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Google Grippefrühwarnsystem "Flutrends"

Logo: Google

Google Grippefrühwarnsystem "Flutrends"

12.11.2008, (RK)

Google hat mal wieder eine Anwendung in die Netzwelt entlassen, die aus den Daten der beim Suchmaschinengiganten anfallenden Suchanfragen ein Werkzeug machen: Mit "Flutrends" werden
Anfragen zu Schlüsselbegriffen rund um Erkältungssymptome lokalisiert. Indem erkennbar wird, in welchen Regionen gehäuft Informationen zu Erkältung und Grippe recherchiert werden, so die Vorstellung der Macher, können Grippe-Epedemien früher als bisher erkannt werden.

Immer wieder wird in der Öffentlichkeit über die Macht des Internet-Suchmaschinenbetreibers Google berichtet und diskutiert. Seit dem Start vor zehn Jahren ist Google zum Marktmonopolisten geworden. Das Wort "googlen" ist mittlerweile das Synonym für die Suche nach Informationen im Internet. Folglich wächst dem Unternehmen, das den Algorithmus, auf dem basierend die Suchergebnisse erstellt und gelistet werden, hütet wie die Cola-Rezeptur, eine dominante Stellung zu: Wer bei Google nicht auf den ersten beiden Seiten erscheint, existiert praktisch nicht. Wer von Google ausgesperrt wird, findet sich im digitalen Niemandsland wieder.

Gerade Datenschützer bemängeln indes Googles (Informationspolitik zum) Umgang mit Nutzeranfragen und den sich daraus ergebenden Daten. Es wird befürchtet, dass das Unternehmen Suchanfragen und die im Rahmen der zahlreichen Google-Anwendungen anfallenden Informationen speichert und für nicht offengelegte Zwecke bündelt, miteinander kombiniert, auswertet und nutzt.

Die Webcommunity stürzt sich immer wieder mal mehr mal weniger begeistert auf die kostenlosen Tools, geben ihre Tagebuchgedanken in das Blog-Tool ein, lassen sich schlagwortbezogene Nachrichten zuschicken, speichern und taggen ihre Bilder bei Picasa, lassen sich von Google ihren Rechner durchsuchen, erstellen Texte und Tabellen online oder generieren personalisierte Maps, in denen sie während der Wohnungssuche in Frage kommende neue Adressen speichern u.v.m. Neben den Eigenentwicklungen kauft Google zudem immer mehr vielversprechende Webunternehmen und deren Produkte auf wie z.B. das Blogtool Blogger, den Bilderdienst Picasa oder das Videoportal YouTube. So ergibt sich zunehmend die Situation, dass man bei der Nutzung des Internets kaum noch um die Datenkrake aus Kalifornien herumkommt.

Schon jetzt macht Google mit den Informationen von seinen Nutzern und dem daraus abgeleiteten Wissen über diese Geld. Werbekunden kann Google die Leistung verkaufen, passgenau Werbebotschaften an die richtigen Abnehmer und Zielgruppen zuzustellen. So durchforstet das Google-Mailprogramm "Googlemail" automatisiert die verschickten Texte und blendet beim Empfänger Werbung ein, die an Schlüsselbegriffen in den Mailtexten angepasst sind. Berichtet man in einer Mail über den schönen Urlaub in Griechenland wird folglich Werbung von Hotels in Griechenland, Billigflügen nach Athen oder Sprachkurs-CDs Griechisch eingeblendet.

Nun hat Google die anfallenden Datenmassen zu einer weiteren, scheinbar v.a. hilfreichen Anwendung gebündelt: Google Flutrends bildet Suchanfragen zu Grippe-Symptomen geographisch ab. Durch diese Lokalisierung sollen mögliche Grippe-Epedemien frühzeitig erkennbar werden.



Kein Schnupfen in New York - Häufen sich Suchanfragen zu Grippesymptomen in einer Region interpretiert Google Flutrends dies als Hinweis auf eine Grippe-Welle und bildet diese geographisch ab.


Die dahinter stehende Annahme liegt auf der Hand: Zeigen Menschen erste Erkältungssymptome, googlen sie Symptome, Behandlungsmethoden und Krankheitsverläufe. Tauchen also Suchanfragen zu Schlüsselbegriffen wie "Schnupfen", "Kopfschmerzen", "Grippe" etc. in einer Region gesteigert auf, darf vermutet werden, dass hier eine Grippewelle im Ausbruch begriffen ist.

Eine sinnvolle Anwendung. Dennoch: Google Flutrends ist nur ein neuerliches Beispiel dafür, wie aus Daten durch Kombination Informationen werden. Dieses Potential hat durchaus kritische Komponenten.

Filme wie Minority Report oder Se7en vermitteln einen Eindruck von einer Welt, in der das Data-Mining eine intelligente Umgebung oder einen allwissenden Staat generiert. Via Augenscan wird der Kunde in der Geschäftspassage erkannt und per Abgleich der virtuell zugänglichen Kreditkartendaten der letzte Kauf eines Kleidungsstücks und der daher bestehende Bedarf für eine neue Jeans erkannt. Aus dem Online Kalender geht der anstehende Termin für ein Bewwerbungsgespräch hervor und also wird eine neue Krawatte angepriesen.

Der von Morgan Freeman gespielte Detective recherchiert in einem Serienmordfall eine kleine Gruppe in Frage kommender Verdächtiger, indem er eine Reihe von Buchtiteln zusammenstellt, die zum ideologischen Hintergrund der Serie passen und lässt von einem Informaten des FBI, das diese Daten erhebt und speichert, überprüfen, wer zuletzt diese Titel in öffentlichen Bibliotheken ausgeliehen hat.

Dass diese Art der Informationsnutzung nicht Science Fiction ist, zeigt z.B. ein Bericht des Spiegel über Bestrebungen der Polizei von Los Angeles, die Muslime der Stadt in einer Landkarte zu erfassen, um potentielle Radikalisierungsherde zu identifizieren.

Es zeigt sich: Je mehr Daten auflaufen und je differenzierter die abgeleiteten Muster und Typologien werden, desto problematischer wird der Umgang mit ihnen. Allein der Anwender selbst kann hier durch einen kontrollierten und kritischen Umgang mit Daten und Informationen entscheiden, wie wichtig ihm seine Privatsphäre ist. Eine wichtige Aufgabe im Übrigen für eine kritische Medienpädagogik, die sich in Schule und Universität nicht allein darauf kaprizieren sollte, Anwendungsunterweisung zu betreiben, sondern Urteilsfähigkeit zu entwickeln und neben Themen wie "Gefahren beim Chatten" und "Urheberrecht im Internet" auch "Privatsphäre und Umgang mit Daten" behandeln sollte. Dazu müssen natürlich die Pädagogen selbst erst einmal geschult werden.

Zum Thema auch: Der User ist der Content ist der User ist der ... bei reticon

(NT/heise/SZ)

 

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