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Kleine Ferkel Cover

Wo bitte geht's hier zu Gott - Kinderbuch auf den Index?

10.02.2008, (MR)

Ein Kinderbuch erregt seit Wochen die Gemüter - Anfang März kommt es zum vorläufigen Showdown. Das hat es wohl selten gegeben, mit dem Buch "Wo bitte geht's hier zu Gott?" landet ein "atheistisches Kinderbuch" von Michael Schmidt-Salomon (Vorsitzender Giordano Bruno Stiftung) vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Die Diskussion tobt schon länger und nimmt mittlerweile wirklich bizarre Züge an, so dass wir uns dann doch entschlossen das Buch für 12,- Euro beim Buchhändler des Vertrauens zu erwerben (ehe man demnächst vielleicht den Personalausweis vor dem Kauf vorzeigen muss).

Worum geht es?
Das Buch kommt in der Aufmachung wie ein nettes Kinderbuch daher, doch es steckt voller Provokation. Ferkel und Igel machen sich auf den Weg Gott zu finden und befragen dazu "Rabbi, Bischof und Mufti". Alle drei kommen gleichermaßen schlecht weg, sie machen Ferkel und Igel schlicht Angst und sind wenig hilfreich bei der Suche nach Gott. Provozierendes Fazit:

"'Und die Moral von der Geschicht': Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht!'" (Quelle: Schmidt-Salomon, "Wo bitte geht's hier zu Gott?")

Soweit so unaufgeregt - das mag dem einen gefallen und den anderen bitter aufstoßen, doch verschiedene Stellen wollen nun offensichtlich die große Keule schwingen. Begonnen hat es mit einer Strafanzeige gegen den Verlag durch das Erzbistum Stuttgart (Strafanzeige) und zuletzt hat sich das Ministerium von Frau von der Leyen eingemischt und möchte das Buch indizieren lassen (BMFSFJ Indizierungsantrag bei HPD-Online).

Schaut man in die Diskussion begegnet man unterschiedlicher Kritik an dem Buch. Die einen heben auf die Darstellung des Rabbi ab ("wütender Mann, entgleiste Gesichtzüge, stereotype Merkmale eines streng orthodoxen Jugen" so der Indizierungsantrag) dabei unterscheide sich die kritische Darstellung des Judentums von der der beiden anderen Religionen - damit weise das Buch antisemitische Tendenzen auf und ist daher geeignet (Achtung:): "Kinder und Jugendliche sozial-ethisch zu desorientieren" (wunderbar, danke liebes Bundesministerium für die Formulierung).

Dazu der Autor auf seiner Homepage:

Im Unterschied zu jenen selbsternannten „Antifaschisten“, die sich bislang über die Figur des Rabbis aufgeregt und dabei überaus merkwürdige Vergleiche gezogen haben, weiß ich aus eigener Erfahrung, was Antisemitismus bedeutet. Wegen meines jüdisch klingenden Namens werde ich seit 1994 regelmäßig als „Judensau“ beschimpft und auch massiv bedroht – meist von Christen, mitunter auch von Muslimen. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, in aller Offenheit jene orthodoxen Juden zu kritisieren, die ebenso wie fundamentalistische Christen und Muslime vom Gotteswahn befallen sind. Mit Antisemitismus hat das selbstverständlich nichts zu tun! Wer liberale oder gar säkulare Juden – insgesamt glücklicherweise die Mehrheit! – von diesen glaubensfanatischen Löckchenträgern nicht unterscheiden kann, der ist wirklich selber schuld! Übrigens: Niemand macht schärfere Witze über Ultraorthodoxe als säkulare Juden… (Quelle: Schmidt-Salomon)

Der andere Teil der Kritik richtet sich gegen die Darstellung des Christentums - hier wird meist der Theologe Prof. Biesinger zitiert und befragt. Er unterstützt zum einen die These, dass das Buch antisemitisch sei und verweist auf einen seiner Meinung nach wichtigen Aspekt: Das Buch mache Kindern Angst vor Religion (und das geht ja gar nicht an).

