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Wie kommen hohle Phrasen in die Köpfe - und aufs Papier?

Wie kommen hohle Phrasen in die Köpfe - und aufs Papier?

05.03.2009, (TH)

In der neuesten Ausgabe der Mitgliederzeitschrift des bayerischen Philologenverbandes (03/2009) taucht er wieder einmal auf: Der Kölner Aufruf gegen Computergewalt - unkommentiert abgedruckt. Unter der Überschrift "Wie kommt der Krieg in die Köpfe - und in die Herzen?" kratzen die Gegner von Computerspielen alle ihre Argumente zusammen und basteln daraus ein Pamphlet, das (hoffentlich!) in die Annalen der Medienwirkungsforschung eingehen wird als vorerst letzter verzweifelter Aufruf derjenigen, die mit den seit Jahrhunderten immer gleichen Argumenten den gesellschaftlichen Wandel in der Mediennutzung verhindern wollen.

Der Aufruf liest sich schon heute wie eine Persiflage: „Killerspiele sind Landminen für die Seele“ lautet der erste Satz und wenig später wird dem interessierten Leser veranschaulicht, dass diese Spiele „dem professionellen Trainingsprogramm der US-Armee“ entstammen - historisch betrachtet völliger Blödsinn. Abgesehen davon, dass es Computerspiele gibt, die sicherlich nicht für Kinder geeignet sind, geben sich in dem Aufruf die Erstunterzeichner fast schon der Lächerlichkeit preis, wenn sie ihren Namen unter Sätze wie den folgenden schreiben: „Wir fordern, dass die Herstellung und Verbreitung von kriegsverherrlichenden und gewaltfördernden Computerspielen für Kinder und Erwachsene verboten werden - denn Krieg ist nicht nur schlecht für Kinder, sondern auch für Erwachsene“. Wo besteht der Zusammenhang zwischen Computerspielen und Krieg? Der Vorwurf des Realitätsverlusts, der so gerne gegenüber den Computerspielern geäußert wird, trifft hier in erster Linie auf die Kritiker selbst zu. Wer Computerspiele allen Ernstes mit einem Krieg vergleicht, ist bestenfalls gedankenlos zu nennen. Und ganz nebenbei: Krieg ist nicht nur schlecht für Kinder, sondern auch für Erwachsene? Wie schafft es so ein Satz in einen Aufruf, der von namhaften Wissenschaftlern unterzeichnet wird? Computerspiele werden aber noch für ganz andere Dinge verantwortlich gemacht, u. a. die Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit und die Unterminierung des Völkerrechts. Darüber hinaus werden Medienpädagogen unter den Generalverdacht gestellt, Marionetten des „militärisch-industriell-medialen Komplexes“ zu sein und „umfangreiche finanzielle Unterstützung der Games-Industrie“ zu erhalten. Da auch die Politik dem militärisch-industriell-medialen Moloch huldigt, finanziert der Bürger, so heißt es im Aufruf weiter, mit seinen Steuergeldern seine eigene Desinformation. Die Bundeszentrale für politische Bildung, die unverzichtbare Pionierarbeit in der Erforschung von Computerspielen geleistet hat, verstößt sogar „gegen den gesetzlichen Auftrag zur Friedenserzehung“, indem sie „offen für Gewaltspiele“ wirbt. Oder in der einfachen Sprache des Kölner Aufrufs: Sie sind „Komplizen, Kollaborateure und Profiteure der Killer-Industrie“. Eine so unverholene und unverschämte Kritik an unserem Staat und seinen Organen zeigt ein Rechts- und Demokratieverständnis, wie es sonst nur an den äußeren Flügeln des Parteienspektrums auftaucht. Mit dem Kölner Aufruf haben sich Wissenschaftler wie Manfred Spitzer und andere ehrenwerte Erstunterzeichner (z. B. Konstantin Wecker) einen echten Bärendienst erwiesen, denn dieser Aufruf war ihr Abschied aus der wissenschaftlichen und ideologiefreien Diskussion über die Chancen und Risiken der medialen Entwicklung.

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Kommentarbereich

7 Kommentar(e) zu "Wie kommen hohle Phrasen in die Köpfe - und aufs Papier?"
1

Wie wäre es, Herr Hübner, wenn Sie sich für einmal mit der psychologischen Wirkungsforschung befassten, statt gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu polemisieren, welche den Kölner Aufruf unterzeichneten? Was die Chancen und Risiken der medialen Entwicklung anbelangt, sind Analysen aus der Sicht der Psychologie eindeutig relevanter, als der Versuch von Medienfreaks ihr eigenes Konsumverhalten zu rechtfertigen. Gruss aus der Schweiz


