Nachfolgend ein Ausschnitt aus der aktuellen Gehirn und Geist (05/2004), mit freundlicher Genehmigung des Verlags:
Mobbing oder "Bullying" macht so manchem Schüler das Leben zur Hölle.
Münchener Forscher haben jetzt herausgefunden: Der alltägliche
Klassenkampf geht nicht nur auf Kosten Einzelner, sondern aller Kinder
in der Gruppe.
Jedes siebte Schulkind in Deutschland leidet unter Gewaltattacken
seiner Mitschüler. Dies berichtet Mechthild Schäfer, Privatdozentin am
Institut für Psychologie der Ludwig-Maximilians Universität München, in
der neuen Ausgabe von Gehirn & Geist (05/2004). Das Repertoire der
Täter reicht dabei von verbalen Demütigungen bis zu körperlichen
Übergriffen.
Die Forscherin hat mit ihrer Arbeitsgruppe über mehrere Jahre hinweg
das Verhalten von Schulkindern an verschiedenen Grund- und
weiterführenden Schulen untersucht. Ergebnis: Bereits bei den ganz
Kleinen kommt es zu wiederholter, systematischer Schikane gegen
Schwächere.
Doch in der Grundschule ist die Gefahr noch relativ gering, dauerhaft
zum Sündenbock gestempelt zu werden. Kinder entwickeln in diesem Alter
ein sehr stark ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein: Sie treten deshalb
einfach zurück und setzen sich aktiv gegen ihre Angreifer zur Wehr. Da
außerdem die für Jugendliche typische Cliquenbildung erst später
einsetzt und die Kinder noch gerne in Zweier- und Dreiergruppen
zusammen sind, können potenzielle Mobbing-Opfer kratzbürstigen
Kameraden leichter aus dem Weg zu gehen.
Mit dem Übergang zur weiterführenden Schule ordnen sich Kinder aber in
größere soziale Netzwerke ein und bilden feste Rangordnungen aus. Jetzt
gelten, so die Münchner Forscher, Mobbing-Täter innerhalb der Klasse
als beliebt, und ihr aggressives Tun wird von der Gruppe oft
akzeptiert. "Unsere Studie zeigt weiter, dass neun von zehn Schülern
genau definierte Rollen beim Bullying einnehmen", erklärt Mechthild
Schäfer.
Neben Opfern und Tätern sind dies vor allem Verteidiger, unbeteiligte
Mitläufer, Assistenten oder Verstärker. Die meisten Kinder schlagen
sich auf die Seite der Bullies - auch wenn sie die Täter "lediglich"
anfeuern oder die Augen vor den Gewalttaten verschließen. Nur wenige
finden den Mut, sich für einen regelmäßig ausgegrenzten Mitschüler
stark zu machen.
Weil fast die ganze Klasse beteiligt sei, genüge es nicht, nur die
Beziehung zwischen Opfer und Täter zu betrachten. "Mobbing unter
Schülern wird von vielen Lehrern und auch von staatlichen Stellen
falsch verstanden, und es wird falsch reagiert", erklärt Schäfer noch.
Gerade am Beginn eines Ausgrenzungsprozesses stehe ein großer Teil der
Klasse insgeheim auf Seiten der Opfer. "Dieses Potenzial muss man als
Lehrer stärken und der Klasse klarmachen, dass es uncool ist, jemand
rauszuboxen", so Schäfers Rat an Lehrer und Eltern.
Weitere Informationen, Hilfe und Anregungen für Lehrer unter:
http://mobbingzirkel.emp.paed.uni-muenchen.de
Weitere Informationen zu Gehirn und Geist erhalten Sie auch unter:
http://www.gehirnundgeist.de

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