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Lesen- und Schreibenlernen in fünf Stunden!

11.12.2011, (MD)

Vortrag von Marion Döbert im Rahmen der Fachtagung des LV der VHS von NRW (27.02.2010) in Düsseldorf. Lesen- und Schreibenlernen in fünf Stunden! Die Bedeutung von Zeit in Alphabetisierung und Grundbildung

Sehr geehrte Damen und Herren,

kürzlich war ich bei Karstadt in der Schuhabteilung. Sitzt da ein Mann und probiert Pantoffeln an.

"Wie lange Sie schon hier sind!" sagt er zu der Schuhverkäuferin, "wie oft haben Sie mir schon geholfen, die richtigen Schuhe zu finden.“ "20 Jahre arbeite ich jetzt hier", antwortet die Verkäuferin.

Sie ist professionelle Schuh-Fachverkäuferin, erkennt auf Anhieb die richtige Schuhgröße und die Bedürfnisse des Kunden. So dauert der Kauf der Pantoffeln nicht lange. Zeit gespart durch Professionalität und Kompetenz!

Warum müssen Erwachsene drei, vier oder fünf Jahre in Alphabetisierungskursen bleiben? Geht das nicht schneller?

Dies ist eine Frage, die häufig gestellt wird, von VHS-Leitern, Arbeitsagenturen, Politikern...

Grundsätzlich ginge es schneller, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen:

Die Schuh-Fachverkäuferin hat ihren Job ordentlich in drei Jahren gelernt zzgl. langjähriger Erfahrung.

Alphabetisierungskursleiter sind nicht durch eine solche Lehre gegangen, auch wenn sie viele Jahre Erfahrung haben.

So sind die ausgebildeten Diplompädagogen und Sozialarbeiter oft gute Berater und Pädagogen, aber ohne grundlegende Ausbildung in Didaktik und Methodik der Schriftsprachvermittlung.


Deutschlehrer sind qualifiziert für den Unterricht von Kindern, nicht aber für die Alphabetisierung von Erwachsenen. Fortbildung für die Unterrichtenden wird obendrein angesichts der Haushaltskassen zum Luxusgut, zumindest aber zur Ausnahmegenehmigung.

Zeitverlust entsteht aber nicht nur durch fehlende grundlegende Qualifizierungsmöglichkeiten, sondern auch durch starke Fluktuation und Nebenberuflichkeit.

Alphabetisierungskursleitung ist oft nur eine Warteschleife auf dem Weg zum richtigen Job oder eben eine Nebenbeschäftigung.

Honorar-Dozentur begünstigt Fluktuation genau so wie Dozentur ausschließlich im Rahmen von Projekten.

Kompetenz kommt, wird aufgebaut, geht.

Genau dasselbe gilt auch für die Lerner.

Lernzeiten müssten nach dem Passungsprinzip zugeschnitten werden.

Die Schuhverkäuferin bietet ja auch nicht Größe 45 an, wenn der Kunde Schuhe braucht in Größe 40, aber sie bietet ihm auch keine Schuhe an in Größe 38.

Lerner, die in Arbeit sind, haben kaum Zeit und Gelegenheit zum Lernen. Die einzige Lernzeit ist oft nur die im Kurs. Nach unterrichtsfreien Zeiten geht es oft wieder erstmal zurück auf Start.

Lerner, die dagegen arbeitslos sind, hätten viel Zeit zum Lernen, bekommen aber kein entsprechendes Lernangebot.

In fünf Stunden Lesen- und Schreibenlernen ist grundsätzlich machbar, wenn es z.B. um das Lesen und Schreiben der eigenen Adresse geht oder um kleine, einfach strukturierte Wörter.

Wer aber Zeit im Sinne von Drängen thematisiert, übersieht dabei:

  • dass man ja nicht nur eine Adresse oder kleine Wörter lernen muss
  • dass es keine „Lehre“ für Alphabetisierungspädagogen gibt
  • dass es bislang keine professionelle und fundierte Didaktik der Schriftsprachvermittlung für Erwachsene gibt
  • dass es kaum systematisches Unterrichtsmaterial gerade auch für den Anfängerbereich gibt  dass die Eingangsniveaus der Lernenden sehr unterschiedlich sind
  • dass die Anforderungsniveaus der zukünftigen Nachfolgesituationen sehr verschieden sind
  • dass Lernzeiten nicht flexibel und angemessen angeboten werden
  • dass die Lernenden aufgrund harter Arbeitsbedingungen keinen Raum zum Lernen außerhalb des Kurses haben
  • dass die Lernenden ohne Arbeit lernen wollen, aber nicht dürfen, weil so gut wie keine Intensivkurse angeboten werden
  • dass Lernen nicht zuletzt auch ein sozialer Prozess ist, der Gemeinschaften bildet, oft die einzige oder erste Gemeinschaft, der die Lerner gerne und ohne Angst angehören.

Und so blieb auch der alte Mann, der Pantoffelkäufer, noch etwas länger sitzen und redete mit der Verkäuferin.

Dialog ist eben Teilhabe, ist Dazugehören, heißt auch, Identität entwickeln zu können.

Das gilt auch und gerade für den Lerndialog, und das braucht seine Zeit! Und das ist gut so!

 

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