In der September-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft geht ein Artikel auf den Zusammenhang zwischen Körpergröße und Wohlstand am Beispiel der ehemaligen DDR ein.
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Artikel - mit freundlicher Genehmigung des Spektrumg-Verlags.
"Gleichheit lässt sich nicht verordnen
Was die Körpergröße über die ehemalige DDR verrät
Es gibt viele Indikatoren für allgemeinen Wohlstand, aber nicht immer
werden diese auch der Komplexität des Themas gerecht. Das
durchschnittliche Einkommen in einem Land kann hoch sein, während das
Verhältnis von armen und reichen Bürgern weit auseinander klafft. Auch
andere wirtschaftliche Kerngrößen spielen eine Rolle, reichen aber
nicht aus, um den biologischen Lebensstandard zu messen. John Komlos,
Leiter des Seminars für Wirtschaftsgeschichte an der Universität
München, verweist in der September-Ausgabe von Spektrum der
Wissenschaft auf einen verlässlicheren Indikator - die Körpergröße.
Die so genannte Anthropometrie, frei zu übersetzten mit
Körpervermessung, beschäftigt sich seit Längerem mit diesem
Phänomen. In den vergangenen Jahren konnten die Forscher beweisen,
dass selbst wirtschaftliche Schwankungen von wenigen Jahren, sich in
der durchschnittlichen Statur der Menschen niederschlagen, wenn sie
in den beiden ersten Lebensjahrzehnten auftreten.
Für die endgültige Körpergröße spielen wirtschaftliche, politische und
biologische Faktoren eine Rolle. Gute medizinische Betreuung etwa,
ausreichend Essen und Trinken, eine saubere Umwelt und selbst Bildung.
Letztere führt häufig dazu, dass die Kinder besser und
abwechslungsreicher ernährt werden.
Welche Rolle die Staatsform spielt, untersuchte Komlos, indem er die
Bevölkerung in Westdeutschland mit jener in der ehemaligen DDR
verglichen. Westdeutsche Männer, die zwischen 1951 und 1960 geboren
wurden, waren 0,7 Zentimeter größer als ostdeutsche. Der Unterschied
verdoppelte sich jedoch für das Folgejahrzehnt mit zunehmender
Isolierung der DDR nach dem Mauerbau 1961. Offensichtlich verfehlte
die dortige Regierung auch ihr Ziel einer klassenlosen Gesellschaft.
Komlos definierte einen hohen, mittleren und niederen sozialen Status,
je nach Einkommen und Bildung. Die Differenz in der Körpergröße
zwischen der ostdeutschen Ober- und Unterschicht betrug dann bei
Männern im Mittel 2,5 Zentimeter und bei Frauen 3,2 Zentimeter. Ganz
auffällig: Die stärksten Unterschiede zwischen oben und unten traten
bei ehemaligen DDR-Bürgern auf, die im Jahrzehnt nach dem Mauerbau
zur Welt kamen.
Dass sich biologischer und wirtschaftlicher Wohlstand aber nicht immer
decken, zeigt das Beispiel Nordamerika. Um die Mitte des 19.
Jahrhunderts waren die Amerikaner um 5 bis 7 Zentimeter größer als die
Europäer und damit die "Größten" der Welt. Doch seitdem sind sie nur
noch wenig gewachsen, während die Europäer um 10 bis 18 Zentimeter an
Höhe zulegten. Heute sind die Schweden, Norweger und Holländer die
"Größten" der Welt. Ihre Länder haben - so Kosmos - weit bessere"
Wohlfahrtssysteme als die USA."
(Quelle: Spektrum der Wissenschaft - September 2005)
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