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Gehirn und Geist: Jeder hat Vorurteile - oder nicht?

08.09.2007, (MR)

Stecken wir voller Vorurteile? So fragt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Gehirn&Geist 9/2007. Ermittelt werden solche Ergebnisse durch die Untersuchung "unbewusster Assoziationen" - wissenschaftlich allerdings durchaus umstritten.

Nachfolgend ein Auszug des Artikels, mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags:

"Mehr als sieben von zehn Deutschen hegen Vorbehalte gegenüber Türken. Das ermittelten Psychologen mit neuartigen Assoziationstests. Kritiker bezweifeln allerdings die Aussagekraft des Verfahrens.

Ein Experiment des Heidelberger Psychologen Klaus Fiedler, das unbewusste Assoziationen misst, legte für über siebzig Prozent seiner Probanden verborgene ausländerfeindliche Tendenzen nahe – dabei schätzten sich die meisten seiner Versuchspersonen selbst als neutral gegenüber Fremden ein. Das überrascht Fachleute kaum: „Viele Menschen stecken voller Vorurteile, auch wenn sie sich dessen gar nicht bewusst sind“, sagt etwa Mahzarin Banaji, Psychologin von der Harvard University. Dennoch steht der „Gesinnungs-TÜV“ bei vielen Experten in der Kritik, berichtet das Magazin Gehirn&Geist in seiner neuen Ausgabe (9/2007).

Einig sind sich Forscher, dass der „Implizite Assoziationstest“ (IAT) relativ sicher anzeigt, welcher Gruppe sich ein Proband zugehörig fühlt und welche Werte gesellschaftlich positiv oder negativ besetzt sind. Ob er auch handfeste Vorurteile offen legt, ist dagegen umstritten.

Das Prinzip hinter dem 1998 von Anthony Greenwald von der University of Washington entwickelten IAT ist so einfach wie genial: Je schneller eine Person Reizwörter wie Qual oder Tod mit Fotos von Angehörigen einer bestimmten Minderheit in Verbindung bringt, desto ausgeprägter sind die Vorurteile desjenigen. Weil Reaktionszeit sich willentlich kaum beschleunigen lasse, sollen die Ergebnisse vor allem unbewusste Einstellungen widerspiegeln.

Annähernd sechs Millionen Internetnutzer hat die Harvard-Psychologin Banaji so auf versteckte Ressentiments untersucht – mit scheinbar eindeutigem Ergebnis: 68 Prozent der Versuchsteilnehmer, die sich meist als liberal und weltoffen beschrieben, entpuppten sich als heimliche Schwulen-Gegner; 80 Prozent hegten Vorurteile gegenüber Übergewichtigen, und drei von vier weißen US-Amerikanern wurden als latente Rassisten entlarvt.

„Wer weiße Gesichter schneller mit positiven Begriffen assoziiert, für den ist vielleicht ‚weiß’ sehr positiv besetzt und ‚schwarz’ eben nur positiv“, gibt der Basler Wissenschaftler Malte Friese zu Bedenken. Und auch der Heidelberger Psychologe Fiedler bezweifelt die Aussagekraft des Testverfahrens: Bei Wiederholung seines Ausländerfeindlichkeitsexperiments stellte er fest, dass erneut getestete Versuchspersonen die Ergebnisse zu ihren Gunsten manipulieren konnten.

Für Aussagen über Einzelpersonen sei der IAT nur bedingt tauglich, urteilt der Psychologe Hart Blanton von der A&M University in Texas. Die Vorurteilsforscher zwängen ihre Probanden, die Welt in zwei Kategorien aufzuteilen – um sie anschließend des Schwarz-Weiß-Denkens zu bezichtigen!

IAT-Befürworter verweisen darauf, dass sich ihre Ergebnisse mit den Resultaten anderer Versuche decken: Menschen, denen der IAT einen latenten Rassismus bescheinigte, lächelten einen schwarzen Versuchsleiter seltener an und verrieten ihm weniger Privates als einem Weißen.

Das Project Implicit der Harvard University im Internet: https://implicit.harvard.edu/implicit

" (Quelle: Gehirn und Geist 9/2007)

Weitere Informationen unter www.gehirn-und-geist.de

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