In der aktuellen Juni-Ausgabe der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft setzt sich ein ganzer Teil mit den (Geschäfts-)Beziehungen von Tieren auseinander. Dabei zeigt sich, dass auch Tiere "unvernünftig" sind und nicht immer alles auf den eigenen Vorteil ausgerichtet ist.
Nachfolgend ein Auszug aus dem Artikel, mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlages:
"Da laust dich der Affe
Eigentlich dürften Tiere in ihren Beziehungen untereinander nur auf den eigenen Vorteil achten; denn wer das tut, dessen Nachkommen setzen sich im Überlebenskampf durch. Aber das stimmt nicht. Vor allem Affen gehen miteinander viel "unvernünftiger" um - ganz wie die Menschen.
Der renommierte Primatenforscher Frans de Waal hat zwei weibliche Kapuzineraffen namens Bias und Sammy nebeneinander in Käfige gesetzt und ihnen Futter bereitgestellt - aber nicht einfach so. Die Näpfe
stehen auf einem Rollwagen, der mit einem Gegengewicht so beschwert ist, dass die Affendamen ihn nur mit vereinten Kräften zu sich heranziehen können. Das ist eine schwache Imitation der freien
Wildbahn, in der die Affen gemeinschaftlich Eichhörnchen jagen, in Stücke reißen und unter sich aufteilen; aber es ist besser zu beobachten.
Bias und Sammy haben es geschafft, das Futter zu sich heranzuziehen, Sammy greift gierig zu, lässt dabei ihre Zugstange los - und Bias greift ins Leere. Daraufhin schreit die Geprellte in einem Wutanfall
so lange auf ihre Genossin ein, bis die sich bequemt, noch einmal den Wagen mit heranzuziehen. Das kennen wir doch irgendwie: von uns selbst. Ein Mensch würde in dieser Situation die Verpflichtung
empfinden, der Kollegin zu dem wohlerworbenen Lohn ihrer Mühe zu verhelfen, auch wenn er selbst nichts davon hat. Die geschilderte Szene erlaubt kaum eine andere Interpretation, als dass unsere
nächsten biologischen Verwandten ebenfalls so etwas wie eine Verpflichtung empfinden.
Als Wissenschaftler begnügt sich de Waal natürlich nicht mit einer eindrucksvollen Einzelbeobachtung. Am Yerkes-Primatenforschungszentrum in Atlanta (Georgia) lässt er alle Interaktion zweier Kapuzineraffen oder Schimpansen in ihrer jeweiligen Gruppe unter verschiedenen Versuchsbedingungen protokollieren und quantitativ auswerten. Damit kann er belegen, dass die Affen ihre Beziehungen untereinander in erstaunlich menschenähnlicher Weise regeln.
Sie haben zum Beispiel Freunde, denen sie praktisch ständig etwas Liebes tun, ohne im Einzelfall eine Gegenleistung zu erwarten. Gegenüber einem weniger vertrauten Partner betreibt ein Affe eine innere Buchführung: Wer ihm am Morgen einen Gefallen getan hat, dem gibt er am Nachmittag etwas mehr von dem Futter ab, das er in Händen hält. Die Währung, in der diese Leistungen abgerechnet werden, ist das
Lausen: die gegenseitige Fellpflege, die als grooming bezeichnet wird. Es gibt sogar Preisbildung nach Angebot und Nachfrage. Wer einen Blick auf ein Baby erhaschen will - sehr begehrt unter Affenweibchen, die keine eigenen Kinder haben -, muss die Mutter lausen. Wie bei einer Peepshow wird hier Beobachtungszeit regelrecht verkauft. Und ein knappes Angebot treibt die Preise in die Höhe: Sind wenig Babys in der Gruppe, dann lassen sich die Mütter messbar länger bitten.
Merke also: Wenn du als Affe Futter abzugeben, andere Dienstleistungen anzubieten oder ein Baby zum Vorzeigen hast, dann - und nur dann - laust dich der Affe!
In seinem Überblicksartikel "Tierische Geschäfte" in Spektrum der Wissenschaft (Juni 2006) beschreibt de Waal auch Befunde seiner Fachkollegen, die in dieselbe Richtung weisen. So verhalten sich die
Putzerfische, die großen Fischen die Parasiten von der Haut oder sogar aus dem Maul knabbern, wie geschäftstüchtige Kleinunternehmer. Sie bedienen die Kunden, die eine Möglichkeit zum Abwandern haben, besser als die ortstreue Stammkundschaft, und eine heikle Kundengruppe wird
besonders zuvorkommend behandelt: die Raubfische. Denn die neigen dazu, den Dienstleister zu verschlucken, wenn sie mit dem Service nicht zufrieden sind.
Interessanterweise finden die Verhaltensforscher auf diesem Gebiet Gemeinsamkeiten mit den Wirtschaftswissenschaftlern, die neuerdings dazu übergegangen sind, das Verhalten der Menschen experimentell zu erforschen, statt ihnen rationalen Egoismus zu unterstellen und auf diesen Voraussetzungen Markttheorien aufzubauen. Freundschaftliche Bindungen, Gerechtigkeitsgefühl, Zorn über unfaire Behandlung bis hin zu Verweigerungsakten, die zum eigenen Nachteil ausschlagen - das
alles ist nicht etwa eine nebensächliche, irrationale Abweichung von dem Egoismus, der angeblich das Verhalten von Mensch und Tier bestimmt. Es ist das gemeinsame evolutionäre Erbe der Primaten, und es ist ein Erfolgsmodell: Offensichtlich machen die erblichen Dispositionen zu derartigem Verhalten kooperative Aktionen wie die gemeinsame Jagd erst möglich. Das wiederum hat zweifellos dazu
beigetragen, den Menschen zur dominierenden Spezies der Erde zu machen." (Quelle: Spektrum der Wissenschaft, Juni 2006)
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