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Abschiebung im Morgengrauen

(c) ZDF und NDR; Behördenalltag: Aktenraum in der Hamburger Ausländerbehörde

Medientipp: Abschiebung im Morgengrauen

13.05.2006, (RK)

Hanna Ahrendt sprach angesichts der beflissenen Ergebenheit Adolf Eichmanns, die er sowohl bei der administrativ-bürokratischen Abwicklung des Judenmords wie bei der juristischen Aufarbeitung in Jerusalem von der "Banalität des Bösen". In der Dokumentation von Michael Richter wird das Böse in Gestalt der Bürokratie sichtbar.

"Wir buchen, Sie fluchen… - Reisebüro Never-come-back-Airlines" - einen solchen Bildschirmschoner auf einem Computer der Hamburger Ausländerbehörde zu finden: Wer hätte damit gerechnet? Michael Richter hat den Alltag dieser Behörde mit der Kamera begleitet.

Hier wird tagtäglich über das Schicksal von Menschen entschieden, die ein "Leben auf dem Schleudersitz" führen: Asylsuchende, die länger als ein Jahrzehnt in Deutschland gelebt haben, deren Kinder hier geboren sind. In vielen Fällen sind sie in der Bundesrepublik aber nur geduldet, mal für weitere zwei oder drei Monate, mal aber auch nur bis zum nächsten Wochenende. Dann wird wieder neu entschieden, ob sie nicht doch zurück müssen - in ihr Herkunftsland, das für viele keine Heimat mehr ist, aus dem sie vor vielen Jahren geflohen sind.

Falls sie nicht bleiben dürfen, klingelt möglicherweise mitten in der Nacht die Ausländerbehörde an ihrer Tür. Dann haben diese Menschen eine halbe Stunde Zeit, um hastig das Nötigste in Koffer zu packen und ein paar Freunde oder Verwandte zu benachrichtigen, dass sie umgehend ausreisen müssen. "Morgendliche Begleitung" heißt dies im Behördendeutsch. Der Bustransport zum Flughafen wartet schon.

Die Bilder von der nächtlichen, überfallartigen Stürmung von Wohnungen mit einer Armada von Beamten und Polizei, dem Zusammentreiben von Familien, deren Verzweiflung und Verängstigung, das hastige, zeitlich aufs Unterträglichste befristete Zusammenpacken der persönlichen Sachen, die limitierten Vorgaben bzgl. des erlaubten Gepäcks, die in der Stressituation die Menschen auch noch vor die Frage stellen, was ihnen so wichtig ist, dass sie es jetzt sofort mitnehmen wollen - dies sind erschütternde Bilder, die im Land der Täter eine Ungeheuerlichkeit darstellen und gleichermaßen beschämen, wie empören.

Die Ungewissheit zermürbt die Menschen und zerstört ihre Familien, doch die Bürokratie ist häufig gnadenlos. Michael Richter beobachtet das Handeln der Beamten, zeigt aber auch die oft dramatischen Schicksale der von der Abschiebung bedrohten Familien." (Quelle: Grimme-Institut)


15.Mai 2006
3sat
20:15 Uhr
Abschiebung im Morgengrauen

 

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