Pressemeldung der FU-Berlin:
Laptops zum ersten Schultag? Studie zum Einfluss mobiler Computer auf
den Unterricht
Gehören Laptops heutzutage in den Schulranzen? Mobile Computer sollen
das schulische Lehren und Lernen revolutionieren. Dabei stehen die
Förderung von Medien- und Methodenkompetenzen, von Teamfähigkeit und
sinnhaftem Lernen im Zentrum der Debatten. Aber können Laptops diese
Hoffnung auch erfüllen? Die an der Freien Universität Berlin entstandene
Dissertation der Psychologin Heike Schaumburg setzt sich kritisch mit
diesem Thema auseinander. Schaumburg kommt zu dem Schluss, dass die
Integration von Laptops nur bei einer Minderheit der Lehrer zu einer
konsequenten Veränderung der methodischen Praxis auf allen
Unterrichtsebenen führt.
Der Einsatz von Informationstechnologien in der Schule wird seit über
dreißig Jahren propagiert. Bereits in den 1970er Jahren sollte die
Bildungskrise mit dem programmierten Unterricht überwunden und das
schulische Lernen durch den Einsatz von Computern reformiert werden.
Doch allzu viel hat sich nicht getan, weshalb das
Bundesbildungsministerium noch heute mit speziellen Initiativen, wie zum
Beispiel "Schulen ans Netz", die Entwicklung voranzutreiben versucht.
Die erhoffte Wirkung einer grundlegenden Veränderung des Lernens ist
allerdings noch nicht erzielt worden.
Seit der Entwicklung tragbarer Computer wird als Teil dieser
Reformbewegung auch der Einsatz von Laptops in Schulen experimentiert.
In den meisten Projekten erhält jeder Schüler sein eigenes Gerät, das
aufgrund seiner Mobilität sehr flexibel eingesetzt werden kann: nicht
nur in der Schule, sondern auch zu Hause, in Bibliotheken oder auf
Exkursionen. Welchen Einfluss haben mobile Computer auf die Lernziele,
und wie gehen Lehrer mit dem neuen Medium im Unterricht um?
Es sind vor allem innovative und experimentierfreudige Lehrer, die vom
Lehrplan abweichen, um den Laptop konstruktiv im Unterricht einzusetzen.
Sie sind jedoch in der Minderheit. Die meisten Lehrer halten eher an
traditionellen Unterrichtsformen fest, da für sie die
bildungspolitischen Rahmenbedingungen eine Behinderung darstellen.
Erfüllen mobile Computer die in sie gesetzte Hoffnung, als Katalysator
für eine Reform des schulischen Lernens hin zu einer
konstruktivistischen Unterrichtsmethodik zu wirken? "Die Ergebnisse
meiner Studie zeigen, dass das Integrieren von Laptops unmittelbar zu
einem Wandel des Unterrichtes führt", resümmiert Heike Schaumburg und
fährt fort: "Bestimmte Unterrichtsformen und -abläufe, insbesondere der
lehrergelenkte Frontalunterricht, werden durch das Vorhandensein der
Laptops ausgehebelt oder lassen sich nur schwer mit Laptops realisieren
- aufgrund der individuellen technischen Fragen und Probleme." Nicht
selten verfügen Schüler über weitaus mehr Computerkenntnisse als ihre
Lehrer. Die Lehrer sind deshalb eher bereit, Arbeitsaufträge so zu
formulieren, dass sie den Schülern mehr Freiheiten zugestehen. Das führt
in vielen Fällen zu einem größerem Selbstbewusstsein der Schüler.
"Indirekt führen Computer zu einer Reform des Schulunterrichts", sagt
die Psychologin. "Denn sie bringen die Lehrer dazu, ihre eigene
Unterrichtspraxis zu überdenken und sich verstärkt mit Kollegen über
Unterrichtsführung und -methodik auszutauschen." Deutlich habe das
Projekt gezeigt, dass sich durch die Laptops der Unterricht vielmehr auf
die Schüler als auf die Lehrer konzentriere.
