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Ohne Wenn und Aber! Konvergenz als Zukunftssicherung für Alphabetisierung und Grundbildung.

Ohne Wenn und Aber! Konvergenz als Zukunftssicherung für Alphabetisierung und Grundbildung.

07.06.2010, (MD)

Vortrag mit dem Titel "Ohne Wenn und Aber! Konvergenz als Zukunftssicherung für Alphabetisierung und Grundbildung." von Marion Döbert im Rahmen der Tagung "Zukunft Basisbildung", die am 27./28. Mai 2010 in Graz stattfand.

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei manchen Vorträgen ist man sich sehr sicher, dass man nichts falsch machen kann, z.B. wenn man von eigenen Projekten oder Arbeitserfahrungen berichtet.

Wenn man aber in die Zukunft schauen soll - wie im Rahmen dieser Tagung  -, ist das entweder Kaffeesatzlesen oder visionär. Eine Vision ist eine Vorstellung, die sich auf die Zukunft bezieht. Eine solche Vision möchte ich hier aufzeigen und dabei den Begriff der Konvergenz in die Basisbildung einbringen. Konvergenz sehe ich als die Herausforderung für die Zukunft an, was sich aus zahlreichen Studien und Erkenntnissen ableiten lässt.

Diese internationalen und nationalen Studien  machen deutlich, dass funktionaler Analphabetismus und geringe Grundbildung nicht einfach nur  bildungspolitische Themen sind und auch nicht ausschließlich bildungspolitisch bearbeitet werden können und sollten.

Es handelt sich um Studien, die ich teilweise bereits in anderen Vorträgen erwähnt habe, aber nunmehr hier und heute unter dem Zukunftsthema Konvergenz betrachten und ergänzen möchte.

Die Studien auf die ich mich hier beziehe, weisen auf brisante Schnittstellen geringer Grundbildung in allen gesellschaftlich relevanten Lebensbereichen hin. Hieraus sollte eine Erweiterung bisheriger Ansätze in der Alphabetisierung und Grundbildung resultieren, insbesondere auch im Bereich der Netzwerkarbeit.

Welches aber sind die brisanten Schnittstellen?

Hinweise gibt uns eine Studie aus Großbritannien, die ich mit anderen weiterführenden Studien und Arbeitsansätzen in Verbindung bringen möchte.

Die  britische Studie „Literacy changes Lives" des National Literacy Trust wurde im September 2008 publiziert.

Hauptindikatoren in dieser Studie waren die Fähigkeiten bzw. unzureichenden Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben und zu rechnen in ihrer Auswirkung auf sehr unterschiedliche Lebensbereiche.

Die Studie wertet die Daten von Langzeitstudien (Kohorten)  aus: die National Child Development Study (NCDS), die seit 1958 läuft und die British Cohort Study, die seit 1970 läuft (BCS70). Auch Erkenntnisse anderer Untersuchungen (z.B. aus Schottland) wurden ebenfalls berücksichtigt. 

Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen von Literalität (Lesen, Schreiben, Rechnen) auf die verschiedenen Lebensbereiche:

  • Ökonomischer Wohlstand
  • Aufstiegsbestrebungen/ Motivation
  • Familienleben
  • Gesundheit
  • Zivilbürgerliches Engagement
  • Kriminalität (noch in Arbeit)

Die wichtigsten Ergebnisse und Folgerungen daraus.

Ökonomischer Wohlstand:

Geringe schriftsprachliche Kompetenz geht einher mit sehr großer Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu sein oder zu werden:

22% der Männer und 30% der Frauen unterhalb des Eingangslevel 2 leben in Arbeitslosen-Haushalten.

Auch wenn Arbeit in sehr jungen Jahren gefunden werden konnte, tritt bei niedrigem Literalitätslevel Arbeitslosigkeit wieder im Alter von ca. 23 Jahren ein.

Geringer Grundbildungsgrad heißt:

  • eher arbeitslos
  • eher geringes Lohnniveau
  • weniger Chancen auf Beförderung.