"Biesinger: Kleinere Kindern dürfen das Buch eigentlich überhaupt nicht in die Finger bekommen. Kinder nehmen so etwas eins zu eins und bekommen dann regelrecht Angst vor Religion. Nachdem es in der Kirche verboten ist, Kindern Angst vor Gott zu machen, macht das nun der Autor und vor allem auch der Illustrator in völlig unverantwortlicher Art und Weise. Der Hinweis der Autoren, dies sei alles nur Ironie, ist pädagogisch für ein Kinderbuch komplett sinnlos: Kinder können Ironie noch nicht verarbeiten und tragen entsprechende Schäden davon.
Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht wird Kindern Angst vor Gott gemacht und das ist nicht erlaubt." (Biesinger im Interview mit dem Domradio)

Viel Emotionalität und noch mehr Empfindlichkeiten findet man, je tiefer man in die Diskussion eintaucht. Auf Seiten der Religionsvertreter ist offensichtlich ein wunder Punkt getroffen worden - und als einzige und letzte Reaktion fordert man ein Verbot des Buches.

Auf Seiten des Autors, des Verlags und vieler Leser bleibt momentan ein tiefes Erstaunen, was man mit wenigen Seiten und Illustration auslösen kann.

Nach der eigenen Lektüre: Das Buch muss einem nicht gefallen, es ist aus meiner Sicht mit Sicherheit nicht antisemitisch (und bei dem Thema gehöre ich zu den kritischen Lesern). Zwischendrin gibt es Stellen zum Schmunzeln, manches kommt recht platt daher. Ob ich das Buch zur nächsten Taufe verschenken sollte - sei dahingestellt. Es auf die "Anklagebank" vor die Bundesprüfstelle zu zerren, spricht nicht für die Kritiker, die sich anscheinend nicht anders zu wehren wissen.

Die ZEIT bringt es gut auf den Punkt:

"Ob nun das Judentum etwas schlechter wegkommt als Katholizismus und Islam, ist nicht ausschlaggebend. Nach der Lektüre des Buchs wird kein Kind auf die Idee kommen, dass Juden schlimmere Menschen sind als Christen oder Muslime. Die Moral des Buchs ist, dass Gläubige verrückt sind – Juden ebenso wie Christen und Muslime." (Quelle: Die ZEIT)

Gleichzeitig ist das ganze ein gutes Beispiel dafür, warum die ganzen Indizierungsdebatten eigentlich meist nichts bringen. Bei Amazon hat es das Kinderbuch auf Platz 5 der Bestsellerliste 2007 gebracht - die Kritiker erreichen durch die Indizierungsdebatte und die Strafanzeigen momentan nur, dass das Interesse an dem Buch steigt - nicht zuletzt natürlich durch die Berichterstattung über den Fall. Ohne den Indizierungsantrag hätte ich mir das sicherlich nicht gekauft, da bin ich ja auch ehrlich.

Warum sich ein Ministerium vor den Karren spannen lässt - bleibt vorerst auch ein Rätsel, zum Abschluss noch einige Links (pro und contra bunt gemischt), machen Sie sich selbst ein Bild:

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Kommentarbereich

5 Kommentar(e) zu "Wo bitte geht's hier zu Gott - Kinderbuch auf den Index?"
1

Michaels Vater hat uns zur Hochzeit das Ave Maria gesungen und dieser Kerl hat nur schräge Gedanken! Der Teufel hat ihn schon...............


16.02.2008 22:19
2

Sehr schöner Beitrag - es ist höchste Zeit, dass wir uns vom Mittelalter verabschieden!!


06.03.2008 18:14
3

ich finds ut das den kindern jetz auch was vernünftiges beigebracht wird durch das kinderbuch. aber die scheiße is dass, wenn die kirche ein kinderbuch rausbringt isses in ordnung, aber wenn wir, die atheisten ein buch rausbringen heist es sofort von der kirche/narichten/politiker das kinderbuch is "jugendgefährdend"


30.09.2008 14:15
4

ausserdem was soll daran jugendgefährdend sein? aufklärung? anregung zum denken?


30.09.2008 14:17
5

Es ist wirklich seltsam, denn würden Kritiker atheistischer Kinderbücher sich mal um die Zeichentrickfilme am frühen Morgen - vorzüglich an Wochenenden - kümmern, dann hätten sie dort mehr als genug zu kritisieren. Als unbedenklich scheint auch Frau von der Leyen zahlreiche Zeichentrickfilme für Kinder zu halten, in denen blondhaarige und bauäugige Heldenfiguren mit Superwaffen gegen intelligente - meist außerirdische - Monster kämpfen. Daran gemessen ist mir auch unverständlich, warum man das Mittelalter als eine dunkele Zeit beschreibt, so die Moderne ungleich dunkeler ist, denn im Mittelalter kannte man keine Massenvernichtungswaffen. Herzlichst und zu tiefst atheistisch, Philo


23.08.2010 05:12

Kommentare


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