Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Gehirn&Geist (9/2005) widmet sich u.a. dem Thema Sprache. Hirnforscher und Psychologen wissen jetzt, dass Tiere uns in Sachen Sprache nie ganz das Wasser reichen können - und weshalb.
Nachfolgend veröffentlichen wir - mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags - einen Auszug aus dem Artikel:
"Manch kluger Hund versteht Dutzende von Wörtern. Und Schimpansen
können sogar kleine Sätze bilden, in dem sie hintereinander auf
verschiedene Symbole deuten. Ist es da überhaupt noch gerechtfertigt,
von einer besonderen menschlichen Sprachfähigkeit auszugehen, die uns
vom Tier unterscheidet? Ja, sagen Psychologen, Linguisten und
Hirnforscher, wie die neue Ausgabe von Gehirn&Geist (10/2005)
berichtet.
Für die meisten Laien zeichnet sich menschliche Sprache vor allem
dadurch aus, dass wir viel mehr Wörter beherrschen und abstraktere
Sachverhalte ausdrücken können als ein Tier. Doch das finden Forscher
wie der Psychologe Marc D. Hauser von der Harvard University gar nicht
so wichtig. Sie interessieren sich viel mehr für die Syntax, also die
Fähigkeit, Wörter nach bestimmten Regeln zu Sätzen zu verknüpfen.
Dabei orteten sie als menschliche Spezialität ausgerechnet den so
genannten Schachtelsatz, mit dessen Hilfe wir Informationen unendlich
ineinander einbetten können, etwa: "Fido, dessen Frauchen, das mit dem
Herrn am Nachbartisch, der eine Glatze hat, flirtet, klaut Wurst vom
Tisch". Stilistisch grauenhaft, aber im Prinzip möglich. Einfache
Relativsätze wie "Fido, dessen Frauchen gerade flirtet, klaut Wurst"
stellen dagegen ein gängiges Satzmuster dar, über das fast jede
menschliche Sprache der Welt verfügt.
Für seine Untersuchungen spielte Hauser Lisztaffen künstliche
Grammatiken vor: Einerseits einfache Strukturen, in denen sich zwei
Elemente lediglich abwechseln - andererseits solche, die
Relativsätzen ähneln. Es zeigte sich, dass die Neuwelt-Affen die
simplen Muster leicht begriffen. Wenn die Forscher hier Fehler
hineinmogelten, entdeckten die tierischen Probanden das sofort.
Komplexe Verknüpfungen dagegen verstanden sie nicht: Sie konnten
keine Struktur darin erkennen und waren daher auch nicht überrascht,
wenn Fehler darin vorkamen.
Offenbar fehlt den Äffchen einfach die passende Ausrüstung in ihrem
Gehirn. Die Psycholinguistin Angela Friederici vom Max-Planck-Institut
für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersuchte, wie
das menschliche Gehirn auf die zwei Typen von Kunstgrammatik reagiert.
Sie spielte ihren Probanden die Verkettungen vor, während sie im
Kernspintomografen lagen. Ergebnis: Schlichte Strukturen werden in
einer evolutionär gesehen alten Hirnregion verarbeitet, über die auch
Affen verfügen. Diese ist unter anderem für die Erkennung einfacher
Muster zuständig.
Dagegen reagiert auf die komplizierten, sprachähnlichen Verknüpfungen
das Broca-Areal. Es ist für die Spracherkennung verantwortlich. Diese
Hirnregion ist eine evolutionäre Neuentwicklung - sie findet sich nur
beim Menschen. Friederici: "Offenbar sind deswegen auch nur wir in der
Lage, solche komplizierten Verkettungen zu entschlüsseln". Die
Hypothese, dass nur die menschliche Sprache Einbettungen - also
Schachtelsätze - zulasse, geht auf die Forschungen des Linguisten Noam
Chomsky vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA)
zurück. Doch "bislang war das nur eine theoretische Annahme. Jetzt
haben wir den hirnphysiologischen Nachweis dafür", so Friederici."
Quelle: Gehirn&Geist 9/2005
Weitere Informationen erhalten Sie auch unter: www.gehirn-und-geist.de
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