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Interview mit der Kinderbuchautorin Verena Zeltner

Foto: Christiane Kneisel, OTZ

Interview mit der Kinderbuchautorin Verena Zeltner

31.10.2009, (G)

In einem Gastbeitrag aus dem Forschungsprojekt alphabund, das uns freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt wurde, wird die Kinderbuchautorin Verena Zeltner interviewt: Verena Zeltner schreibt schon seit vielen Jahren nebenberuflich Kinder- und Jugendbücher. Seit 2006 arbeitet sie ausschließlich als freie Autorin. Verena Zeltner stammt aus Lausnitz bei Neustadt an der Orla (Ostthüringen).

Sie ist ausgebildete Diplom-Wirtschaftsingenieurin und war lange Zeit im kaufmännischen Bereich tätig. Sie ist Mitglied des Schriftstellerverbandes VS, des Friedrich-Bödecker-Kreises und des Lese-Zeichen e.V. Thüringen.

Im Jahr 2009 erhielt Verena Zeltner ein Förderstipendium der Kulturstiftung Thüringen, um ein Vierteljahr lang im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf in Brandenburg an ihren Kinderbüchern zu arbeiten. Einst lebten und schrieben dort Bettina und Achim von Arnim. Im Frühjahr vollendete Verena Zeltner im Schloss das Kinderbuch „Indiander weinen nicht“ und begann ihren Kinderkrimi „Das verschwundene Huhn“ zu schreiben.

Zurzeit ist die Autorin wieder im Schloss mit der kreativen Arbeit beschäftigt. Ende November erscheint ihr Buch „Prinzessin Fledermaus“.

„Indianer weinen nicht" erzählt sehr lebendig die Geschichte des zehnjährigen Moritz. Vor dem Hintergrund der spannenden Abenteuer um Moritz, seine Freunde und das vom Zirkus zurückgelassene Pony „Bello" stellt das Buch anschaulich die Situation einer alleinerziehenden Mutter dar, die sich liebevoll um ihren Sohn kümmert, aber mit besonderen Schwierigkeiten zu tun hat, da sie funktionale Analphabetin ist.

alphabund: Mögen Sie kurz umreißen, wovon das Buch handelt?

Verena Zeltner: Moritz zieht mit seiner alleinerziehenden Mutter von Thüringen an die Ostsee, wo sie in einem Hotel Arbeit gefunden hat. Moritz' Großvater ist ein berühmter Pianist, aber das hat auch zur Folge, dass er nie zu Hause ist und Moritz eigentlich als Familie nur seine Mutter hat.

Die Geschichte handelt also von den Abenteuern und kleinen alltäglichen Problemen des Jungen: Nach dem Umzug hat Moritz schnell neue Freunde gefunden, sein bester Freund heißt Kalle und interessiert sich genauso für Indianer wie Moritz. Und er verliebt sich in eine Klassenkameradin. Aber es gibt auch weniger nette Mitschüler. Zum Beispiel Irina, die verwöhnte Tochter des Hoteldirektors, für den Moritz' Mutter als Zimmermädchen gearbeitet hat - bis er sie plötzlich entlässt. Irina sagt vor der versammelten Klasse zu Moritz, seine Mama sei strohdumm und könne nicht einmal lesen und schreiben. Damit bricht für Moritz eine Welt zusammen.

Moritz ist unsicher. Er stellt fest, dass mehr Leute davon gewusst haben, nur ihm hat seine Mutter nichts von ihrem Problem erzählt. Und dann fasst er einen Entschluss: Nichts wie weg von zu Hause, nach Amerika... Aber ich will nicht zu viel verraten und niemandem den Spaß verderben, das Buch zu lesen.

alphabund: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass die Mutter des Protagonisten nicht lesen kann?

Verena Zeltner: Ich las eine Meldung in der Zeitung, wo es hieß, vier Millionen Deustche könnten nicht lesen und schreiben. Das hat mich unheimlich betroffen gemacht, weil ich es mir gar nicht vorstellen konnte. Ich selbst habe die meiste Freizeit in meinem Leben mit Büchern verbracht!

Diese Nachricht hat mir überhaupt keine Ruhe gelassen. Deshalb habe ich sofort angefangen, diese Idee auszuarbeiten. Ich wollte ein Buch schreiben, das in einer spannenden Geschichte auch Kindern begreiflich macht, dass es wichtig ist, lesen und schreiben zu lernen, aber auch dass es Erwachsene gibt, die nicht lesen und schreiben können. Und ich wollte zeigen, dass auch Erwachsene Unterstützung kriegen können, um noch alles zu lernen. Ich glaube nämlich nicht, dass es Menschen gibt, die nicht gescheit genug sind, lesen und schreiben zu lernen. Das zeige ich auch in meiner Geschichte: Die Mutter vom Moritz ist eine sehr gescheite Frau.