Für die Gesellschaft, Region oder Kommune können wir daraus folgern:

  • Erhöhte Aufwendungen für soziale Sicherungssysteme
  • Verluste durch entgangene Steuern
  • Entgehendes Fachkräftepotential
  • Verschärfung von sozialen Problemen, in Gegenden, in denen sich Arbeitslosigkeit und relative Armut ballen
  • Wiederholung all dieser Probleme in der nachfolgenden Generation.

Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung wurden für Deutschland die Folgekosten berechnet, die durch entgangenes Wirtschaftswachstum aufgrund von unzureichender Grundbildung (bei Jugendlichen) entstehen. Die Studie wurde 2009 veröffentlicht. Das zentrale Ergebnis:

„Die Tatsache, dass in Deutschland etwa jeder fünfte Jugendliche eine nur unzureichende Bildung erhält, zieht volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von rund 2,8 Billionen Euro... nach sich." (Wößmann 2009, S. 9)

Mit den langfristigen Effekten einer Bildungsreform,  die das Grundbildungsniveau anheben würde, „..ließe sich die gesamte heutige Staatsverschuldung von rund 1,7 Billionen Euro komplett tilgen." (Wößmann 2009, S. 9)

Die immensen Kosten unzureichender Grundbildung wurden auch in anderen Studien berechnet, doch zunächst zurück zu „Literacy changes Lifes":

Aufstiegbestrebungen/ Motivation:

Wer in der Schule Lernen nicht mochte, entwickelt Antipathie gegen das Lernen schlechthin und beteiligt sich auch später als Erwachsener eher nicht an Weiterbildung.

Geringer Literalitätsgrad geht einher mit mangelnder oder gänzlich fehlender Motivation zu Qualifizierung und beruflichem Aufstieg.

Eltern mit geringen Kompetenzleveln im Schriftsprachlichen und Rechnen erwarten von ihren Kindern, dass sie frühstmöglich die Schule verlassen, was sich exakt widerspiegelt in den untersuchten 16-Jährigen, die so schnell wie möglich die Schule verlassen wollen. Bildung und Lernen sind entweder bedeutungslos, in jedem Fall aber negativ besetzt.

Dies ist für das Individuum tragisch, da es sein persönliches Potential ohne Teilhabe an Bildung und Weiterbildung nicht voll und ganz entfalten kann und in eine gesellschaftliche Randstellung gedrängt wird.

Aus wirtschaftlicher Sicht sind die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Lernen in gar nicht weiter Zukunft existenzrelevant.

In Deutschland ist nach aktuellen Berechnungen im Jahr 2030 mit einem Mangel an 5,5 Millionen Arbeitskräften zu rechnen.  Immer mehr Unternehmen werden auf immer weniger Fachkräfte zurückgreifen müssen.

Um die dramatischen Entwicklungen für Unternehmen in einem Zukunftsszenario  aufzuzeigen und Fortbildungen gerade für Geringqualifizierte zu initiieren, hat die Forschungsgruppe IDEAL der Stiftung Neue Verantwortung konkrete Schritte unternommen . Das Projekt IDEAL steht für „Indicators for Diversified Employment in an Ageing Labour Force" und hat u.a. ein Analyse-Werkzeug  erarbeitet, mit dem Personalentwickler in Unternehmen die demografische Entwicklung in ihrer Mitarbeiterschaft sowie den Anteil an Geringqualifizierten berechnen können. Aufgrund der Personalprognosen können sie abschätzen, mit welchen Lücken sie rechnen müssen und mit welchen Maßnahmen sie Geringqualifizierte aus den eigenen Reihen fördern und damit den Personalbestand sichern können.

Das Analyse-Werkzeug steht als kostenloser Download zur Verfügung.

http://www.vcs-gsa.com/IDEAL_Assessment_Tool/index.php?b=061bb127a92a5e85008850155336

Gering Qualifizierte werden zunehmend mehr als wichtigste Reserve in der Arbeitswelt erkannt.

