Der hohe Norden könnte Ausgangspunkt einer Medienrevolution werden: Der staatliche norwegische Fernsehsender NRK verbreitet sein quotenträchtiges Format "Nordkalotten 365" nicht nur über den Äther, sondern auch über die Peer-to-Peer-Tauschbörse bittorrent. Das in dieser Art wohl bisher einzigartige Experiment geht weit über eine Zweitverwertung oder einen zusätzlichen Verbreitungsweg hinaus, da NRK auf jede Kontrolle wie Rechtemanagement o.ä. verzichtet.
Lars Monsen ist Naturbursche und durchwandert ein Jahr lang Norwegen. Seine Reiseberichte mit Handycam, Tagebuch und wunderbaren Landschafts- und Tierbildern und seine Gespräche mit den Menschen vor Ort sind der Renner beim staatlichen Fernsehsender NRK: Mit Quoten von meist über 50% ist "Nordkalotten 365" eine der beliebtesten Sendungen im Land. Und genau dieses natürlich kontrolliert-biologische Fernseh-Filetstück wirft das Staatsfernsehen dem gierigen und wenig wählerischen Internetfolk der Peer-to-Peer-Netzwerke zum Fraß vor. Die spinnen, die Norweger...
Der zuständige Projektleiter Eirik Solheims wirkt nicht wie ein Spinner, er hat alles im Gegenteil genau durchdacht. Sein Motto: Qualität setzt sich durch.
"In dem Moment, in dem wir ein Programm senden, haben wir die Kontrolle darüber verloren. Unsere populärsten Sendungen sind schon seit Jahren auf YouTube oder BitTorrent zu bekommen. Der einzige Weg, die Verbreitung in vernünftige Bahnen zu lenken, ist es, der beste Anbieter zu sein." (Quelle: Interview bei tagesschau.de)
Dabei ist es Solheims sehr wohl wichtig, auf welchem Wege die teuer produzierten Inhalte verbreitet werden. Bittorrent mit seiner Peer-to-Peer-Struktur macht jeden Interessenten gleichzeitig zum Anbieter der Inhalte. So kann der Fernsehsender einerseits auf den kostenintensiven Unterhalt einer Streaming- und Download-Server-Infrastruktur verzichten, andererseits fördert er die Bildung einer Interessengemeinschaft für sein Angebot im Internet.
Solheims sieht die Internet-Verbreitung nicht als Konkurrenz zum Fernsehen sondern als Ergänzung für eine dem TV bereits abgewandte Zielgruppe. Konsequent verzichtet NRK als Rechteinhaber auf Schutzmechanismen wie DRM (Digital Rights Management) und überlässt das Material ohne weitere Kontrolle den eigenen Gesetzen des Internet. Voraussetzung dafür war unter anderem eine sehr konsequente Vertragsgestaltung mit allen am Produktionsprozess Beteiligten, die diese Verwertungsform ausdrücklich gestattet.
Solche Pionierarbeit ist dringend nötig. Solheims selbst verweist darauf, die Fehler der Musikindustrie nicht wiederholen zu wollen. Nicht ohne Grund setzen mittlerweile fast alle Major Labels auf Verbreitung ihrer Musik ohne Kopierschutz als MP3. Gleichzeitig kann der heute noch kuriose Naturbursche im Netz zu einem Vorbild für eine neue Nutzungsform des social web werden, bei der die Nutzer legal interessanten Content Dritter teilen und austauschen dürfen.
Hoffen wir, dass es noch mehr Sender und Sendungen von Format gibt, die neue Wege der Verbreitung wagen und damit wegbereitend sein werden! Ganz schön clever, diese Norweger ;-)
Webseite zur Sendung bei NRK: http://www.nrk.no/monsen/
Artikel zum Thema bei tagesschau.de: http://www.tagesschau.de/ausland/nrkbittorent4.html
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