Was die World Vision Kinderstudie 2010 und Erwachsene ohne Schrift miteinander zu tun haben. (für reticon von Marion Döbert)
Die World Vision Kinderstudie 2010 zeigt erneut - wie die gleichermaßen angelegte Studie von 2007 -, dass es drei entscheidende Risikofaktoren für ein Aufwachsen in Armut gibt: die Zugehörigkeit zur Unterschicht, Alleinerziehung und unzureichende Integration der Eltern in den Arbeitsmarkt. Ein Leben in Armut zeigt sich in den drei Bereichen ökonomischer Armut, sozialer Armut und kultureller Armut. Damit sind Kinder aus (relativen) Armutslebenslagen in ihren Entwicklungs-, Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt und gegenüber anderen Kindern aus Mittel- und Oberschicht gravierend benachteiligt.
Die federführend von Hurrelmann und Andresen an der Universität Bielefeld durchgeführte Studie zeigt in erschreckender Deutlichkeit, wie sehr sich die befragten Kinder im Alter von 6-11 Jahren ihrer geringen Chancen bewusst sind und dass dies in ihrem konkreten Alltagsverhalten wirkt:
- Aufgrund der Bildungsferne im eigenen Elternhaus entwickeln die Kinder keine Bildungsaspiration.
- Sie gehen bereits in diesem frühen Lebensalter davon aus, dass sie höchstens einen Hauptschulabschluss, auf keinen Fall aber Abitur erreichen werden.
- Damit verbunden ist ein geringes Zutrauen in ihre eigene Lern- und Leistungsfähigkeit.
- Die Kinder gehen davon aus, dass sie selbst nicht viel bewirken (werden) können.
- Sie haben keine Freude am Lernen und am Lesen, was sich besonders bei Jungen aus der untersten Herkunftsschicht zeigt. 42% dieser Jungen lesen selten oder nie in ihrer Freizeit. Lesehandlungen finden - daraus schlussfolgernd - offenbar nur für und in Schule statt.
Die extern bedingten Benachteiligungen und die damit verbundenen internalisierten Konzepte geringer Selbstwirksamkeit und geringen Zutrauens in die eigene Leistungsfähigkeit ziehen sich - wie Alphabetisierungspädagogen und -Forscherinnen nur allzu gut aus den biografischen Rückblicken erwachsener Analphabeten wissen - durch die gesamte Bildungs- und Lebensbiografie hindurch.
Im nationalen Kontext weist der frisch erschienene nationale Bildungsreport „Bildung in Deutschland 2010" auf die nach wie vor bestehenden sozialen Disparitäten im deutschen Bildungssystem hin.
„Zwischen 2000 und 2006 hat sich das Kompetenzniveau von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern im PISA-Lesetest fast überall verbessert. Statistisch bedeutsam ist die Steigerung in fünf Ländern. Trotz der Kompetenzzuwächse bei Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischem Status bedarf es weiterer Anstrengungen zu Verringerung des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb." (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2010, S. 10).
Kinder und Erwachsene erfahren gleichermaßen die Zwänge ökonomischer Armut, sozialer und kultureller Exklusion. Und was beide - die World Vision Kinder aus benachteiligten Elternhäusern und die erwachsenen funktionalen Analphabeten - teilen, ist die geringe Zuversicht, irgendetwas an den Umständen ändern und etwas in der Gesellschaft bewirken und erreichen zu können.
So werden externe Zwänge der (relativen) Armut über Kognitionen und Emotionen auch zu individuellen Selbstbeschränkungen. Der Glaube an die eigene Unzulänglichkeit und das Gefühl von Minderwertigkeit verdichten sich zu einem Paradigma für das Handeln im Alltag.
Weil das Zutrauen in eigene Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten fehlt, ist Verharren in gewohnten Umgebungen und Abläufen naheliegend. Die eigenen Ressourcen werden als so gering eingeschätzt, dass Lernen und neue Umgebungen (und damit neue Anforderungen) eher angstbesetzt sind, zumindest aber als antipathisch oder bedrohlich erlebt werden. Dies gilt bei Menschen mit geringem Literalitätsslevel vor allem auch für Situationen, Institutionen, Maßnahmen und Settings, in denen mit schriftsprachlichen Anforderungen zu rechnen ist.