Alphabetisierung und Grundbildung hat aber den Brückenschlag zu den Weiterbildungsinitiativen in den Unternehmen m.E. noch nicht geschafft wie z.B. zur Initiative der Chemieindustrie in Deutschland, in der bis heute einfache Tätigkeiten anfallen, die von Angelernten ausgeführt werden:

„Die Chemieindustrie hat .... bereits Konsequenzen gezogen. 2008 einigten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf einen sogenannten Demografie-Tarifvertrag. Darin verpflichten sich alle Mitgliedsunternehmen zur Weiterbildung ihrer Belegschaften - unter besonderer Berücksichtigung der Geringqualifizierten."

(Ramge 2010, S. 31).

Bei der Etablierung der Weiterbildungsangebote zeigte sich aber, dass ein erheblicher Teil der Mitarbeiter „null Bock" auf Weiterbildung hatte und erst Module vorgeschaltet werden mussten, um zur Teilnahme zu motivieren und das Lernen zu lernen. Auch bei den individuellen Förder- und Unterstützungsmodulen wäre eine Vernetzung mit Grundbildungsexperten garantiert hilfreich.

Kehren wir zu der Studie „Literacy changes Lifes" zurück. Nachdem dort die Schnittstellen geringer Grundbildung zu Arbeitswelt, ökonomischem Status, wirtschaftlicher Zukunft und persönlicher Entfaltung beschrieben wurden, kommen wir zu den Auswirkungen im Handlungsfeld Familie und Erziehung.

Familienleben:

Personen mit geringem Literalitätslevel leben eher allein und ohne Kinder. Isolation und geringer Kontakt sind die Folge.

Junge Frauen mit geringem Level tendieren zwar dazu, sehr früh zu heiraten und früh mehr als drei oder vier Kinder zu bekommen, aber Ehescheidungen kommen sehr viel häufiger vor als bei Personen mit hohem Literalitätslevel.

Leben in beengten Wohnverhältnissen und ohne Zugang zu technologischer Ausstattung steht in engem Zusammenhang zu geringer Qualifikation.

Und bei einem niedrigen Level sind eher beide Partner arbeitslos.

Dies hat gravierende Folgen für die Kinder, wie eine andere Studie zeigt.

Die erste World Vision Kinderstudie 2007 wurde von dem internationalen Kinderhilfswerk World Vision in Auftrag gegeben, um die Lebenswelten von Kindern aus der Sicht der Kinder selber heraus zu erheben.

Dazu wurden im Wissenschaftler-Team unter Prof. Dr. Klaus Hurrelmann und Prof.in Dr. Sabine Andresen von der Universität Bielefeld zusammen mit TNS Infratest Sozialforschung deutschlandweit fast 1600 Kinder zwischen acht und elf Jahren befragt.

Die Studie hat unter vielen anderen wichtigen Ergebnissen eindrucksvoll gezeigt, dass die Arbeitslosigkeit der Eltern ein extrem hoher Belastungsfaktor für Kinder ist.  Sie fühlen sich wenig wertgeschätzt, leiden an einem starken Zuwendungsdefizit, entwickeln ein geringes Selbstbewusstsein und schätzen ihre Selbstwirksamkeit äußerst gering ein. Sie haben kein Interesse am Lernen und trauen sich selbst wenig zu.

All dies mündet wiederum in mangelnde Lern- und Aufstiegsmotivation.

(Einfügung in den verschriftlichten Redetext nach dem Vortrag :

Die neuste World-Vision Kinderstudie 2010 ist kurz nach dem Vortrag in Graz erschienen.

Die Studie bestätigt weitgehend die Erkenntnisse aus der ersten Kinderstudie, dass nämlich die Kluft zwischen arm und reich immer größer wird: http://www.worldvision-institut.de/_downloads/allgemein/Kinderstudie2010_Zusammenfassung.pdf).

„Literacy changes Lifes" zeigt genauso wie die World Vision Kinder-Studie:

Die Menschen, die am ehesten ökonomische Absicherung und Bildung bräuchten, um ihr Leben verbessern und erleichtern zu können, die am ehesten ihre Kinder unterstützen müssten und die am ehesten Wohnraum für viele Kinder nötig hätten, haben gerade dies alles nicht.

Gesundheit:

Im Gesundheitsbereich zeigen sich ebenfalls gravierende Zusammenhänge.

Frauen mit geringem Literalitätslevel haben häufiger Langzeiterkrankungen.

