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Gehirn macht Geschichte

23.04.2005, (MR)

Der Frankfurter Historiker Johannes Fried fordert eine neue – gehirngerechte – Geschichtswissenschaft.  In der aktuellen Gehirn&Geist 05/2005 werden aktuelle Forschungen vorgestellt, die sich mit der Analyser der Veränderung von Erinnerung im Gehirn auseinandersetzen.

Nachfolgend ein Auszug aus dem Artikel der Gehirn&Geist 05/2005, mit freundlicher Genehmigung des Spektrum Verlags.

Der Kinofilm „Der Untergang“ (2004) war ein Kassenschlager. Die Geschichte über die letzten Tage von Adolf Hitler lockte ein Millio­nenpublikum, indem sie dunkle Szenen der deutschen Vergangen­heit wieder zum Leben erweckte. Besonders die biografischen Auf­zeichnungen von Traudl Junge, einer von Hitlers letzten Privat­sekretärinnen, dienten dem Drehbuch als Quelle. Doch Erkennt­nisse aus der Gedächtnisforschung zei­gen, dass unsere autobio­grafischen Erinnerungen leicht Verfäl­schungen unterliegen – Befunde, die Geschichtswissenschaft­ler nicht länger ignorieren sollten, wie der Historiker Johannes Fried in der neusten Ausgabe (Heft 5/2005) von „Gehirn&Geist“ betont.  

Das aktuelle Titelthema des Magazins für Psychologie und Hirn­forschung beschäftigt sich mit der Frage „Wie wahr sind Erinnerun­gen?“ Fried, Professor für Geschichte an der Wolf­gang Goethe Universität Frankfurt am Main, fordert ein deut­liches methodisches Umdenken in seiner Zunft: Geschichts­wissenschaftler müssten die Operationsweisen des Gedächt­nisses gründlicher kennen und kognitions- und neurowissen­schaftliche Erkenntnisse in ihre Forschungen einbeziehen.

Denn aus der Gedächtnisforschung ist bekannt, dass be­stimmte Faktoren unsere Erinnerungen unbewusst, aber sys­tematisch ver­formen. So zum Beispiel die mehrmalige Wieder­holung eines Ver­gangenheitsberichts, der Kontext, in dem man sich die Erlebnisse wieder vor Augen ruft, die Anzahl der zu er­innernden Gescheh­nisse oder die eigene Rolle in dem betref­fenden Ereignis.

Diese und andere Faktoren formen die Gedächtniskonstrukte eines jeden (Zeit-)Zeugen und bewirken, dass keine Erinnerung an das­selbe Geschehen einer zweiten gleicht. In Traudel Junges Auto­biografie lassen sich viele der genannten Fehlerquellen wieder finden, wie Fried anhand zahlreicher Beispiele veranschaulicht. Doch die widersprüchlichen Erinnerungen von Hitlers Sekretärin sind kein Einzelfall und erst Recht keine Lüge, wie der Geschichtsforscher betont: „Das menschliche Gedächtnis arbeitet nicht für Historiker oder Untersuchungsrichter. Es dient mit seinem aufwendigen neuronalen System dem Leben, und dieses bedarf fließender Anpassungen des erworbenen Wissens an die Anforde­rungen des gegenwärtigen Augenblicks.“

Entsprechend sollten Geschichtsforscher derartig „falsche Erinne­rungen“ auch nicht einfach als ärgerliche Fehlangaben auffassen. Vielmehr könnten die Verzerrungen als reichhaltige Quellen genutzt werden, um die Erinnerungskultur zu erforschen, die ein bestimm­tes geschichtliches Ereignis ausgelöst hat. Und so zieht Fried das Fazit: „Wir brauchen die neue Disziplin einer Erinnerungs-Kultur­wissenschaft. Denn nur, wer die Erinnerungskultur einer Gesell­schaft versteht, versteht auch die Gesellschaft.“

Mehr erfahren Sie auch im Internet unter www.gehirn-und-geist.de

 

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