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Richard Rorty gestorben

11.06.2007, (RK)

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty ist tot. Er starb am vergangenen Freitag im Alter von 75 Jahren an Krebs.

Rorty gilt als Hauptvertreter des amerikanischen „Poststrukturalismus“.  In seinem Denken wandte Rorty sich gegen eine fundamentalistische Erkenntnisphilosophie und widersprach der Möglichkeit, letzte, objektive Wahrheiten durch den Geist ermitteln zu können. Die traditionelle Philosophie sei in dieser Haltung der "Spiegel-Metapher" erlegen: Im Geist werde die Wirklichkeit durch den Wahrnehmungsapparat oder die Arbeitsweise des Verstandes gespiegelt. Je besser der Spiegel poliert sei, desto besser sei die Wirklichkeit zu erkennen. Aber auch der neueren Sprachphilosophie hielt Rorty vor, am Ideal einer Sprache der Erkenntnis fest zu halten, die die Welt, wie sie wirklich sei, adäquat abbilden könne und solle.

Sprache und Wirklichkeit existieren nicht unabhängig voneinander , vielmehr ist alles, was wir "Wirklichkeit" nennen und über "Wirklichkeit" wissen, sprachlich vermittelt.  "es gibt keinen erkenntnistheoretischen Abgrund zwischen den Wörtern und den Dingen. Anders als in der analytischen Philosophie - damals wie heute - üblich, will Rorty die "Hinwendung zur Sprache" allerdings nicht als den Versuch verstanden wissen, eine abstrakte Idealsprache zu konstruieren oder Regeln für die gesprochene, die Umgangssprache zu rekonstruieren."

"Nach vorne gerichtetes Durchwursteln"

Statt dem Streben nach objektiver Wahrheit durch die Erkenntnistheorie sei das Interpretieren und Verstehen menschlicher, kommunikativer Praxis durch die Hermeneutik in den Vordergrund zu stellen. Als adäquate Haltung propagiert Rorty in einem seiner Hauptwerke "Kontingenz, Ironie und Solidarität" - Wenn nichts notwendig (also kontingent) ist, könnte man verzweifeln, darüber, dass alles gleich gültig, also egal und bedeutungslos ist. Jedoch gibt es eine menschliche Praxis der Kommunikation, die einen permanenten Strom von Vokabeln, Sätzen und Metpahern produziert und die zu interpretieren man angehalten ist, ohne dem Trugschluss zu erliegen, dass die Worte Letztgültiges verkünden oder auch nur als Instrumente zur Bestimmung von Letztgültigem geeignet seien: „Da Wahrheit eine Eigenschaft von Sätzen ist, da die Existenz von Sätzen abhängig von Vokabularen ist, und da Vokabulare von Menschen gemacht werden, gilt dasselbe für Wahrheiten.“

Zugleich kann man der paradoxen Situation nicht entkommen, in Sprache sich zu bewegen und sie zu benutzen, als ob sie Sinn ergebe. Rorty propagiert daher die Haltung der Ironikerin (er benutzt die weibliche Form, um sich von klassischen Ironie-Konzepten abzugrenzen, die in der Ironie ein Instrument zur Wahrheitsfindung verstehen). Die Ironikerin ist radikal skeptisch gegenüber dem eigenen Vokabular und lässt sich auf keiner Ebene häuslich nieder, hinterfragt immer neu und bricht Denk-, Sprach- und (Be)Deutungsmuster neu auf.  Die Einsicht in Kontingenz führt für Rorty demnach nicht in Defätismus, Anomie, Irrsinn oder Verzweiflung, sondern ist ihm im Gegenteil die Freiheit des Menschen und weist das "Wir", die Solidarität als Weg ein subjektiv sinnvolles Leben zu gestalten, ohne obejtiv Sinn zu ergeben, da es Sinn jenseits des konkreten Menschen, des konkreten Handelns als objektive Kategorie nicht geben kann.

Design rules: Richard Rortys Homepage an der Universität Stanford.

Richard Rorty bei Wikipedia

Philosophie gegen Lachfeinde in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung
Vom Grübeln zum Handeln in der Online-Ausgabe der Taz
Mitleid kann man lernen in der Online-Ausgabe des gerelaunchten Tagesspiegel
Bush Gegner und amerikanischer Patriot im Online-Angebot des Deutschlandfunks
Mistrauen als erste Bürgerpflicht in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau

Literatur
Rorty zur Einführung von Walter Reese-Schäfer

Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität, 323 Seiten, Suhrkamp
Richard Rorty: Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. 190 Seiten, Suhrkamp

 

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