Es gibt enge Korrelationen  zwischen niedrigem Schriftsprach-Level und starkem Übergewicht sowie gesundheitsriskantem Verhalten wie Rauchen und Trinken. Die Wahrscheinlichkeit, depressiv zu werden, ist bei Frauen mit niedrigem Level fünfmal größer als bei Frauen mit guter Grundbildung.

In den Niederlanden wurde ebenfalls eine sehr interessante Studie durchgeführt:

 „Das stille Vermögen, eine Untersuchung über die gesellschaftlichen Kosten unzureichender Schriftsprachkompetenzen" .

Diese Studie ist wie die „World Vision Studie" und „Literacy changes Lifes" konvergent angelegt, guckt also über den Tellerrand des Lese- Schreibproblems im engeren Sinne hinaus und fasst Erkenntnisse über die Wirkungen in den verschiedenen Lebensbereichen und - damit auch implizit den verschiedenen politischen Handlungsfeldern -  zusammen.

Insgesamt wurde festgestellt, dass niedrige Schriftsprachkompetenz statistisch signifikant verbunden ist mit dem häufigeren Auftreten von Asthma, chronischer Bronchitis, Krebs, Herzinfarkt, Herzgefäß-Erkrankungen, Gefäßverengung, Schlaganfall, Erkrankungen von Nieren, Galle und Leber, Gelenkerkrankungen, Diabetes, Rücken- und Armbeschwerden, Migräne, Epilepsie und psychischen Problemen.

In der Amsterdamer Studie zeigt sich, dass ein hohes schriftsprachliches Kompetenz-Niveau grundsätzlich einhergeht mit einem besseren  Gesundheitsstatus.

Förderung von Grundbildung hätte somit einen direkten positiven Effekt auf das geringere Auftreten von Krankheiten einerseits und auf einen allgemeinen guten Gesundheitszustand im Sinne verbesserter Lebensqualität andererseits. Ein Aspekt, der von großer Relevanz für Gesundheitspolitik und Akteure aus dem Gesundheitsbereich sein dürfte.

Bezogen auf Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Krankheitsstatus und Kriminalität könnten in den Niederlanden insgesamt 537 Millionen Euro pro Jahr an Bruttosozialprodukt hinzu gewonnen werden, wenn in die Verbesserung schriftsprachlicher Kompetenzen, in frühkindliche und lebensbegleitende Grundbildung investiert würde.

Kehren wir  zu „Literacy changes Lifes" zurück.

Zivilbürgerliches Engagement:

Personen mit geringem Lit.Level berichten sehr viel häufiger, sich absolut gar nicht für Politik zu interessieren.  Dies drückt sich auch in geringer bis gar keiner Beteiligung an Wahlen aus.

45% der Männer und 47% der Frauen mit niedrigem Lit.Level begegnen den Menschen in ihrem sozialen Umfeld  voller Misstrauen.

Und Menschen mit geringem Level sind viermal seltener Mitglieder in Organisationen/ Vereinen. Sie nehmen nicht aktiv am Leben ihrer Kommune teil.

Fehlende lebensbegleitende Förderung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit führt offensichtlich dazu, dass Menschen nicht mehr teilhaben an der Gesellschaft und dass die Gesellschaft nicht mehr auf diese Menschen zählen kann. Das ist von großer Brisanz.

Umgekehrt weist die Studie ein positives Resumée nach:

Bereits eine geringe Steigerung des Literalitätslevels, ein leichtes Anheben der Grundbildungskompetenz also, führt zu erheblichen Verbesserungen in allen benannten Lebensbereichen.

 

Die bisher benannten Studien verweisen implizit auf die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit interdisziplinären und sektorübergreifenden, also konvergenten Denkens und Handelns in der Basisbildung. Probleme des Arbeitsmarktes und der Gesamtwirtschaft, des Systems Familie und Erziehung, des Gesundheitssystems, der inneren Sicherheit, der persönlichen Entfaltung und der gesellschaftlichen Kohärenz hängen eng mit geringer Grundbildung in einer Gesellschaft zusammen.

Im Nachbarland Frankreich wurde das Zusammenwirken der Netzpunkte des funktionalen Analphabetismus und geringer Grundbildung landesweit und ressortübergreifend erkannt.

