Als ein "Relikt aus der pädagogischen Mottenkiste" hatte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave (SPD) in der letzten Woche das Sitzenbleiben kritisiert. Damit erntete sie unterschiedliche Reaktionen von den Kultusministern der Bundesländer.
In Deutschland beenden in manchen Bundesländern bis zu 45 Prozent der Schüler ihre Schullaufbahn mit zeitlicher Verzögerung. Dies liegt zum einen an Späteinschulungen, aber "der weitaus größte Teil dieses Zeitverlustes ist auf Klassenwiederholungen zurückzuführen", heißt es im nationalen Bildungsbericht. Dieser war am vergangenen Freitag in Plön von der KMK verabschiedet worden.
So will das Land Sachsen-Anhalt laut Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz ein Sonderprogramm gegen das Sitzenbleiben auflegen. Dafür sollen ab dem kommenden Schuljahr 300 zusätzliche Lehrer an Sekundarschulen speziellen Förderunterricht anbieten. Die Schulen sollen künftig wählen können, ob schlechte Schüler eine Klasse wiederholen müssen oder in ihren schwachen Fächern mit dem Extra-Unterricht gefördert werden. Das berichtet die in Halle erscheinende Mitteldeutsche Zeitung.
Die Lehrer werden durch Schulschließungen verfügbar. Laut Kultusministerium gibt es in den Sekundarschulen des Landes besonders viele Sitzenbleiber. Im Schuljahr 2004/2005 waren es über 5000 (rund sechs Prozent). An den Gymnasien waren es nur 1700 Schüler (1,7 Prozent).
Auch andere Bundesländer wollen weniger Sitzenbleiber, an der Maßnahme selbst wollen sie aber festhalten. So betonte Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU), dass ein automatisches Versetzen unabhängig von der schulischen Leistung nicht in Betracht käme. Das Ziel der Versetzung sei ein Leistungsanreiz. Auch müsse eine Ehrenrunde der Karriere nicht schaden. Dabei gibt es aber auch Ausnahmen in Hessen. So läuft an der Wiesbadener Heinrich-von-Kleist-Schule seit einem knappen Schuljahr ein hessenweit einmaliger Modellversuch. In der verbundenen Haupt- und Realschule gibt es in den Klassen 5 bis 9 kein Sitzenbleiben mehr.
Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen (SPD) sagte, man wolle die individuelle Förderung erweitern. Seit 1999 gibt es dort die Möglichkeit der Nachprüfung für Schüler der Klassen fünf bis zehn. Die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) betonte, Sitzenbleiben führe nur in den seltensten Fällen dazu, dass sich Schülerleistungen dauerhaft besserten. Auch hier will man die Zahl der Sitzenbleiber deutlich senken.
Von Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) kam Zustimmung für Erdsiek-Rave. "Ich teile die Auffassung, das Sitzenbleiben - so weit es irgendwie geht - überflüssig zu machen", sagte Böger gegenüber der Berliner Zeitung. Dies sei schon Praxis an Berliner Grund- und Hauptschulen, wo schwächere Schüler nur noch ausnahmsweise eine Klasse wiederholen müssten.
In Hamburg hatte der Senat bereits Ende Mai beschlossen, in einem Schulversuch an acht Hauptschulen die Abschaffung des Sitzenbleibens zu erproben und schwächere Schüler individuell zu fördern.
GEW für Verzicht
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft macht sich für den völligen Verzicht stark. "Ein Abschaffen des Sitzenbleibens ist nicht unrealistisch, wenn man die Schulen besser ausstattet", erklärte die Vizevorsitzende Marianne Demmer. Laut Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz, in dem dem Sitzenbleiben ein eigenes Kapitel gewidmet ist, blieben in Deutschland im Schuljahr 2004/05 von den rund neun Millionen Schülern etwa 253 000 sitzen.
Weitere Informationen
Der Bildungsbericht unter www.bildungsbericht.de
Unten stehend Sitzenbleiber-Daten für das Schuljahr 2003/04 aufgeschlüsselt nach Bundesländern und Schulformen sowie der entstandenen Kosten (Datenmaterial der GEW mit weiteren Quellenangaben):
Anzahl Sitzenbleiber pro Schulform und Land / Kosten pro SchülerIn pro Jahr / Gesamtkosten Schj. 2003/04 (im .pdf-Format)
Klassenwiederholungen und ihre Kosten nach Bundesländern, Schulstufen und -formen / Schuljahr 2003/2004 (im .pdf-Format)
Anzahl der Klassenwiederholung in allgemeinbildenden Schulen im Schuljahr 2003/2004 pro Bundesland und damit verbundene Kosten in EURO (im .pdf-Format)
(Quelle: Bildungsklick)
Informationen zum Artikel