Kontakt  Presse  reticon-Redakteure   Impressum   Datenschutz  
reticon Bildung und Neue Medien
reticon - Bildung und Neue Medien

Rezension zu Rainer Stamm: Ein kurzes intensives Fest. Paula Modersohn-Becker. Eine Biographie.

(c) Cover: Rainer Stamm: "Ein kurzes intensives Fest", Reclam

Rezension zu Rainer Stamm: Ein kurzes intensives Fest. Paula Modersohn-Becker. Eine Biographie.

17.04.2008, (MD)

Die Assoziation ihres Namens mit düsteren Worspweder Moorbildern muss nach dem Lesen dieses Buches völlig revidiert werden. Auch die Annahme, dass Minna Hermina Paula Becker (geb. 1876) im Schatten des Malers und ihres Ehemannes Otto Modersohn gestanden hätte, wird in der von Anfang bis Ende packenden Biographie von Rainer Stamm widerlegt. Das Buch zeigt vielmehr auf, was sie wirklich ist: Paula Modersohn-Becker, eine Wegbereiterin der modernen Kunst und der modernen Frau.

In einer Zeit, in der die Frau in ihrer Rolle der Hausfrau und Mutter gesehen wird und in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen keine Rechte hat, erweitert Paula Becker ihren Lebens- und Arbeitshorizont so eigenmächtig und willensstark, dass ihr Leben eine einzige faszinierende Emanzipationsgeschichte ist.

Durch nichts lässt sie sich von ihren künstlerischen Zielen abhalten: weder durch Kritikerverrisse ihrer ausgestellten Bilder noch durch Zweifel bei Eltern, Mann oder Freunden oder durch einengende, moralische Vorstellungen von Schicklichkeit und Anstand.

Paula Becker durchbricht immer wieder die Enge der Worpsweder Künstlerkolonie, wo es ihr an Innovation und modernen Durchbrüchen in der Malerei fehlt. So fährt sie 1900  zum ersten Mal  nach Paris. Noch zwanzig Jahre zuvor war es Frauen untersagt, alleine im Jardin de Luxembourg zu flanieren. Und nun können Frauen - zumindest an Privatakademien- in Paris eine künstlerische Ausbildung erhalten.

Paula Becker gerät bei ihren insgesamt vier Pariser Aufenthalten immer wieder in den faszinierenden Sog vom Montparnasse.  In der Akademie Colarossi und unter dem Einfluss des freien, turbulenten Pariser Lebens lernt Paula Becker, sich gegen die Fesseln der Konventionen zu wehren. Sie zeichnet Akt, morgens in den Damenklassen, abends beim Männerakt. Und dann ihr Selbstakt „Selbstportät am 6. Hochzeitstag "(1906)! Undenkbar zu der Zeit, dass eine Frau sich selbst nackt darstellt. Stamm bezeichnet das Bild als „Inkunabel der Emanzipation".

Rückkehren nach Worpswede, Aufenthalte in Berlin, Begegnungen mit Rilke, Heirat mit Otto Modersohn, Trennung und Versöhnung, alles wird impulsiert durch ihre Reisen nach Paris. Vor allem aber ihre Kunst.

Rainer Stamm, Direktor des Paula-Modersohn-Becker Museums in Bremen, bringt dem Leser die Person der Malerin und ihre Kunst nicht nur fundiert und professionell aus der Sicht des  Kunsthistorikers, Kenners und Literaturwissenschaftlers nahe. Die Faszination des Buches liegt auch in der gelungenen Übereinstimmung von Inhalt und Form, der brillanten Mischung aus Dokumentation,  empathisch literarischer Beschreibung und sorgfältiger Auswahl von Zitaten.

Stamm schult den Leser durch seine Bezugnahmen zu den Abbildungen darin, die Bilder Modersohn-Beckers besser lesen und in ihrer kunsthistorischen Modernheit und Bedeutsamkeit erkennen zu können. Nicht zuletzt ist dem Autor ein wunderbarer Brückenschlag zur Gegenwart gelungen, indem er die Wege und Aufenthalte Paula Modersohn-Beckers auch in Kartographie und Bildern des heutigen Paris nachzeichnet. So macht er Kunstgeschichte lebendig und den Leser neugierig, auch weiterhin auf den Spuren der Malerin zu bleiben.

Rainer Stamm: Ein kurzes intensives Fest. Paula Modersohn-Becker. Eine Biographie.
Stuttgart 2007, Reclam

 

Informationen zum Artikel

blog comments powered by Disqus

RSS & Social Media

rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild
rss-Bild

myreticon

E-Mail
Passwort Login

Infos & Hilfe | Registrieren

Kostenlose Newsletter

Wöchentliches Newsletter
Tägliche Medientipps

E-Mail:  

reticon-Quiz

Warum heißt die SPAX Schraube SPAX?
Sie wollen es wissen?
Hier gibt es die Antwort

» Alle reticon Quiz-Fragen

Sprüche & Zitate

Es ist nicht schwierig zu altern, wenn man seit Jahren nichts anderes tut.

Serge Poliakoff