Dort wurde per Erlass im Oktober 2000 eine Nationale Agentur zur Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus gegründet (Agence National de Lutte contre l´ Illetrisme, ANLCI ).

Der Verwaltungsrat von ANLCI setzt sich u.a. zusammen aus Vertretern folgender Ministerien: Arbeitsministerium, Justizministerium, Bildungsministerium, Verteidigungsministerium, Ministerium für Kultur und Kommunikation, Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei, Ministerium für Jugend und Sport. Die Finanzierung der Nationalagentur erfolgt  Ressort übergreifend.

Das nenne ich eine echte Konvergenz.

Ein anderes konvergent arbeitendes Netzwerk mit hohem Organisationsgrad ist die Stichting Lezen & Schrijven (Stiftung Lesen und Schreiben: (www.lezenenschrijven.nl). Sie  ist am 27. Mai 2004 auf Initiative Ihrer Königlichen Hoheit  Prinzessin Laurentien der Niederlande gegründet worden. Die Stiftung ist m.E. das wichtigste Lobby- und Servicenetzwerk im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung in den Niederlanden. 

Von Anfang an pflegt die Stiftung enge Kooperationen mit Forschungs- und Beratungsunternehmen und Hochschulen wie z.B. der Fakultät für Ökonomische Wissenschaften und Ökonometrie an der Universität Amsterdam.

Die enge Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten liefert der Stiftung immer wieder fundierte quantitative und qualitative Daten, die als Basis dienen für Lobby- und Netzwerkarbeit zur Wirtschaft und zu übergreifenden politischen Ressorts. Damit wird geringe Literalität nicht nur als Bildungsproblem thematisiert, sondern von der Stiftung in alle tangierenden Lebensbereiche und Politikfelder kommuniziert.

Der Stiftung ist es mit der renommierten Prinzessin gelungen, ein enges Netzwerk zur Wirtschaft aufzubauen. Besonders effektiv dabei ist, dass die

Netzwerke bei der Stichting Lezen en Schrijven verbindlich über Kontrakte und mit relativ langer Laufzeit abgesichert werden.

Beispiel:

Agreement between employers, employees and government

Long-term approach to low literacy in society and in trade and industry

2007 - 2015

(http://www.lezenenschrijven.nl/files/convenanteng20070911.pdf)

Es handelt sich um ein Abkommen zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und der Regierung über acht (!) Jahre, in dem die Unterzeichner sich verpflichten, in ihrem jeweiligen Handlungsfeld Maßnahmen zu ergreifen, um einem niedrigen Literalitätslevel vorzubeugen bzw. geringe Literalität in der Bevölkerung bzw. Belegschaft zu reduzieren.

Die Labour Foundation (Stichting van de arbeid=STAR)*, Arbeitgeber und deren Verbände, Gewerkschaften und die Regierung verpflichten sich, alle Maßnahmen bereit zu stellen, Personen mit niedrigem Literalitätslevel in den jeweiligen Arbeitskontexten zu identifizieren und sie zur Teilnahme an Trainingsprogrammen zu ermutigen. Dabei sollen insbesondere auch die Mitarbeitervertretungen in den Betrieben und Unternehmen einbezogen werden.

Die Regierung strebt eine Kooperation mit Arbeitsagenturen und Behörden der Sozialen Versorgung an, damit arbeitslose Personen mit geringem Kompetenzlevel im Lesen, Schreiben und Rechnen identifiziert und effektiv beraten werden können. 

Die Regierung verpflichtet sich, den Zugang von arbeitslosen Personen zu Trainingsangeboten zu sichern und solche Bildungsangebote in ausreichender Anzahl zur Verfügung zu stellen.

Gleiches gilt - in Kooperation mit den Sozialpartnern - für die Beschäftigten mit geringem Literalitätslevel. So soll die Lohnfortzahlung bei Teilnahme an Literacy Trainings unter den Unterzeichneten geregelt werden.

Die Federführung für die Konkretisierung des Kontrakts hat für die Regierung das Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschap (OCenW) . Die Stichting Lezen en Schrijven unterstützt die Prozesse begleitend als Informations- und Expertiseeinrichtung.

