Wir freuen uns, dass Prof. Friedrich Schönweiss (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Arbeitsbereich Medienpädagogik) in einem Gastbeitrag die Diskussion um Bildungsreformen und den aktuellen Stand der Lehrerausbildung darstellt. Der Beitrag ist aktuell in "Die Grundschulzeitschrift 207/2007" erschienen.
"Der Weg ist dem Ziel im Weg!" - ob die frechen Berliner Studierenden wohl wussten, wie recht sie mit ihrem Graffiti noch bekommen sollten? Im Zuge des ganzen Modularisierungseifers ist das Lehramtsstudium jeden-
falls auf dem allerbesten Wege, auch noch den letzten Hauch einer qualifizierten Hinführung zu den Aufgaben zu verlieren, denen sich ein Lehrer heute stellen muss. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der Politik und Gesellschaft endlich die Bedeutung einer möglichst frühzeitigen, umfassenden individuellen Förderung wertschätzen, scheinen sich unsere Unis primär darauf zu konzentrieren, die inhaltliche Seite des Studiums tunlichst aus den Hörsälen zu verbannen. Alles wird im Rahmen einer weithin ungezügelten Formularisierungswut auf seine Creditpoint-Tauglichkeit hin überprüft und dem Fetisch Vergleichbarkeit und Abschluss geopfert, und zwar von Lehrenden wie Studierenden. Anstatt zu diskutieren, was man den Lehrern von morgen an die Hand geben muss, verplempern Professoren ihre Zeit und die ihrer Studenten damit, wie man letztere wieder aus überfüllten Pflichtveranstaltungen hinauskomplimen tieren kann, ohne gleich regresspflichtig zu werden, denn beschränkte Studienzeiten wie Studiengebühren gibt's inzwischen ja auch noch.
Dass bei alledem pingeliges Pochen auf widersprüchliche, nicht handhabbare Prüfungsordnungen mit Objektivität verwechselt wird, die Lehrenden dem aufgeblähten Prüfungsbedarf mit aberwitzigen Prüfungsformen Herr zu werden versuchen und die längst auf der Strecke gebliebene inhaltliche Qualität durch aufgesetzte Evaluationsmaßnahmen im Nachhinein wieder erzwungen werden soll, komplettiert das traurige Theater. Ein solches ,Studium' ist auf dem besten Wege, sich selbst überflüssig zu machen.
Dabei stünden die Chancen für eine substantielle Reform der Ausbildung so gut wie noch nie - weil sie zu einer sachlichen Notwendigkeit geworden ist. Unser Bildungswesen muss zur Zeit einen Perspektivenwechsel bewerkstelligen, der von Schulen und Lehrern nicht alleine bewältigt werden kann. Die vielgeforderte individuelle Förderung und das Heranführen heutiger Kinder an Selbstständigkeit ist nicht damit abgehakt, dass Lehrer immer wieder darauf verpflichtet werden. Nicht umsonst sind diese auf der Suche nach neuen Konzepten, geeigneteren Materialien und Fortbildungsmöglichkeiten, um ihre Diagnose- und Förderkompetenzen auszubauen, weil sie unterschiedlichste Formen von Lernproblemen selbst erkennen und auffangen möchten. Und weil sie dafür nicht ausgebildet wurden.
Ist es nicht paradox, wenn „die Gesellschaft" die Einlösung der im Studium ständig gepredigten pädagogischen Ideale verlangt, die Hochschulen aber angehende Lehrer „Selbstständigkeit" allenfalls als flüchtigen Paukstoff kennenlernen lassen?
Sicher ist das überzeichnet, und es gibt immer mehr Lehrende, die sich trotz erschwerter Bedingungen theoretisch wie praktisch darum bemühen, die längst schon laufende Bildungsreform konstruktiv zu begleiten. Warum also sollte man nicht gleich den umgekehrten Weg gehen und das Voranbringen der überfälligen Bildungsreform zum Inhalt der Ausbildung machen? Von einem systematischen Verzahnen der Lehreraus- und -Weiterbildung mit einer Veränderung der schulischen Praxis könnten beide Seiten nur gewinnen. Nicht zuletzt könnten die Studierenden als Förderkräfte Lehrer entlasten und beizeiten Verantwortung übernehmen lernen statt diese immer nur
an die Kinder selbst zu delegieren. Wie es ihnen häufig noch nahegelegt wird, wenn sie etwa in Klausuren konstruktivistische Ansätze als Krone der pädagogischen Schöpfung preisen sollen.
Mit einem aufs Durchschleusen angelegten, prüfungsfixierten Schmalspurstudium, oft abgetrennt von jeglicher Forschung, sind solche Lehrerpersönlichkeiten, wie sie heute gebraucht werden, nicht zu bekommen. Reformpädagogische Forschung darf sich ruhig verstärkt der Zukunft von Bildung widmen. Weshalb sollten sich die Studierenden nicht durch Mitwirken an all den vielen Baustellen qualifizieren, die das Fundament einer neuen Schule darstellen, ob bei der Analyse von Lernproblemen, dem Entwickeln von innovativen, flexiblen Bildungsmaterialien, dem Ausreizen all der digitalen Möglichkeiten oder dem Austüfteln neuer Förderszenarien (siehe z.B. lernserver.de)? Wo, wenn nicht hier, in der Verbindung von veränderter schulischer Praxis und deren theoretischer Unterfütterung könnten sie ihre pädagogische Eignung dokumentieren und selbst erfahren?!
Autor: Prof. Friedrich Schönweiss, der Artikel ist zuerst in "Die Grundschulzeitschrift 207/2007" erschienen
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