In Berlin stellten Bundesforschungsministerin Schavan und der derzeitige KMK-Vorsitzende, Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner den OECD-Bildungsbericht "Bildung auf einen Blick" 2007 vor. Darin wiederholt sich das alte Lied: Deutschland rutscht im Vergleich zu anderen Ländern auf der Skala weiter nach unten. In Deutschland studieren zu wenige Jugendliche eines Jahrgangs, die Zahl der Studienabbrecher ist zu hoch. Schneller, als manchem in Wahlzyklen denkenden Menschen lieb sein kann, macht sich der Mangel an Akademikern bemerkbar.
Die jährlich erscheinende Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) analysiert die Entwicklung der Bildungssysteme in den 30 größten Industrienationen.
Der Refrain des OECD-Bildungs-Klageliedes dieses Jahres geht so: Es gibt zu wenig Hochschulanfänger und zu viele Studienabbrecher. Die sich auftuende Lücke an nicht nachrückenden Akademikern stelle die deutsche Wirtschaft insbesondere in den Ingenieursberufen schon jetzt vor große Schwierigkeiten, so dass in der Regierung über Erleichterungen bei der Einwanderung und Arbeitsaufnahme nachgedacht wird. Bemerkenswert ist der Hinweis, dass auch der pädagogische Nachwuchs schon bald nicht mehr ausreichen wird, um die an der Pensionsgrenze stehenden Lehrer zu ersetzen.
Deutschland rutscht also auf der Leistungsskala des Bildungssystems weiter nach hinten. dabei liege dies nicht daran, dass Deutschland so signifikant schlechter geworden sei, sondern vielmehr, dass andere Länder stärker zugelegt haben:
"Wenn man die tertiären Abschlüsse in der Generation zwischen 55 und 64 mit denen der Altersgruppe zwischen 24 und 35 Jahren vergleicht, dann ist Deutschland vom 10. Platz auf den 22. Rang gefallen. Und zwar nicht, weil die Bundesrepublik so weit zurückgefallen ist, sondern weil die anderen so rasch vorankommen.", erklärte der Generalsekretär der OECD, Angel Gurria im Deutschlandfunk. In Zahlen bedeutet dies, dass die Zahl der Studenten in der Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren um fünf Prozent zunahm, hingegen sie in den 29 anderen wichtigen Industrienationen im Schnitt um 41 Prozent stieg.
In Deutschland streben lediglich 21 Prozent der 15-Jährigen,ein Studium an. In einigen Ländern liegt der Anteil der Studierenden eines Jahrgangs inzwischen bei zwei Drittel, im OECD-Durchschnitt rund 50 Prozent. Hinzu kommt die in Deutschland hohe Zahl der Studienabbrecher von etwa 35 Prozent. Vom "Brain Drain", der Abwanderung hochqualifizierter Kräfte und den immer schwächeren Jahrgängen aufgrund niedriger Geburtenraten (Die noch mal ein besonderes Gewicht bekommen, bedenkt man den Umstand, dass Akademikerkinder die Mehrheit der Studierenden stellen und gerade in diesem Milieu jedoch immer geringere Geburtenraten zu verzeichnen sind) ganz zu schweigen. Diese Faktoren zusammen ergeben eine große Gefahr für ein rohstoffarmes Land, dass den Anschluss an die Informations-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft zu verlieren droht.
Die Risiken des Akademikermangels haben nicht nur eine volkswirtschaftliche sondern auch eine individuelle Seite. Bei allen Schwierigkeiten des Arbeitsmarktes gilt nach wie vor die Faustregel, dass das Risiko, arbeitslos zu werden desto niedriger ist, je höher der erworbene Bildungsabschluss ist. Akademiker haben nach wie vor das geringste Arbeitslosigkeitsrisiko. Zudem verdienen sie auch überdurchschnittlich besser, als geringer qualifizierte. Laut OECD erzielten in Deutschland im Jahr 2005 Berufstätige mit einem (Fach)Hochschulabschluss im Schnitt ein um 56 Prozent höheres Einkommen als Berufstätige, die nur über einen Realschulabschluss, Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügten. Noch vor zehn Jahren lag dieser Vorteil bei lediglich 33 Prozent.
Neben all diesen Diagnosen sind die aus den vergangenen Jahren beklagten Mängel nach wie vor virulent: Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist in Deutschland unterdurchschnittlich, nirgendwo sonst hängt der Bildungs- und infolge dessen der Berufserfolg so sehr von der Herkunft ab, wie in Deutschland. Die Integration von Migranten gelingt nicht ausreichend.
Auch ist die Diagnose, dass es Deutschland an Ingenieuren mangelt nicht so nagelneu. Laut dem "Bericht zur Technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2007", den Schavan im Juni im Kabinett vorstellte fehlen in Deutschland bis 2014 jährlich bis zu 62.000 Ingenieure und andere Akademiker. Jedoch braucht es offenbar immer erst den Blick von außen und die Kränkung, dass das Land der Dichter und Denker sich von anderen sagen lassen muss, dass es nicht mehr zu den ersten Nationen zählt, zu lange auf Lorbeeren sich ausgeruht hat und den Bedarf an klugen Köpfen nicht mehr aus den eigenen Reihen wird bedienen können.
Einen Vorschlag von besonderer Kreativität im Umgang mit den OECD-Ergebnissen machte übrigens Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes der Bild-Zeitung vor: „Ich fordere, dass die Bundesregierung der OECD die Gelder sperrt, wenn sie weiter so ideologische Studien auf den Markt bringt.“ So kann man natürlich auch das Problem angehen. In dem Zusammenhang wäre eine gute Methode, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, wenn z.B. die Agentur für Arbeit aufhören würde, monatlich diese deprimierenden Zahlen zu veröffentlichen.
Lesen Sie zum Thema auch
- "Wir sind auf einem guten Weg" Pressemitteilung des BMBF
- Die Mär von der Bildungsoffensive in der Online-Ausgabe der Taz
- Dicker Mann, was nun? Anstatt zu handeln ergibt sich der politisch-bürokratische Apparat in die Verwaltung des Status Quo und die Simulation politischen Handelns. Ein reticon-Kommentar
- "Wissensgesellschaft erfordert andere Qualifikationen als Industriegesellschaft" Interview mit Andreas Schleicher, Leiter der OECD-Abteilung Bildungsindikatoren und -analysen
- Der OECD-Bildungsbericht auf den Webseiten des Berlin Centres der OECD
Informationen zum Artikel