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Ölpreis und Demokratie

Ölpreis und Demokratie

31.10.2006, (MR)

Die Novemberausgabe der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" geht in einem Beitrag auf den vermeintlich zu hohen Ölpreis ein.Mohssen Massarrat, Professor für Politik und Wirtschaft in Osnabrück zeigt auf, wie der Ölpreis mit Demokratie zusammenhängt und sich dieser Preis "reguliert".

Nachfolgender Artikel mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags:
"Ölpreis und Demokratie

Jedermann stöhnt über die hohen Benzinpreise; wenn "die Ölscheichs" die Preise erhöhen, zittert die Konjunktur, und angeblich müssen wir beizeiten für geeignete politische Verhältnisse im Nahen Osten sorgen, damit bei uns nicht die Lichter ausgehen. Niedrige Ölpreise gelten als notwendige Bedingung für wirtschaftliche wie politische Stabilität in den Industrieländern.

Das ist genau falsch, sagt Mohssen Massarrat, Professor für Politik und Wirtschaft in Osnabrück. Der Ölpreis war jahrzehntelang nicht zu hoch, sondern zu niedrig. Mittelbare Folge davon ist die gegenwärtige politische Instabilität; denn Anpassungsprozesse, die jahrzehntelang versäumt wurden, brechen jetzt mit Wucht über uns herein.

Was bedeutet "zu hoch" oder "zu niedrig"? Gibt es so etwas wie den "gerechten" oder "fairen Preis"? Im Prinzip ja, sagen die Ökonomen. Es ist der Preis, der sich im freien Wechselspiel von Angebot und Nachfrage einstellt: der Marktpreis. Nun wird der Ölpreis zweifellos von Angebot und Nachfrage bestimmt; was kann also "falsch" oder "unfair" daran sein?

So hat die herrschende Meinung in der Wirtschaftswissenschaft auch argumentiert und an dem Ölpreis der letzten Jahrzehnte nichts zu beanstanden gefunden. Aber, so Massarrat in der neuesten Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft", sie hat dabei verkannt, dass eine entscheidende Voraussetzung ihrer Theorie nicht erfüllt ist: Das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage war nicht wirklich frei.

Das weiß der gebürtige Iraner Massarrat kenntnisreich darzulegen. Erstens waren die herrschenden Eliten in den Ölförderländern des Nahen Ostens nicht frei, den Ölpreis nach ihrem Gutdünken zu erhöhen. Vielmehr mussten sie fürchten, dass ihr Thron wackeln würde, entweder durch direkten Eingriff des Westens wie 1953, als im Iran die Regierung Mossadegh auf Betreiben der CIA gestürzt wurde, oder indem der Westen, allen voran die USA, seinen Teil der geheimen Vereinbarung "Machterhalt der lokalen Eliten gegen niedrigen Ölpreis" auch nicht mehr einhalten würde. Zweitens waren niedrige Ölpreise und damit einhergehende hohe Umsätze durchaus in ihrem Sinne, weil sie ungeheure
Geldmengen in ihre Taschen spülten. Da ihre Interessen sehr verschieden von denen ihrer Völker waren, hatten sie keinen Anlass, den wirtschaftlichen Nutzen ihrer Länder zu maximieren.

Hätten sie das angestrebt, so wäre ihnen nicht verborgen geblieben, dass Öl, das man im Boden lässt und später, zu Zeiten (absehbar) größerer Knappheit teurer verkauft, mehr Zinsen einbringen kann als das Geld, das man mit einem Sofortverkauf zu niedrigen Preisen einnimmt und auf die Bank trägt. Wenn alle Ölanbieter diese Möglichkeit ins Kalkül ziehen, steigt der Ölpreis Jahr um Jahr um denselben Prozentsatz wie eine Geldanlage. Nur eine Neuentdeckung von Ölquellen kann dieser Regel, die den Namen des Ökonomen Harold Hotelling trägt, die Wirksamkeit nehmen.

Damit ist die völlig theoriewidrige Entwicklung der Ölpreise eine direkte Folge mangelnder Interessengleichheit zwischen den Herrschenden und den Untertanen in den Ölstaaten, und das heißt eines Mangels an Demokratie.

Dieser Befund weist auch den Weg aus der gegenwärtigen globalen Instabilität. Der Westen soll hohe Ölpreise nicht bekämpfen, sondern sie als Ausdruck der wahren Interessen der Ölförderstaaten hinnehmen und sich darauf einstellen. Vor allem im Angesicht neuer Nachfrager wie China und Indien kann die einzige wirksame Preisbremse darin bestehen, dass die Industriestaaten alternative Wege finden, um die Bedürfnisse zu befriedigen, für die sie heute noch das Erdöl für unentbehrlich halten."
Quelle: Spektrum der Wissenschaft November 2006

Weitere Informationen im Internet unter:
www.spektrum-der-wissenschaft.de

 

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