Rezension für reticon von Marion Döbert (Bundesverband Alphabetisierung, VHS Bielefeld) zur gerade erschienen Studie "Volkswirtschaftliche Kosten der Leseschwäche in der Schweiz", einer Auswertung der Adult Literacy&Life Skills Survey (ALL), Bern 2007 (J. Guggisberg, P. Detzel. H. Stutz).
Im Auftrag des Schweizer Bundesamtes für Statistik hat das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) untersucht, welche wirtschaftlichen Folgekosten mit unzureichender Lesekompetenz verbunden sind. Ausgewertet wurden die vom Bundesamt selbst erhobenen Daten zur Lesekompetenz: Adult Literacy&Life Skills Survey (ALL), 2003. Unter dem Titel „Volkswirtschaftliche Kosten der Leseschwäche in der Schweiz“ wurde die Untersuchung 2007 zusammenfassend publiziert.
Die Autoren Guggisberg, Detzel und Stutz haben den Einfluss von unzureichender Lesekompetenz auf die sozioökonomische Integration einer Person anhand ihrer Erwerbssituation untersucht. So wurden die Lohnunterschiede zwischen leseschwachen und anderen Personen analysiert. Ebenso wurde erforscht, ob leseschwache Personen eher das System der sozialen Sicherung - Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe- in Anspruch nehmen müssen als andere Personen.
Die Ergebnisse hätte man ahnen können: Leseschwache Erwerbstätige haben deutlich tiefere Löhne als andere Personengruppen. Leseschwache sind häufiger arbeitslos und müssen daher stärker die Arbeitslosenversicherung in Anspruch nehmen. Was aber als gesunder Menschenverstand oder soziologische Logik leichthin von Politikern übergangen werden kann, wird in der Zahlenabbildung zu einem brisanten Fakt, an dem Politik gemessen werden kann und muss. Die Forscher berechnen dezidiert die Ausgaben für Arbeitslosenentschädigung, entgangene Lohnsummen und Steuern durch Arbeitslosigkeit, Belastungen der Erwerbsbevölkerung und des Staates durch Zahlungen an die Arbeitslosenversicherung usw. Summa summarum errechnen die Forscher bei Integration der rund 24.000 Betroffenen in den Arbeitsmarkt einen volkswirtschaftlichen Nutzen in Höhe von 1 316 Millionen Franken (knapp 800 Millionen Euro). Ein erquicklicher volkswirtschaftlicher Gewinn also, wenn in die Verbesserung der Lesekompetenzen investiert würde.
Leider ist die zugrunde liegende Datenbasis (ALL) der Schweizer Untersuchung - ähnlich wie in anderen internationalen Erhebungen auch - nur auf die Lesekompetenz bezogen. Die wesentlich komplexeren und für Beruf und Alltag immer relevanter werdenden Schreibkompetenzen hingegen wurden bislang nicht berücksichtigt und das, obwohl die Anzahl der funktionalen Schreibanalphabeten in modernen Gesellschaften bei weitem höher ausfallen dürfte als die der funktionalen Leseanalphabeten. Was das wohl kostet?
Weitere Informationen
- Die Zusammenfassung der Studie findet sich unter:
http://www.stiftung-sags.ch/PDF/Zusammenfassung_BASS_April07_dt.pdf - Der ausführliche Bericht unter:
http://www.buerobass.ch/pdf/2007/leseschwaeche_bericht_d.pdf - Das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS wurde Ende 1992 gegründet. Praxisorientierte ökonomische Analysen sind die Spezialität des Instituts:
www.buerobass.ch - Andere internationale Studien zu (mangelnden) schriftsprachlichen Kompetenzen unter:
http://www.statcan.ca/english/Dli/Data/Ftp/ials.htm




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