Der
Frankfurter Historiker Johannes Fried fordert eine neue –
gehirngerechte – Geschichtswissenschaft. In der aktuellen
Gehirn&Geist 05/2005 werden aktuelle Forschungen vorgestellt, die
sich mit der Analyser der Veränderung von Erinnerung im Gehirn
auseinandersetzen.
Nachfolgend ein Auszug aus dem Artikel der Gehirn&Geist 05/2005, mit freundlicher Genehmigung des Spektrum Verlags.
Der Kinofilm „Der Untergang“ (2004) war ein Kassenschlager. Die Geschichte über die letzten Tage von Adolf Hitler lockte ein Millionenpublikum, indem sie dunkle Szenen der deutschen Vergangenheit wieder zum Leben erweckte. Besonders die biografischen Aufzeichnungen von Traudl Junge, einer von Hitlers letzten Privatsekretärinnen, dienten dem Drehbuch als Quelle. Doch Erkenntnisse aus der Gedächtnisforschung zeigen, dass unsere autobiografischen Erinnerungen leicht Verfälschungen unterliegen – Befunde, die Geschichtswissenschaftler nicht länger ignorieren sollten, wie der Historiker Johannes Fried in der neusten Ausgabe (Heft 5/2005) von „Gehirn&Geist“ betont.
Das aktuelle Titelthema des Magazins für Psychologie und Hirnforschung beschäftigt sich mit der Frage „Wie wahr sind Erinnerungen?“ Fried, Professor für Geschichte an der Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main, fordert ein deutliches methodisches Umdenken in seiner Zunft: Geschichtswissenschaftler müssten die Operationsweisen des Gedächtnisses gründlicher kennen und kognitions- und neurowissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Forschungen einbeziehen.
Denn aus der Gedächtnisforschung ist bekannt, dass bestimmte
Faktoren unsere Erinnerungen unbewusst, aber systematisch verformen. So zum
Beispiel die mehrmalige Wiederholung eines Vergangenheitsberichts, der
Kontext, in dem man sich die Erlebnisse wieder vor Augen ruft, die Anzahl der
zu erinnernden Geschehnisse oder die eigene Rolle in dem betreffenden
Ereignis.
Diese und andere Faktoren formen die Gedächtniskonstrukte eines jeden (Zeit-)Zeugen und bewirken, dass keine Erinnerung an dasselbe Geschehen einer zweiten gleicht. In Traudel Junges Autobiografie lassen sich viele der genannten Fehlerquellen wieder finden, wie Fried anhand zahlreicher Beispiele veranschaulicht. Doch die widersprüchlichen Erinnerungen von Hitlers Sekretärin sind kein Einzelfall und erst Recht keine Lüge, wie der Geschichtsforscher betont: „Das menschliche Gedächtnis arbeitet nicht für Historiker oder Untersuchungsrichter. Es dient mit seinem aufwendigen neuronalen System dem Leben, und dieses bedarf fließender Anpassungen des erworbenen Wissens an die Anforderungen des gegenwärtigen Augenblicks.“
Entsprechend sollten Geschichtsforscher derartig „falsche Erinnerungen“ auch nicht einfach als ärgerliche Fehlangaben auffassen. Vielmehr könnten die Verzerrungen als reichhaltige Quellen genutzt werden, um die Erinnerungskultur zu erforschen, die ein bestimmtes geschichtliches Ereignis ausgelöst hat. Und so zieht Fried das Fazit: „Wir brauchen die neue Disziplin einer Erinnerungs-Kulturwissenschaft. Denn nur, wer die Erinnerungskultur einer Gesellschaft versteht, versteht auch die Gesellschaft.“
Mehr erfahren Sie auch im Internet unter www.gehirn-und-geist.de
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