Ein freiwilliges Aufsuchen einer Bildungseinrichtung, um Lesen und Schreiben zu lernen, ist daher ziemlich unrealistisch. Noch unwahrscheinlicher ist ein freiwilliger Eintritt in einen Alphabetisierungskurs, wenn relative Armut im Erwachsenenalter die Lebensbedingungen der benachteiligten Herkunftsfamilie widerspiegeln (soziale Vererbung von Armut) und damit die bereits in der Kindheit angeeigneten Paradigmen immer wieder verstärkt werden.
Hinzu kommt, dass Bildungseinrichtungen nicht barrierefrei sind. Alle Formen von bürokratischer Schriftsprache und schriftsprachlicher Fixiertheit stellen für funktionale Analphabeten unüberwindliche Hürden dar. Ein freiwilliger Zugang ist nicht möglich, wenn Angebote und Zugänge selbst gar nicht erst erschließbar sind.
Nur die gewohnte Umgebung bietet Sicherheit und Orientierung. Hier ist das Risiko, selber Lesen und Schreiben zu müssen, relativ gering. Zwar gibt es auch im gewohnten Umfeld schriftsprachliche Anforderungen zu erledigen. Da aber eine eingeweihte Vertrauensperson - Partner, Geschwister, Kollegin, Freund u.a. -bei funktionalen Analphabeten immer Bestandteil des gewohnten Kontextes ist, erledigt diese die anfallenden Aufgaben, wodurch ein Kursbesuch aus freien Stücken heraus noch unwahrscheinlicher wird.
Der Gang zur Volkshochschule oder zu anderen Bildungseinrichtungen erfolgt in der Regel nicht aus einem freien Entscheidungsimpuls heraus, sondern aus einer hoch verdichteten Zwangssituation heraus, die meistens kritischen Wendepunkten im Leben entspricht. Die häufigsten Wendepunkte sind folgende:
- Die Vertrauensperson steht plötzlich nicht mehr zur Verfügung beispielsweise durch Wegzug, Krankheit, Kuraufenthalt, Trennung, Versetzung am Arbeitsplatz oder Tod.
- Das eigene Kind wird eingeschult und benötigt Hilfe bei den Hausaufgaben. Das Kind möchte, dass ihm vorgelesen wird. Mit der Einschulung sind schriftsprachliche Anforderungen verbunden: bei Elternabenden, Klassenfahrten, Newslettern der Schule, Entschuldigungsschreiben, Zeugnissen usw.
- Es erfolgen Umstrukturierungen am Arbeitsplatz wie z.B. die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems, das die sinnentnehmende Rezeption von Texten und aktive Dokumentation von Arbeitsabläufen abverlangt. Rationalisierungsmaßnahmen führen zum Verlust des eigenen Arbeitsplatzes, weil Weiterbildungs- oder Umschulungsangebote nicht wahrgenommen werden (können), und wenn Arbeitslosigkeit eingetreten ist, gelten dieselben Beschränkungen. Die Folge ist Langzeitarbeitslosigkeit, womit die Teilhabe an ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen noch stärker eingeschränkt wird.
Diese Zwänge wirken so gravierend, dass nun endlich um Hilfe ersucht wird, bei Angehörigen, beim Fallmanager, bei der Sozialberatung, beim ALFA-TELEFON u.a. Meist sind es diese Multiplikatoren, die den Kontakt zur Bildungseinrichtung ermöglichen.
Mit dem Gang in das Beratungsgespräch - für die meisten Lernenden in ihrer Erwartungshaltungshaltung eher ein Gang nach Canossa - beginnt über den nachfolgenden Kursbesuch endlich ein langsamer Ausstieg aus dem Gefängnis der Selbstbeschränkungen.
Weitere Informationen
Informationen zum Artikel