Netzwerke werden durch die Stiftung auch zu den Lernern und unter den Lernern selbst aufgebaut. Das Modell der Botschafter für Alphabetisierung - in den NL sind es Lernerinnen und Lerner, die an die Öffentlichkeit gehen - mit professionellen Trainings, Teilnehmerkongressen, kreativen Kampagnen und Events uvm. haben die Selbsthilfestrukturen in den NL  stark impulsiert und stabilisert.

Die besondere Stärke der Stiftung Lesen und Schreiben aber liegt nicht nur in ihrem Aufbau von Netzwerken, sondern in dem vernetzten Aufbau der Organisation selbst begründet.

Das sichernde Netzwerk besteht aus vier Säulen:

Den Gründungsmitgliedern

Hierbei handelt es sich um Organisationen und Firmen, die sich für mindestens drei Jahre seit Gründung der Stiftung zur Zusammenarbeit verpflichten, in der Zeit Geld oder Dienstleistungen in die Stiftung einbringen und in Kooperation mit der Stiftung Projekte zur Alphabetisierung und Grundbildung initiieren.

Gründungsmitglieder der Stiftung sind unter vielen anderen: Heineken, BP Niederlande, IBM Niederlande, Rabobank Stiftung, das Ministerium für Unterricht, Kultur und Wissenschaft, Unilever N.V., TNT N.V. usw.

 

Den Mitgliedern

Mitglieder sind Firmen und Organisationen, die sich ebenfalls auf die Zusammenarbeit für einen Zeitraum von drei Jahren verpflichten, die Geld geben und Projekte in Kooperation mit der Stiftung entwickeln wollen.

Hierzu gehören u.a. Douwe Egberts, Die Niederländische Bank,  Holland Casino, Manpower, KLM usw.

Den Partnern

Partner sind Organisationen und Einrichtungen, die ihre Expertise in den Bereichen Literacy, Bildung oder Forschung einbringen. Hierzu gehören z.B. das Entwicklungs-, Beratungs und Expertiseunternehmen CINOP, das Rechtsberatungszentrum „Het juridisch Loket", verschiedene lokale Alphabetisierungsstiftungen, das „Expertisecentrum Nederlands" (Expertise in Sachen Sprachunterricht im Frühförder- und Grundschulbereich), der Verlag „Eenvoudig communiceren", der anspruchsvolle Leichtlesebücher und -Zeitungen herausgibt, der MBO Raad (eine Art Dachverband der niederländischen Berufsschulen), die Stiftung Lesen, der Niederländische Sprachverband, der Bibliotheksverband, die UNESCO Kommission u.v.a.

Den Donors (Spendern/ Unterstützern)

Firmen und Agenturen unterstützen punktuell mit Geld oder Serviceleistungen die Stiftung bei der Umsetzung ihrer Ziele. Hierzu gehören z.B. Microsoft, Cyber Solutions, Barclays, Image Building (Spezialist für Großwerbewände) u.v.m.

Die besonderen Stärken des Stiftungsnetzwerks werden mit Blick auf diesen Aufbau deutlich. Sie netzwerkt nicht nur nach außen, sondern auch sich selbst.

Konvergenz als Zukunftssicherung

Aus den hier benannten Studien, Erkenntnissen und Beispielen möchte ich nunmehr ein Resumée ziehen.

Wichtige zukünftige Herausforderungen für  Alphabetisierung und Grundbildung sind:

  • weiterhin lokale, regionale und überregionale Netzwerke aufzubauen
  • diese jedoch viel stärker als bisher mit verbindlichen Kontrakten über längere Zeiträume hin abzusichern
  • eine vollständige (auch historische) Dokumentation vergangener und gegenwärtiger Netzwerke vorzunehmen, um nicht immer wieder von vorne anzufangen und um die Wissensbestände und Best-Practice-Beispiele fortentwickelnd nutzen zu können
  • Netzwerke verstärkt auch als Wissens- und Expertenpool anzulegen und damit nach außen in die benannten Lebens- und Handlungsfelder zu wirken
  • Verstärkt Wissen und Expertise aus den umliegenden Handlungsfeldern in die Netzwerkarbeit mit aufzunehmen
  • Netzwerke an den Schnittstellen von Analphabetismus und geringer Grundbildung in den verschiedenen gesellschaftlichen Handlungsfeldern aufzubauen, also verstärkt sektorenübergreifend und interdisziplinär zu arbeiten
  • und vor allem eine Konvergenz dieser einzelnen, oft voneinander getrennt arbeitenden Netzwerke zu realisieren.

