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Quote der Studienabbrecher durch Bachelor gespalten: Geisteswissenschaft gewinnt, Ingenieure fallen durch

Studentin im Seminar

Quote der Studienabbrecher durch Bachelor gespalten: Geisteswissenschaft gewinnt, Ingenieure fallen durch

14.02.2008, (JA)

Weniger Studienabbrecher durch Einführung des Bachelors, das war Ziel und Hoffnung des Bologna Prozesses. Der Bericht zur "Entwicklung der Studienabbruchquote" des HIS zeigt für die erste Generation der Bologna-Absolventen eine uneinheitliche Entwicklung: Was in den Geisteswissenschaften gelingt, ist bei den in Deutschland dringend gefragten Ingenieurwissenschaften gehörig schief gelaufen.

"Heiße Ware", titelt die Online-Ausgabe der ZEIT anlässlich der aktuellen Abbrecher-Studie der Hochschul-Informations-System GmbH und kommt unumwoben zur Kernaussage:

Die Bachelor-Reform sollte die Zahl der Studienabbrecher verringern. [...] Bisher gelingt dies nur in wenigen Fächern. [...] Schaut man sich das gesamte Spektrum der Disziplinen an, so fördert der Umbau der Lehrarchitektur womöglich sogar den Misserfolg. Während die Gesamtabbruchquote bei den Universitäten auf 20 Prozent gesunken ist, liegt sie in den Bachelor-Studiengängen bei 23 Prozent. An den Fachhochschulen bleiben gar 39 Prozent der Bachelorstudenten auf der Strecke.

Und als ob dieser statistisch offenkundige Misserfolg des verspäteten Bologna-Beta-Tests nicht schon Anlass genug zu kritischen Fragen wäre, liegt der Teufel wie so oft auch noch im Detail: Geistes- und Sozialwissenschaften konnten die Abbruch-Quoten deutlich senken, aber ausgerechnet die in Deutschland so gefragten Ingenieurwissenschaften fallen durch bzw. geben auf. Dabei war doch Bologna für Deutschland gerade ein Hoffnungsschimmer, der vergleichsweise geringen Akademikerquote entgegen zu wirken und den Fachkräftemangel abzubauen. Laut der Abbruch-Studie sind es aber genau die so dringend benötigten Maschinenbau- und Elektrotechnik-Studierenden, die im Bachelorstudiengang häufiger das Studium nicht beenden als beim ehemals häufig kritisierten Diplom. Die ZEIT pointiert polemisch:

Die nüchterne Diagnose erweist sich als politisch hochbrisant. Denn wer freut sich über mehr erfolgreiche Germanisten oder Soziologen, wenn gleichzeitig die Ingenieure durchs Raster fallen?

Aber die Fachleute vom HIS beschwichtigen, die Ergebnisse seien keinesfalls Argumente gegen den Bologna-Prozess, sondern statt dessen Zeugnis der "Anfangs- und Umstellungsschwierigkeiten" der neuen Studiengänge. Eine rein private und vollständig unrepräsentative Erinnerung belegt dies: Viele jüngere Bekannte und ein großer Teil meiner Studierenden konnten von solchen Startproblemen statt eines Liedes gleich abendfüllende Operetten singen. Worin liegt aber nun der unterschiedliche Erfolg der verschiedenen Disziplinen begründet? Die HIS-Statistiker in ihrer Pressemitteilung:

Die hohen Abbruchraten können dabei nicht dazu dienen, das Konzept der neuen Studienstrukturen oder sogar den gesamten Bologna-Prozess in Frage zu stellen. Vielmehr weisen die fächergruppenspezifischen Differenzen darauf hin, dass der Studienerfolg in den Bachelor-Studiengängen im Zusammenhang zu sehen ist mit der Art und Weise, wie die Bachelor-Master-Strukturen umgesetzt wurden. Deshalb ergibt sich ein hoher Handlungsbedarf besonders für bestimmte Studienbereiche an den Hochschulen.

Die ZEIT spricht hier von einem Analogon zum G-8-Syndrom an Gymnasien. Anstelle einer Anpassung der Curricula auf die veränderten Anforderungen der neuen Studiengänge sei der ehemalige (Vor-) Diplomstoff nahezu 1:1 für den Bachelor übernommen worden. Daraus resultieren in einigen Fächern teils enorme Verdichtungen des Lernstoffs, die neben den Anforderungen aus der Internationalisierung zu einem deutlich erhöhten Arbeitsaufwand im neuen Studiengang führen. Das im Vergleich zum bisherigen Diplomstudium höhere Pensum erschwert für einen nennenswerten Teil der Studierenden Möglichkeiten eines Nebenerwerbs oder macht diesen sogar fast unmöglich. Wer sich mit diesen veränderten Gegebenheiten noch nicht arrangiert hat, fällt oft quasi automatisch durch, bei einer begrenzten Zahl von Prüfungsversuchen in letzter Konsequenz auch endgültig.

Das Erfolgsmodell der Geistes- und Sozialwissenschaften: Die Studierenden deutlich stärker "an die Hand nehmen", mit anderen Worten "Verschulung des Studiums". Gerade diese Tendenz haben aber die technisch orientierten Fächer meist schon seit Jahrzehnten umgesetzt. Bleibt also nur die Entschlackung der Curricula und die Hoffnung auf eine veränderte Arbeitshaltung der zukünftigen Studierenden... und die Hoffnung auf eine zunehmende Professionalisierung aller Bachelor-Fächer und zunehmend kurierte Kinderkrankheiten.

Doch wie ich's drehe und wende, an fast jeder Problem- und Lösungsstelle geht mir immer dieses Wort durch den Kopf, was die Geisteswissenschaftler vor einigen Jahr(zehnt)en noch manchmal für uns verschulte Naturwissenschaftler übrig hatten: Schmalspurakademiker... Aber entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss credit points holen statt hier hässlich oder schön geisternd an diesen alten Humboldt oder wie er hieß zu denken, non scholae sed vitae discimus!

Presseerklärung der HIS GmbH zur Erscheinung der aktuellen Abbruch-Studie
Projektbericht hierzu von der HIS GmbH
ZEIT-Online Artikel zur aktuellen Entwicklung der Studienabbruchquote
Newsletter der Österreichischen Universitätenkonferenz zur "Mär vom Schmalspurakademiker"
Gesammelte Meldungen zum Bachelor (2005) auf Seiten der Universität Freiburg
Flame-Diskussion bei studis-online.de zu Zertifikats- und Bachelorstudium

 

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