05.03.2009 21:14
2

Sehr geehrter Herr Näf, abgesehen davon, dass ich mich Jahre meines Lebens mit der Wirkungsforschung beschäftigt habe, geht es mir in erster Linie um die Art und Weise, wie der Kölner Aufruf verfasst wurde. Die darin geäußerte Polemik entspricht (auch völlig losgelöst vom eigentlichen Inhalt) in keiner Weise wissenschaftlichen Maßstäben. Hier wird so getan, als ob man die Weisheit für sich gepachtet habe und alle anderen (auch der Staat!) dumme, von der Wirtschaft manipulierte und nur auf den eigenen Vorteil bedachte Marionetten seien. Ihr Vorwurf, dass ich als Freak nur meinen Konsum rechtfertigen will, schlägt in dieselbe Kerbe. Im Kölner Aufruf wird nicht argumentiert, sondern diffarmiert. Und wo seriöse Wissenschaftler der Meinung sind, dass sie ihr Ziel nicht mehr nur durch Argumente, sondern auch durch Verleumdung erreichen können, zeigt das für mich, dass sie ihren eigenen Argumenten nicht mehr trauen. Ich möchte meine Meinung mit einem kleinen Gedankenspiel bekräftigen: Klicken Sie sich doch einmal auf die Seite www.egoreader.de. Dort finden Sie den Kölner Aufruf in einer leicht veränderten Fassung, die ich für ein Unterrichtsprojekt erstellt habe. Lesen Sie den Text einmal durch und überlegen Sie, wie plausibel die dort vorgetragene Argumentation für Sie ist. Meine These ist, dass wir heute darüber lachen, wie viel Angst die Menschen einst vor der Wirkung von gedruckten Büchern, Comics oder dem Kino hatten, weil diese Medien für uns heute alltäglich sind und in der Schule der Umgang mit ihnen eingeübt wird. Dieselbe Prozedur wiederholt sich nun bei den Computerspielen. Im Kölner Aufruf steht wortwörtlich, dass der "Spielraum" unserer Kinder und Jugendlichen der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in der völkerrechtswidrigen Kriegen entspricht. Wenn ich mit meinen Schülern "Im Westen nichts Neues" lese, lernen sie auch die Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten kennen und zwar auf eine, wie ich finde, sehr viel direktere, schonungslosere und bedrückendere Art und Weise, als das in einem Computerspiel jemals der Fall sein könnte. Trotzdem käme niemand auf die Idee, das Buch mit der Realität zu verwechseln und gegen mich den Vorwurf zu erheben, dass ich meine Schüler fürs Töten konditioniere und meinen Auftrag zur Friedenserziehung missachte. Diesem fundamentalen Unterschied zwischen Fiktion und Realität, den wir bei jedem anderen Medium völlig selbstverständlich machen, wird im Kölner Aufruf viel zu wenig Bedeutung beigemessen. Liebe Grüße! Tobias Hübner


06.03.2009 00:16
3

Was "reticon" mit einigen Terminhinweisen und deftig-dreistign Kommentaren von "studierenden Menschlein" wie Hübner, Tobias (TH), leistet, zeigt sich also, wenn man nachliest: ... die finale Computerisierung der Kommunkation.


06.03.2009 09:47
4

Top Kommentar, danke! Denn unabhängig von der Position gegenüber Computerspielen: das genannte Pamphlet ist einfach nur peinlich. Wer als Wissenschaftler solche Verschwörungstheorien aufbaut, wird nur noch schwer ernst genommen.


06.03.2009 19:32
5

In der neuesten Ausgabe der Mitgliederzeitschrift des bayerischen Philologenverbandes (03/2009) taucht er wieder einmal auf.... wie nicht anders zu erwarten.. der Kölner Aufruf zeichnet genau das Bild, welches die meisten Fachleute einer völlig veralteten Pädagogik vertreten. In den "wilden 60igern" in die Beamtenjobs gewandert und heute Angst vor jeder Veränderung, die sie selber nicht mehr nachvollziehen können. Warten wir noch ein wenig und und es gibt einen coolen Rentnerverein, der die Welt retten will. Wie bei den Zeugen Jehovas. Die sehen auch immer das - Ende der Welt- durch die modernerne Welt.


06.03.2009 22:53
6

Dieser "Kölner Aufruf" ist in seiner fundamentalistischen Medien- und Technikfeindlichkeit, seinen absurden Verschwörungstheorien und seinen autoritären gesellschaftlichen Forderungen, u.a. explizit auch nach Erwachsenenzensur, wirklich ein eindrucksvolles Dokument von Ignoranz, Dummheit und letztlich böswilliger Repression. Bezeichnend ist, dass fast die ganze "Experten"-Szene, die in einschlägigen Medienberichten immer wieder als Belastungszeugen gegen Spiele auftaucht, da mit unterschrieben hat. So dumm und platt erscheinen Leute wie Pfeiffer, Hüther, Hopf und andere sonst nicht; hier lassen sie die Hosen runter. Gerade, wenn man die einzelnen Berührungspunkte zwischen Spielwelt und Militär kennt, erkennt man die Absurdität der Aufruftexte, die so tun, als würden bei Ballerspielen überall die Generäle mit in den Entwicklerbüros sitzen. Und zu den zentralen gesellschaftlichen Werten gehört auch das Recht auf eine freie Privat- und Fantasiewelt, dass fiktive Medien, die niemanden real beeinträchtigen, Computerspiele, Filme, Literatur, Musik, keinerlei gesellschaftlichen Normvorgaben zwangsunterworfen werden dürfen. Wo kein Opfer und keine Anstiftung zum Verbrechen, da auch kein Verbrechen! Ich hoffe, dass der Zensurmüll weiter bekämpft wird, in Deutschland wie auch z.B. in der Schweiz, u.a. damit der Dreck nicht über andere Länder hier herkommt, nach dem Motto: in der Schweiz zensieren sie Computerspiele für Erwachsene, also machen wir es auch!


09.03.2009 00:10
7

In der aktuellen Folge der Sendung "Neues" (08.03.09) gibt es einen sehenswerten Beitrag zu den immer wieder in der Diskussion angeführten Studien, die angeblich belegen, dass Computerspiele gewalttätig machen: podfiles.zdf.de/podcast/3sat_podcasts/090308_sendung_neues_p.mp4


09.03.2009 19:01

Kommentare


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