"Berlin oder so. Kleine Großstadtgeschichten" ist soeben im Thomsn-Verlag erschienen und enthält eine Sammlung unterschiedlicher Texte aus verschiedenen Weblogs.
Zu den verschiedensten Themen, z.B.: "Ärztliche Versorgung“; "Bekanntschaften“;"Arbeit“ etc. gibt es einzelne Kapitel, in denen jeweils Texte einiger der im Buch vertretenen Autoren zu finden sind.
Rezension zu "Berlin oder so. Kleine Großstadtgeschichten“ (erschienen im Thomsn-Verlag)
Eine treffende Beschreibung des Buches befindet sich im "Vorwort oder so“ von Ondrej Undéty:
"Die in dieser Anthologie versammelten Beiträge entstammen alle sogenannten Weblogs oder kurz Blogs. […] ein Weblog ist eine im Internet veröffentlichte Webseite, welche Texte und Bilder, aber auch Audio- und Videoformate enthalten kann, wobei die aktuellsten Einträge jeweils oben auf der Webseite erscheinen.“
Zu den verschiedensten Themen gibt es einzelne Kapitel, in denen jeweils Texte einiger der im Buch vertretenen Autoren zu finden sind. In simplen Zahlen ausgedrückt: das Buch besteht aus 13 Kapitel, in denen 9 Autoren vertreten sind.
In seinem Vorwort beschreibt O. Undéty seine Motivation dieses Buch herauszubringen, läge darin, "dass in vielen Weblogs außerordentlich schöne und charmante Texte geschrieben werden“. Dem kann ich nur zustimmen, es wäre doch sehr schade, wenn die Texte der Schnelllebigkeit des Internets zum Opfer fielen und im allgemeinen Datenwust untergingen. Im Buchformat herausgegeben, wird ihnen dieses Schicksal wohl erspart bleiben.
Ich werde mich im Folgenden mit zwei der Autoren näher beschäftigen:
Pe und Erasmus von Meppen.
Wobei ich noch erwähnen möchte, dass es neben Pe nur noch zwei weitere weibliche Autoren gibt, wahrscheinlich ist das Verhältnis weiblicher zu männlicher Autoren von Weblogs noch eindeutiger bzw. einseitiger, aber das ist nur eine Vermutung am Rande.
Pes Schreibstil ist herrlich ironisch. Am besten lässt sich dies durch einen kurzen Ausschnitt aus dem Text: „Die Unfallpraxis“ aus dem Kapitel "Ärztliche Versorgung“ illustrieren. Im Grunde genommen sind die Texte des Buches in Form von Kurzgeschichten geschrieben, ohne Einleitung ist man mit einer Situation konfrontiert und wird im Falle von Pe meist mit einer ironischen Pointe aus der Geschichte wieder entlassen.
Die schon angesprochene Geschichte beginnt folgendermaßen:
">Wieviel wiegen Sie?<, fragt der Arzt. Um meine Ehrlichkeit anzuregen, präsentiert er mir seinen Bauch, der vom Übergrößehemd gerade so bezwungen wird. Ich nenne eine Zahl, die nicht allzu weit von der Realität entfernt liegt. >Ich muss das wissen, wegen dem Thromboseschutz.< Ich nenne eine Zahl, die noch ein bisschen näher an der Realität ist.“ (S. 33)
Im Folgenden wird angenehm sarkastisch der Alltag in einer Praxis beschrieben, z. B. die Prozedur des Aufrufens der Patienten:
"Wenn man ungefähr drei Ausgaben der Freizeit-Revue durchgeackert hat, wird man von der Sprechstundenhilfe aufgerufen.[…] Die Sprechstundenhilfe brüllt also: >FRAU!< Oder auch >HERR!< Das erschöpft sie dermaßen, dass sie den Nachnamen kaum mehr als flüsternd über die Lippen bringt, das Wartezimmer reckt die Ohren kollektiv in Richtung Sprechstundenhilfe und anschließend diskutiert die Gruppe, wer gemeint sein könnte.“ (S. 35)
Eine andere unglaublich witzige und ironische Geschichte ist:
"Mimikausfall überm Seelachs“ im Kapitel "Bekanntschaften“. 1. Satz:
"Immer wenn mir übel ist, muss ich daran denken, wie R. seine unfassbar hässlichen Westernstiefel vollgekotzt hat.“ (S. 54)
Im Verlauf werden in wenigen Sätzen die Stiefel thematisiert, um dann zum eigentlichen Gegenstand des Textes zu kommen:
"Kurze Zeit später machte R. mir einen Heiratsantrag. Wir waren nach einem Stadtbummel in ein Schnellrestaurant eingekehrt, und über das Seelachsfilet und die Pommes Frites hinweg fragte er mich, ob ich denn nicht auch der Meinung sei, dass wir langsam mal zu Potte kommen sollten.[…] Würde sich sicher auch viel besser in den Bewerbungen machen heutzutage.[…] Einen größeren Blödsinn hatte ich noch nie zuvor gehört. Vor lauter Verblüffung versagten meine Gesichtsmuskeln, und zwar ein jeder so, wie er es am besten konnte: Die Augenbrauen schnellten in Richtung Schädeldecke, der Unterkiefer zum Brustbein, die Unterlippe bekam Übergewicht und kam auf dem Kinn zu liegen[…]“ (S.54) usw. Die Geschichte endet mit dem bissigen Statement:
"Wir erörterten das Thema nie wieder und trennten uns bei der nächstbesten Gelegenheit.“(S. 55)
Ein weiterer Autor, der mich vor allem durch seine Vielseitigkeit beeindruckte, ist Erasmus von Meppen. Ich möchte auf zwei seiner Texte kurz eingehen.
