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Gehirn und Geist: Musik löst Gänsehaut aus

18.12.2006, (MR)

Erst am Wochenende stellten wir (ganz privat) fest, dass Musik glücklich macht. Gehirn und Geist geht in der Ausgabe 1-2/2007 dem Phänomen nach, dass Musik eine Gänsehaut auslöst. Welche Kompositionen können das und warum überhaupt?

Nachfolgender Artikel mit freundlicher Genehmigung des Spektrum Verlags:

"Musik begreifen - eine Frage der Gewohnheit?

Die meisten Menschen können mit zeitgenössischer Klassik wenig anfangen - ihr Gehirn aber schon, zumindest mit ein wenig Übung. Und ob jemand bei "Also sprach Zarathustra" eine Gänsehaut bekommt, ist neuen Forschungen zufolge vor allem eine Frage seiner Persönlichkeit.

Wenn zeitgenössische klassische Musik auf uns unverständlich oder gar abstoßend wirkt, dann vor allem deshalb, weil unser Gehirn nicht an sie gewöhnt ist. Das haben der Musikwissenschaftler Philippe Lalitte und der Kognitionspsychologe Emmanuel Bigand von der Universität Dijon
herausgefunden. In der neuesten Ausgabe von Gehirn&Geist (1-2/07) berichten die beiden französischen Forscher über ihre Experimente, denen zufolge wir umso mehr Sinn für die ungewohnten Klänge entwickeln, je länger wir ihnen ausgesetzt sind. Dies geschieht durch implizites Lernen: das Speichern von Informationen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachen viele Komponis­ten mit den damals geltenden musikalischen Konventionen, wie dem Dur/Mollsystem, und entwickelten neue Ausdrucksformen, etwa die atonale Zwölftonmusik, auch serielle Musik genannt. Außerhalb eines kleinen Zirkels von Experten hat diese "Neue Musik" bis heute jedoch keine durchschlagenden Erfolge erzielt und bleibt auch auf den
Abonnementprogrammen der Sinfonieorchester meist nur eine gelegentliche Pflichtübung. Damit unterscheidet sie sich grundsätzlich etwa von modernen Gemälden oder Romanen, die zeitgleich entstanden und längst ein großes Publikum erreichen.

Um herauszufinden, ob die neuen Tonstrukturen die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit überfordern, unternahmen Psychologen bereits seit den 1960er Jahren Versuche, in denen sie Probanden mit serieller Musik konfrontierten. Die ersten Experimente dieser Art verliefen wenig ermutigend: Nicht einmal Profis merkten es beispielsweise, wenn in eine neue zwölftönige Komposition Abschnitte eines anderen seriellen Stücks eingefügt wurden. 

Neuere Experimente lassen jedoch hoffen, dass wir eines Tages Stockhausen genauso genießen können wie heute Bach oder Haydn. So ergab eine Testreihe des Experimentalpsychologen Zoltan Dienes von der University of Sussex in Brighton, dass mit serieller Musik vertraute Menschen verschiedene Zwölftonreihen besser auseinander halten können als Versuchspersonen ohne solche Vorkenntnisse. Interessanterweise hatten die erfolgreichen Pro­banden dabei dennoch das Gefühl, nur
blind zu raten - ein typisches Kennzeichen impliziten Lernens.

Studienergebnisse von Emmanuel Bigand deuten in die gleiche Richtung. Seine Forschertruppe präsentierte ihren Versuchpersonen zunächst eine Reihe von kurzen zwölftönigen Klavierstücken. Nach dieser Trainingsphase konnten die Probanden - und zwar Laien ebenso wie Musiker - derartige Kompositionen, die sich nur in den Notenfolgen unterschieden, recht gut auseinander halten.

Unter bestimmten Bedingungen scheint der menschliche Geist also doch die Fähigkeit zu besitzen, die Grammatik serieller Musik zu begreifen. Sind Ohr und Gehirn avantgardistischen Stücken ausgesetzt, gewöhnen sie sich allmählich an deren Charakteristika - jedoch werden wir uns dessen gar nicht bewusst. Selbst wenn also die Zuhörer diese Musik als verwirrend empfinden, hat ihr Gehirn bereits die Struktur registriert und sich zumindest ein wenig darauf eingestellt.

In einem weiteren Beitrag erklären der Musikphysiologe Eckart Altenmüller und der Musikpsychologe Reinhard Kopiez von der Hochschule für Musik und Theater Hannover den "Gänsehaut-Effekt" - den wohligen Schauer, den Musik manchmal bei Hörern auslöst. Ihren Forschungen zufolge hängt eine solche emotionale Wirkung einerseits von bestimmten Elementen der Komposition ab: etwa dem Beginn von etwas Neuem, dem Einsatz menschlicher Ge­sangsstimmen oder plötzlichen
Lautstärkeunterschieden.

Andererseits spielt auch die Persönlichkeit des Hörers eine gewichtige Rolle: Schüchterne, überdurchschnittlich von Belohnungen abhängige Personen bekommen besonders leicht eine Gänsehaut; zudem fördert Vertrautheit mit der gehörten Musik das emotionale Erleben beim
Zuhören - nach dem Motto "Je mehr ich verstehe, desto besser fühle ich mich". (Quelle: Gehirn&Geist 1-2/2007)

Weitere Informationen unter www.gehirn-und-geist.de

 

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