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Wie sich der Mensch im Raum orientiert

16.10.2004, ()

Nachfolgend ein Ausschnitt aus der aktuellen Gehirn und Geist (05/2004), mit freundlicher Genehmigung des Verlags:

Sie ist so alt wie die Menschheit: Die Fähigkeit, von A nach B zu finden. Jetzt entschlüsseln Forscher, wie unser Orts­gedächtnis funktioniert. Ihre Erkenntnis: Unser inneres Navigationssystem nutzt verschiedene Landmarken ganz flexibel.

Das menschliche Ortsgedächtnis ähnelt einem U-Bahn-Plan, berichtet der Neurobiologe Hanspeter Mallot von der Universität Tübingen in der neuen Ausgabe von Gehirn&Geist (5/2004). Wir legen keine maßstabgetreuen Landkarten im Kopf an, wie Kog­nitionspsychologen lange vermuteten. Vielmehr genügt uns für die Orientierung im Raum ein simples Schema, das aus mar­kanten Punkten - "Haltestellen" - und Verbindungswegen be­steht.

In der Praxis funktioniert das so: Während wir durch das Straßengewirr einer fremden Stadt laufen, merken wir uns un­bewusst wichtige Orientierungspunkte - etwa Kirchen, Gebäude, oder Plätze. Gleichzeitig speichert das Gehirn die zugehörige Wegrichtung, beispielsweise: "Hinter der Kirche links". Aus die­sen Informationen knüpft unser Ortsgedächtnis ein loses Netz­werk, mit dessen Hilfe wir zumeist den rechten Weg finden.

Der Clou: "Unsere kognitiven Karten sind sehr flexibel", wie Mallot in Experimenten herausfand. Der Forscher schickte seine Probanden auf einen Spaziergang durch eine virtuelle Stadt, die auf einer Leinwand erschien. Dabei sollten sie sich einen be­stimmten Weg einprägen, wobei sie sich mal an nahe Anhalts­punkte wie Bäume und Häuser, mal an weit entfernte (beispiels­weise Berggipfel) halten konnten. Die Orientierung klappte prob­lemlos, allerdings nutzten die meisten Probanden entweder nur die nahen oder nur die fernen Landmarken. Deswegen ver­schärfte der Versuchsleiter in einem zweiten Durchgang die Be­dingungen: Bei einigen Probanden wurden Häuser und Bäume entfernt, bei anderen die Berggipfel.

Das Ergebnis: Die Testpersonen fanden ihren Weg ohne Probleme. "Auch die Teilnehmer, die vorher nur auf Häuser und Bäume geachtet haben, konnten sich jetzt mit Hilfe der Berg­gipfel orientieren - und umgekehrt", so Mallot. Daraus zog er die Schlussfolgerung, dass Menschen nicht auf eine Sorte von Landmarken festgelegt sind, sondern automatisch auf beide achten und, je nach Bedarf, auch beide nutzen können. Der Vorteil sei, dass sich unser Orientierungsvermögen dadurch leicht an Veränderungen anpassen könne.

Die Fähigkeit, sich räumlich zu orientieren, gehört zu den menschlichen Grundausstattungen und ist evolutionär sehr alt. Viele Forscher nehmen sogar an, dass sie die Grundlage für das Denken überhaupt sei. Darauf deuten nicht zuletzt die räum­lichen Umschreibungen für abstrakte geistige Tätigkeiten hin, die in vielen Sprachen vorkommen: Wir "orientieren uns", "suchen Lösungswege" oder "gehen an eine neue Aufgabe heran". Hans­peter Mallots Hypothese: "Vielleicht ist das abstrakte Denken ja aus der räumlichen Kognition hervorgegangen".

 

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