Eine solche Konvergenz von Netzwerken muss gerade auch über die Alphabetisierungs- und Grundbildungsszene - also über den inner circle -  hinausreichen (ähnlich wie bei der Agence Nationale de Lutte contre l´Illetrisme und der Stichting Lezen en Schrijven).

Alle gesellschaftlichen Handlungsfelder sind von unzureichender Grundbildung und Bildungsantipathie betroffen. Bei der demografiebedingten Entwicklung des Arbeitskräftemarktes ist dies ganz offensichtlich.

Genau so wichtig ist es aber, den Blick auf die persönlichen Wünsche nach Entfaltung und kultureller und ökonomischer Teilhabe, nach Gesundheit und individuellem Glück der Menschen zu fokussieren, die bislang von Chancengerechtigkeit ausgeklammert sind.

„Im Mittelpunkt der Mensch!" sollte die Devise aller Netzwerke sein, und es ist erfreulich, dass zahlreiche lokale, überregionale und internationale Netzwerke Lernerinnen und Lerner aus der Basisbildung in ihre Arbeit einbinden so wie das gerade frisch gegründete europäische Netzwerk EUR-ALPHA.

Das Ziel von EUR-ALPHA ist der Aufbau eines europäischen Netzwerks in der Erwachsenenalphabetisierung. Der Austausch zwischen Lernenden, Praktikern, Forschern und politisch Verantwortlichen soll in dem Netzwerk gefördert werden.

EUR-ALPHA hat gerade mit großem Erfolg  einen ersten EU-Lernerworkshop vom 11.-17. April in Namur, Belgien, durchgeführt. Andere sollen folgen.

Die Beteiligung von Lernenden bedeutet eine Stärkung der Netzwerk- und Lobbyarbeit einerseits und einen Beitrag zum Aufbau einer sozialen Selbsthilfebewegung andererseits.

Es gilt zukünftig, die „points of convergence", die Schnittpunkte, die sich durch ökonomische, soziale und bildungsbezogene Armut in den verschiedenen Handlungsfeldern ergeben, verstärkt herauszuarbeiten und die Erkenntnisse und daraus folgenden Forderungen zu bündeln und mit massiver Kraft in die Politik (auch in die europäische) zu bringen. Einzelne kleine Alphabetisierungs- und Grundbildungsnetzwerke können dies nicht alleine leisten.  

Nur durch sektorübergreifende und interdisziplinäre Netzwerke, also durch Netzwerkkonvergenz können m.E.  politische Entscheidungsprozesse effektiver beeinflusst werden.

Für die Zukunftssicherung von Alphabetisierung und Grundbildung im Lebenslauf brauchen wir Verbindlichkeiten. Ohne Wenn und Aber!

 

Quellen:

Dugdale, G. and Clark, C. (2008): Literacy Changes Lives: An advocacy resource. London: National Literacy Trust

Groot, W./ Maassen van den Brink, H. (2006): Stil vermogen, een onderzoek naar de maatschappelijke kosten van laaggeletterdheid. Amsterdam: Stichting Lezen en Schrijven

ISBN 90-78261-02-1

lHurrelmann, K./ Andresen, S. (2007): Kinder in Deutschland 2007. 1. World Vision Kinderstudie. Frankfurt/ a. M.: World Vision

Ramge, Th. (2010): Wertvolle Reserve. Ion: brandeins. Wirtschaftsmagazin, Heft 05, Mai, S. 28-32)

Wößmann, L./ Piopiunik, M. (2009): „Was unzureichende Bildung kostet. Eine Berechnung der Folgekosten durch entgangenes Wirtschaftswachstum. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung

 

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