des Programms "Education for All" haben die Vereinten Nationen sich als eines von sechs Zielen die Erhöhung der Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen, besonders unter Frauen, um 50% bis 2015 als Ziel gesetzt.
Analphabetismus auch eine Herausforderung für Europa
Aber Analphabetismus ist nicht nur ein Problem der Entwicklungsländer. Auch westliche Industrienationen stehen vor der Herausforderung des "funktionalen Analphabetismus": Trotz Schulpflicht und eines gut ausgebauten Bildungssystems gibt es Millionen Erwachsene, die über so geringe Schriftsprachkompetenzen verfügen, dass sie nicht in der Lage sind, ein Formular auszufüllen oder eine Zeitung zu lesen. Der ehrenamtlich agierende Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung aus Münster schätzt die Zahl der funktionalen Analphabeten in Deutschland auf 4 Millionen.

"Ich will eine Lehre machen. Dann bin ich Maurer. Vorher will ich lesen und schreiben lernen." Handschriftprobe eines Kursteilnehmers eines Alphabetisierungskurses für Erwachsene. (Quelle: BVAG)
Im Rahmen der u.a. gemeinsam mit dem UNESCO Institut für Lebenslanges Lernen und dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung ausgerichteten LitCam-Konferenz greift die Frankfurter Buchmesse die meist nur auf dem Plateau jahreszeitlich wiederkehrender Feiertage, wie dem UN-Weltalphabetisierungstag am 8. September geführte Diskussion um Alphabetisierung, Grundbildung und Chancengleichheit auf und bietet dieser ein prominentes Forum.
Zum Start der Buchmesse am 9. Oktober 2007 eröffnet der ehemalige UN-Untergeneralsekretär und indische Schriftsteller Shashi Tharoor die Konferenz im Frankfurter Congress Center. In Podiumsdiskussionen, Workshops und einer begleitenden Ausstellung stellen sich Alphabetisierungsprojekte und -organisationen aus Uganda, Ägypten, Frankreich, Indien, Deutschland, England, Irland und aus dem Buchmesse Gastland Katalonien vor.
Das ausführliche Programm der Konferenz und Informationen zur Anmeldung unter www.buchmesse.de/bildung
Informationen zu LitCam unter www.litcam.de
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