Besonders hier in Ostdeutschland konnte ich mir nicht vorstellen, dass es Analphabeten gibt. Ich will wirklich nicht das alte System verherrlichen. Besonders Personen wie Margot Honnecker, die für Jugend und Bildung zuständig war, haben viel Schlimmes bewirkt. Aber dass jemand nicht lesen und schreiben lernt, schien mir unvorstellbar. Alle Lehrer mussten Rechenschaft ablegen, wenn zum Beispiel Schüler nicht versetzt wurden. Es gab sogar Patenschaften für schwächere Schüler. Und das war nicht nur Theorie. Wir haben das gemacht und schlechteren Schülern geholfen.

alphabund: Wie haben Sie für das Buch recherchiert? Haben Sie z.B. eine Selbsthilfegruppe oder Volkshochschulkurse besucht?

Verena Zeltner: Als erstes habe ich mit dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung telefoniert. Die haben mir schon sehr geholfen, das Thema zu begreifen. Zusätzlich habe ich natürlich im Internet und in der Presse alles verfolgt, was sich um Alphabetisierung drehte.

Am meisten hat mich dann aber der Besuch des Alphabetisierungs-Standes auf der Leipziger Buchmesse weitergebracht. Dort habe ich viele Gespräche mit Leuten geführt, die selbst betroffen waren. Davon sind viele Kleinigkeiten in mein Buch eingeflossen. Mit diesem Hintergrundwissen habe ich viele Stellen überarbeitet. So mussten zum Beispiel Moritz und seine Mutter auch ihr Auto „wieder abgeben", das ich erst ganz selbstverständlich in die Geschichte eingebaut hatte - ich fand nach der Recherche, das passte nicht richtig. Deshalb habe ich diese Stellen umgeschrieben und die beiden lieber Fahrrad fahren lassen.

alphabund: Kennen Sie das Buch „Fuffi der Wusel" von dem ehemaligen Analphabeten Tim-Thilo Fellmer?

Verena Zeltner: Wir haben uns auf der Buchmesse kennengelernt und ich habe mir auch das Buch angesehen. Später haben wir dann noch einmal telefoniert. Ich habe einiges aus Tim-Thilo Fellmers persönlicher Geschichte gelernt, was dann auch in die Geschichte von Moritz und seiner Mutter eingeflossen ist.

alphabund: Wann wird ihr Buch erscheinen?

Verena Zeltner: Ich hoffe bald! Leider kann ich Ihnen noch keinen genaueren Termin geben, da ich noch immer auf der Suche nach einem Verlag bin, der mein Buch verlegen möchte.

alphabund: Was planen Sie als nächstes? Möchten Sie das Thema Analphabetismus weiter verfolgen?

Verena Zeltner: Das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Man könnte sicher noch mehr darüber schreiben. Auf kleineren Lesungen in Schulen haben viele Kinder schon nach der Fortsetzung gefragt. Ich weiß noch nicht, ob ich wirklich eine Fortsetzung schreiben möchte, aber das Thema würde ich schon gern weiterhin verfolgen. Ich würde zum Beispiel gern einmal Lerngruppen besuchen.

Auch das Thema der Migranten würde mich sehr interessieren. Wenn ich mir vorstelle, wie ganze Familien in ein fremdes Land kommen, wo sie die Sprache nicht verstehen und von vielen kaum Hilfe erfahren. Vielleicht eine Geschichte aus der Sicht eines Kindes, dem es so ergeht und das dann Freunde findet und seinen ganz eigenen Weg geht...

alphabund: Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch. Ich hoffe, dass Sie bald einen Verlag für „Indianer weinen nicht" finden und auch weiterhin viele Ideen für spannende Geschichten haben!

Mehr über die Autorin und ihr Werk erfahren Sie auf ihrer neuen Website
www.verena-zeltner.de

Das Interview führte Björn Otte, Referent für Öffentlichkeitsarbeit der Transferstelle alphabund im UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen - www.alphabund.de

alphabund umfasst rund 100 Projekte, die mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung an Grundlagen, Materialien und Konzepten für die Alphabetisierung Erwachsener arbeiten. Die Ergebnisse werden dazu beitragen, Erwachsene, die wie Moritz' Mutter in Verena Zeltners Geschichte kaum lesen und schreiben können, optimal zu beraten, sie auszubilden und ihnen so die Möglichkeit zu geben, vollständig an der Gesellschaft teilzuhaben. Einer der Schwerpunkte der Projekte liegt etwa auf der Zusammenarbeit mit Unternehmen, die gering Qualifizierte beschäftigen, um die Integration funktionaler Analphabeten in den Arbeitsmarkt zu verbessern.

 

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Aus dem Warenhandel: Man sticht mit einer Sonde in eine Lieferung und untersucht den Stich.
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