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Leistung ist ein schillernder Begriff

03.06.2003, (BHE)

-bhe- Münster. "Leistung ist ein schillernder Begriff", findet Gerd Kellermann. Dem Moderator der Podiumsdiskussion, zu der am 27. Mai 2003 die Waldorfschule Münster mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Schulwesen eingeladen hatte, fällt auch gleich eine entsprechende Anekdote aus der eigenen Schulzeit ein: "An unserem Gymnasium mussten sich die Oberstufenschüler auf das Abi regelrecht bewerben, mit Lebenslauf, Berufswunsch und allem was auch in der freien Wirtschaft dazugehört." Dass die Lehrer einen seiner Mitschüler eigentlich als "untauglich für die Uni" einstuften, hielt diesen nicht im geringsten davon ab, im Folgenden eine akademische Bilderbuch-Karriere hinzulegen: Mittlerweile verdient er seine Brötchen als Biologie-Professor.

Seit dem schlechtem Abschneiden deutscher Schulen bei der europaweiten PISA-Studie steht die Bildungsfrage wieder hoch im Kurs. Bei der Diskussion "Leistung und Schule" begrüßten die Veranstalter auf dem Podium Hans Joachim von Olberg vom Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Uni Münster, Marie-Theres Kastner als Mitglied des Ausschusses für Schule und Weiterbildung im Landtag, Engelbert Kötter von der Bezirksregierung Münster, und Johannes Kiersch vom Institut für Waldorfpädagogik Witten. Außerdem bereicherte die Studentin Kathrin Preyer als ehemalige Schülerin der Waldorfschule die Diskussion. Vinzenz Hüwe von der IHK Nord Westfalen vertrat die Perspektive von Wirtschaft und Handwerk, wo hohe Rechtschreibfehler-Quoten in schriftlichen Bewerbungen immer wieder für Entsetzen sorgen. Noch mehr regelmäßige Tests zur Leistungsüberprüfung an Schulen hielten die meisten Diskussionsteilnehmer jedoch für den falschen Weg, Schülerleistungen zu steigern. "Dann wird irgendwann nur noch für den Test gelernt", gibt Kiersch zu bedenken.

Ist Leistung überhaupt messbar? Die Waldorfpädagogik setzt bis zur zwölten Klasse auf individuell ausformulierte Zeugnisse. Von Olbergs Forderung, auch an Regelschulen "weitere Jahrgänge vom Notendruck zu befreien", erntete spontanen Applaus. "Auf jeden Fall sollte die Beurteilung von Schülerleistungen möglichst zeitnah geschehen", ist sich Kiersch sicher und nimmt damit dem modischen Ruf nach einem Zentralabitur den Wind aus den Segeln. Was hält eigentlich die Philosophie-Studentin Preyer von ihrer ehemaligen Schule? "Ich habe mich als Waldorfschülerin an der Uni in keiner Weise benachteiligt gefühlt." Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit und Konzentrationsvermögen, da waren sich Teilnehmer und Zuhörer einig, sind für den späteren beruflichen Werdegang der Schüler ohnehin wichtiger als bloßes "Fakten-Büffeln".

Die Podiumsdiskussion war sehr gut besucht, und die Zuhörer - Eltern, Pädagogen und Oberstufenschüler - verfolgten das Gespräch mit großem Interesse. Doch wer geglaubt hatte, der Besuch dieser Diskussion sei auf passives Zuhören beschränkt, der kennt die Waldorfschule Münster schlecht: Zwei Mikrophone waren jederzeit für Beiträge der Besucher reserviert, und nach anfänglichem Zögern wurde dieses Angebot zum Mitdiskutieren rege genutzt.

Die Veranstaltung bildete den Auftakt zu einer Festwoche anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Waldorfschule Münster, die außerdem zu Theateraufführungen, Ausstellungen und einem abschließenden Fest mit Ehemaligentreffen einlud.

Menr Informationen unter http://www.muenster.org/waldorf

Für reticon von Brigitte Heeke (Münster)

 

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