Indien, mehrere arabische Länder und Gebiete in Vorderasien müssen seit nun schon über zwei Tagen mit Totalausfällen oder teils quälend langsamen Internet-Verbindungen leben. Zwei beschädigte Seekabel vor Ägypten gelten als Ursache. Trotz des "ausfallsicheren" TCP/IP-Protokolls erfährt die boomende T-Com- und IT-Industrie in Indien nun auf drastische Weise, was es heißt, vom Internet abhängig zu sein.
Kalauerten wir noch vor einigen Jahren mit Jürgen Rüttgers vom "Inder-Nett", so hat Indien in dieser Zeit doch gerade bewiesen, was eine aufstrebende Volkswirtschaft mit hoch gebildeten Arbeitskräften leisten kann: Viele Firmen, insbesondere aus Europa, haben ihre Call-Center nach Indien verlegt. IT-Support und Fernwartung kommen heute oftmals aus Fernost und selbst Versicherungsfälle werden dort zeitnah und hoch effizient bearbeitet, von den Programmierleistungen ganz zu schweigen.
Ebenso tröpfeln die Daten in arabischen Ländern und im indischen Raum nur noch aus den Netzanschluss-Dosen, wo vorher Breitbandverbindung war. Die Regierung in Delhi hat bereits Privatleute dazu aufgefordert, die kostbare Bandbreite nicht mit Film- und Musik-Downloads zu verschwenden, schließlich sei eine große Zahl von Arbeitnehmern auf das Netz angewiesen. Gleichzeitig versuchen Internet-Provider seit zwei Tagen hektisch, den Datenverkehr über Asien und die ehemalige Sowjetunion umzuleiten, allerdings mit bisher zweifelhaftem Erfolg.
Die zwei Schuldigen sind längst gefunden, die Ursache für den Nahezu-Blackout jedoch nicht: Zwei Unterseekabel vor Ägypten scheinen defekt zu sein, allerdings weiß offenbar bisher niemand warum. Die Reparatur könne einige Tage dauern, Pessimisten wie etwa ein Technik-Sprecher von 1&1 ziehen aber durchaus auch Monate in Betracht. Leider sind Untersee-Glasfaserkabel eben keine Klingeldrähte an der Haustür und statt Isolierband braucht man ein ruhig liegendes Schiff, das hochgezogene Kabel und sehr teuere Spezialisten, die die Enden nach einem definierten Schnitt wieder passgenau aneinander fügen.
Auf erschreckende Weise hängen an diesen beiden Kabeln das Wohl und Wehe mindestens einer Volkswirtschaft. Auf genauso erschreckende Weise offenbaren diese beiden Kabel die Schwachstellen des in den letzten Jahren zu schnell gewachsenen Internet: Es fehlt an alternativen Backbones, den Rückgraten, den hoch potenten Datenleitungen zwischen den Kontinenten. Das Internet ist für uns heute schon fast unverzichtbar (wie ich bei meinem letzten Umzug leidvoll erfahren musste), aber es ist alles andere als gut ausgebaut und gesichert. Die ursprüngliche Idee eines selbst im Fall eines atomaren Erstschlags noch funktionierenden Netzes ist eben nur dann gewährleistet, wenn es mehrere Wege zum Ziel gibt. In den nächsten Monaten und Jahren wird sich erweisen, ob den Staaten dieser Welt dieser Schritt gelingt. Noch ist es ganz offenbar nicht so weit.
Weitere Informationen
- Severe cables disrupt internet bei der BBC
- Web disturbances set to continue bei der BBC
- Wirtschaft im Nahen Osten leidet unter Kabelpanne bei Spiegel-Online
- Globalisierung im Stocken in der Online-Ausgabe der taz
- Arabische Welt beklagt nächsten Ausfall eines Glasfasrter-Backbones bei heise
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