Heike Schaumburg hat im Rahmen ihrer Studie fünf Lehrertypen bestimmt,
die den Laptop im Unterricht auf unterschiedliche Weise integrieren.
Typ 1 versteht sich primär als Wissensvermittler. Er will den Schülern
möglichst eindeutige Vorgaben und Arbeitsanweisungen erteilen und den
Unterricht lenken. An diesem Rollenverständnis hat sich auch im
Laptop-Unterricht wenig verändert. Der Computer übernimmt die Funktion
von Arbeitsheft oder -buch. Der Lehrer empfindet den Laptop als störend,
weil er das Erreichen der curricularen Lernziele behindert - und an dem
hält dieser Lehrertyp streng fest.
Typ 2 verwandelt sich im Bereich der Computerkompetenz zu einem Berater
und Mit-Lernenden. Er billigt dem Schüler ein großes Maß an
Selbstständigkeit zu, weil Schüler Computerkompetenzen unproblematisch
und schnell erwerben, ohne dass der Lehrer jeden Schritt vorkonstruiert.
Die Schüler werden in die Rolle des Lehrenden versetzt, da sie den
Lehrern teilweise überlegen, zumindest ebenbürtig sind. Auf fachlicher
Ebene ist der Lehrer nach wie vor in der Rolle des Autoritären.
Typ 3 entscheidet je nach Lehrplan, ob der Einsatz von Laptops sinnvoll
ist. Lassen sich Unterrichtsinhalt und Computernutzung nicht miteinander
vereinbaren, verzichtet der Lehrer auf den Computer. Diesem Lehrertyp
ist bewusst, dass sich mit Laptops das experimentelle Lernen gut
realisieren lässt.
Typ 4 wurde durch das Vorhandensein der Laptop besonders stark dazu
angeregt, den Unterricht sowohl inhaltlich als auch methodisch zu
verbessern. Diese Lehrer sind bereit, von den curricular
vorgeschriebenen Inhalten abzuweichen. So beziehen sie das Internet in
den Unterricht mit ein, damit die Schüler eigene Themenstellungen
einfacher verfolgen können. Der Schüler und seine Befähigung zum
eigenständigen Arbeiten wird hier ins Zentrum gerückt.
Typ 5 ist - auch ohne Laptops - an einer ständigen Verbesserung der
Lernprozesse interessiert. Die Entscheidung, den Laptop einzusetzen, ist
für diesen Lehrertyp untrennbar mit Inhalts- und Methodenfragen
verknüpft. Typisch für diese Lehrer ist, dass sie auch schon vor der
Laptop-Einführung ein breites Spektrum an Unterrichtsmethoden angeeignet
haben. So verwundert es nicht, dass sie einen sehr kreativen Einsatz des
Computers zeigen; häufig entwickeln sie neue Nutzungsmöglichkeiten. Die
Lehrer haben Freude am Konzipieren und Erproben neuer Lernformen. Sie
zeigen dabei großes Selbstvertrauen, obwohl sie selbst ihre technische
Kompetenz als mittelmäßig einschätzen.
Die Grundlage der Untersuchung bilden Daten, die über einen Zeitraum von
drei Jahren im Rahmen eines Modellversuches an einem
Nordrhein-Westfälischen Gymnasiums gesammelt wurden. Die Analyse von
Unterrichtsveränderungen basiert auf einem multimethodischen Vorgehen,
das qualitative und quantitative Vorgehensweisen in drei Teilstudien
(Schüler- und Lehrerbefragung per Fragebogen, Interviewstudie mit
Lehrern und Schülern, Unterrichtsbeobachtung) kombiniert. Unterstützt
wurde das Forschungsprojekt durch die Bertelsmann-Stiftung.
Die Studie ist im Internet einsehbar unter:
http://www.diss.fu-berlin.de/2003/63
Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Heike Schaumburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie
der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-70302, E-Mail:
heike@cmr.fu-berlin.de
Weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.diss.fu-berlin.de/2003/63
http://www.ev-stift-gymn.guetersloh.de/medienprojekt/laptopprojekt/
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