In einem Interview auf NDR3 Kultur in der Reihe "Klassik à la carte"/ "Thementag Bildung" am 9. Februar 2009 erläutert der OECD-Bildungsforscher und PISA-Experte Andreas Schleicher Hintergründe und Aussagen zur PISA-Studie in Deutschland. Eine Konsequenz aus den Ergebnissen sei ein notwendiges Überdenken des Bildungsbegriffs. Bildung ist demnach viel weiter zu fassen als Ausbildung. Ein rein funktionaler Bildungsbegriff sei nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr verlange ein erweitertes Verständnis von Bildung die Grundlegung von Motivation für das Lernen an sich und damit auch für Lernen im gesamten Lebenslauf.
Nicht funktionale Kompetenzen und reproduzierendes Wissen, sondern das Neuschöpfen von Wissen, also Bildungskreativität, müssten im Fokus schulischen Lernens stehen. Dies gelinge jedoch nicht im Rahmen starrer Bildungscurricula, mit denen man in Deutschland förmlich „die Wände tapezieren“ könne.
Vielmehr sei individualisiertes und kreatives – dennoch aber auch effektives Lernen – möglich durch die klare Formulierung von Bildungsstandards. Bei Bildungsstandards gehe es nicht um eine Verschärfung von Curricula oder darum, dem Lehrer zu sagen, was er im Unterricht zu tun habe. Klare Leistungs- und Bildungsziele sollten vielmehr als strategische Zielsetzungen festgelegt werden, nicht aber im Sinne starrer Detailregelungen für den Unterricht. Klar müsse sein, was es heißt, gute Bildungsleistung zu erbringen; wie diese Leistungen erreicht werden könne, das obliege der freien Entscheidung und Gestaltung durch den Lehrer. Kreatives Unterrichten müsse möglich werden, schon alleine auch um einer Burn-Out Quote von 60% unter den Lehrern entgegen zu wirken. Im Abschieben von Schülern aus ungünstigen sozialen Kontexten sieht Schleicher eins der Hauptprobleme im schulischen Bildungssystem. Hier müsse Schule weitaus mehr Verantwortung übernehmen. Nicht in dem Sinne „für alle das Gleiche“, sondern im Sinne des gemeinsamen wechselseitigen Voneinanderlernens und im Sinne individualisiert gestalteter Lernprozesse.
Nur mit "fördern statt sortieren" könne Deutschland sein schöpferisches Potential optimal entwickeln. Dies entspreche dem Urbild von Liberalität. Bezugnehmend auf das neue Konjunkturprogramm der Bundesregierung weist Schleicher darauf hin, dass Investitionen in Schulgebäude zwar notwendig und sinnvoll, jedoch bei weitem nicht ausreichend seien. Vielmehr müsse ganz besonders auch in die Inhalte von Schule investiert werden. In den nächsten PISA-Runden – so Schleicher – werden u.a. neu die Kompetenzen im Umgang mit digitalen Texten, mit nicht linearen Informationsstrukturen untersucht.
Der Thementag Bildung läuft am 9.2. auf NDR Kultur
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