In "Tiere sehen sich an“ im Kapitel "Zoologische Gärten“ beschreibt der Autor die Besucher eines Zoos:
"Gestern bin ich mal wieder in den Berliner Zoo gepilgert, um endlich die lang ersehnte Begegnung mit dem sagenumwobenen Zwergplumplori herbeizuführen. Doch ach, strahlend schönes Wetter und der damit einhergehende Kinder-Eltern-Tsunami vereitelten mein Begehr. Zügellos wurde dort herumkrakeelt, an die Scheiben geklopft, mit Blitzlicht fotografiert, dass es mir vor den Tieren ob meiner missratenen Artgenossen die Schamröte ins Gesicht trieb.“ (S. 22) Im Verlauf des Textes schildert E. von Meppen sehr amüsant seine weiteren Eindrücke, um den 1. Abschnitt mit den Sätzen zu beenden: "Ich werde nicht aufgeben! Bald gehe ich wieder hin, wochentags und bei Regen oder Schnee.“ (S. 23)
Eine völlig andere Geschichte findet sich im Kapitel "Die Welt der Klassik“: "Aida im Querschnitt“. Wobei das Kapitel ausschließlich Texte von E. von Meppen enthält und überwiegend aus Dialogen in schönstem 'Berlinerisch' zwischen Kundschaft und Verkäufer in einem CD-Laden besteht.
">Ick hätte jern ma Aida.<
>Gesamtaufnahme oder Querschnitt?<
>Iss die jelähmt, oda watt?<
>Nein (leicht konsterniert) auf dem Querschnitt ist nur der Quer…also da ist nicht alles drauf.<
>Ick wüllja ooch nüch allet, nur Aida, wissense.<“ (S. 70, 71)
Dieser skurrile Dialog spinnt sich noch eine Weile fort, letztendlich klärt sich die Frage, welche CD es sein soll, anhand des Geldes:
"(kramt in seiner Hosentasche) >Wartensema … watt ha’ck’n jetzte dabei (nestelnd, zählend) … Fümpfeurozwanzich.< […]
>Für diesen schmalen Geldbeutel hätten wir ohnehin nur einen Querschnitt in deutscher Sprache da.<“ (S. 72)
Nach diesen kleinen Ausschnitten aus dem Buch kann ich nur empfehlen, wer neugierig geworden ist und einen umfassenderen Eindruck bekommen möchte:
Selber lesen!
Viele Texte sind erfrischend ironisch, gut geschrieben und unterhaltsam. Das Buch ist sehr abwechslungsreich, da die Kapitel relativ kurz sind und in ihnen überwiegend verschiedene Autoren zu Wort kommen. In diesem Pluspunkt steckt aber auch ein kleiner Kritikpunkt meinerseits: Es ist doch manchmal zuviel, wenn die Geschichte schon zu Ende ist, kaum dass man sich auf einen Autor eingelassen hat und man zum selben Thema mit einem anderen Autor und dessen völlig anderem Stil konfrontiert wird.
Um einzelne Autoren und ihren Stil besser kennen zu lernen, kann man aber auch das Buch querlesen. Im Kapitel "Autorinnen und Autoren" sind sie einzeln mit Angabe der jeweiligen Text aufgeführt und so kann man sich Kapitel übergreifend einzelnen Autoren widmen.
Der andere Kritikpunkt ist der Titel: „Berlin oder so“, er ist sicherlich verkaufsfördernd, schürt aber natürlich auch Erwartungen, die nicht erfüllt werden, denn Berlin spielt nicht wirklich ein Rolle.
Trotzdem: eine tolle Idee, lesenswerte Texte aus dem Netz zu sammeln und herauszugeben!
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