Die aktuelle Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft beschäftigt sich mit dem kleinen Unterschied zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen. Unterschiede könnten hier zu unterschiedlichen Therapieansätzen bei psychischen Problemen führen.
Nachfolgen ein Auszug aus dem Artikel mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags:
"Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören. Das sind zwar nur Klischees, aber Forscher entdecken immer mehr Differenzen zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen. So sind mittlerweile anatomische, chemische und funktionale Unterschiede in Hirnarealen bekannt, die beispielsweise mit Sprache, Gedächtnis, Gefühlen, Sehen, Hören und Orientierung zu tun haben sowie mit der Reaktion auf Stress. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei der Behandlung psychischer Krankheiten das Geschlecht des Patienten berücksichtigt werden sollte.
Wie der Neurobiologe Larry Cahill von der Universität in Kalifornien in Irvine in der Märzausgabe von Spektrum der Wissenschaft erläutert, dürfte der Grundstein für die anatomischen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen bereits größtenteils im Mutterleib gelegt werden: Sexualhormone in der Gebärmutter beeinflussen die Entwicklung des Organs, darunter auch seine Verdrahtung.
Schon Neugeborene zeigen je nach Geschlecht unterschiedliche Präferenzen. Ein Beispiel: Einen Tag alte Mädchen betrachten lieber das Gesicht einer Frau "in echt", gleichaltrige Jungen lieber ein sich bewegendes Mobile aus Teilen des fotografierten Gesichts.
Die Geschlechter unterscheiden sich auch darin, wie ihr Gehirn später etwa mit Stress oder emotional aufwühlenden Ereignissen umgeht. Wie Cahill und seine Kollegen herausfanden, "gräbt" sich beispielsweise die Erinnerung an Szenen eines brutalen Films bei Männern über den rechten Mandelkern ein, bei Frauen über das linke Gegenstück dieser Hirnstruktur. Interessanterweise können bestimmte Medikamente aus der Gruppe der Betablocker Erinnerungen an traumatische Ereignisse bei Patienten auf Intensivstationen abschwächen - aber nur bei Frauen, wie ein Team um Gustav Schelling von der Ludwig-Maximilians-Universität in München feststellte.Cahill diskutiert auch, weshalb Männern und Frauen unterschiedlichanfällig für einige psychische Störungen sind.
Dass zum Beispiel Frauen eher zu Depressionen neigen, liegt eventuell daran, dass weibliche Gehirne weniger Serotonin produzieren als männliche. DieserBotenstoff wirkt sich auf die Stimmungslage eines Menschen aus. Ein Mangel an Serotonin könnte Depressionen begünstigen. Noch sind sich Forscher und Kliniker nicht ganz einig, wie sich der volle Einfluss des Geschlechts auf Gehirn, Verhalten und medikamentöses Ansprechen am besten ermitteln ließe. Eines wird aber zunehmend akzeptiert: Frau" ist in dieser Hinsicht nicht gleich Mann."
(Quelle: Spektrum der Wissenschaft, März 2006)
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