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Esma Abdelhamid / Marianne Moesle: "Löwenmutter"

(c) Cover zum Buch, fischerverlage.de

Esma Abdelhamid / Marianne Moesle: "Löwenmutter"

11.03.2008, (MD)

Und wieder ein neues Buch auf dem Markt: Frauenschicksal, Zwangsehe und Kampf einer Mutter um ihre Kinder. Ist das alles? Der Titel „Löwenmutter" und der Name der Protagonistin und Erzählautorin Esma Abdelhamid klingen so exotisch wie das ferne Afrika und die arabischen Welten.
Doch halt! Esma lebt in Hamburg. Lebt dort zwölf Jahre lang, ohne je die Alster gesehen zu haben. Zwangsverheiratet in Tunesien, wird sie von ihrem Mann nach Deutschland verfrachtet, eingesperrt und wie ein Besitz gehalten. Und doch gelingt es Esma nach und nach, die Lebensrolle einer apathisch Leidenden zu überwinden.

Ihre Geschichte -aufgeschrieben von der deutschen Journalistin und Autorin Marianne Moesle- ist kein stereotypes Täter-Opfer-Drama, sondern ein individuelles Meisterwerk der Emanzipation. Eine Liebeserklärung an die Freiheit!

Nicht nur von ihrem Mann löst sich Esma, sondern von unzeitgemäßen Traditionen, von einengenden gesellschaftlichen Strukturen, von Bildungs- und kultureller Benachteiligung und vor allem auch von ihrer Angst und ihren Selbstzweifeln. „Löwenmutter" ist keine Story um die Schöne und das Biest, die arme Kopftuchfrau und den bösen Muslim-Mann. Vielmehr ist das Buch eine Entwicklungsgeschichte des Denkens, der eigenständigen Wahrnehmung und Bewertung, der  Befreiung durch Reflexion und Selbstreflexion. Nicht zuletzt ist das Buch auch eine Liebeserklärung an Deutschland: „In Deutschland habe ich gelernt, wer ich bin und was ich will." Von alleine passiert aber auch das nicht.
Ohne ein Gegenüber, das als Spiegel, Bestätigung und Ergänzung wirkt, kann ein Individuum sich nicht entwickeln und wertschätzen. So ist „Löwenmutter" auch ein anschauliches Beispiel dafür, dass Integration ein Akt der unversehrten, unbefangenen Begegnung und der wechselseitigen Ergänzung verschiedener Menschen ist: derer, die schon da sind, und derer, die ankommen.

Solche Begegnungen  sind es, die Esma - aufgewachsen mit einer schicksalsergebenen Mutter und einem dem patriarchalischen Wertesystem dienenden Vater-  erstmals einen Hauch von Liebe erfahren lassen. Sei es die Bäckersfrau, die in Hamburg unten im Hause wohnt und Esma ab und zu heimlich Kuchen und Gebäck hinaufbringt; sei es die Begegnung mit der Tunesierin Karimah, bei der die beiden Frauen sich auf dem Spielplatz gegenseitig ihre blauen Flecken zeigen und dabei in herzhaftes Lachen ausbrechen angesichts dieses verschworenen Lüftens gemeinsamer Geheimnisse; seien es die kleinen Wertschätzungen, die Esma erlebt, als sie eine Putzstelle hat: „.. wenn mich doch jemand zurückgrüßt und mir sagt, dass er froh sei, dass es eine Putzfrau gibt, die den Papierkorb leert, dann bin ich glücklich." 

Was Esma die „Wenn-der Vater-nach Hause-kommt-Angst" nennt, prägt ihre Kindheit in Tunesien genau so wie die vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland. Beklemmender aber noch als die Wutausbrüche und Schläge des Vaters ist das Schuldgefühl, diese diffuse unterschwellige Angst, die „Bestrafungen" selbst verschuldet zu haben. So zeigt Esma ihrem Vater  - der sie in gute Hände verheiratet zu haben glaubt-  nicht die Spuren der Misshandlungen, aus Angst, dass der Vater sie als verdient betrachten könnte.

Lähmender noch als die körperliche Gewalt ist für Esma der seelische Schmerz, die Spirale aus Demütigung, Schuld- und Wertlosigkeitsgefühl.

Das Nichts, als das sie sich erlebt, kulminiert in der Situation, als ihr Mann ihren Pass verschwinden lässt. Auf diese Weise gelingt es ihm, die beiden Söhne Amin und Jasin nach  Deutschland zu entführen. Esma kann nicht ausreisen, eine Frau ohne Identität.

Doch gerade ihre drei Kinder, die zwei Söhne und Tochter Amal, sind es, die Esma aus Selbstzweifel und unterwürfiger Anpassung heraushelfen. So, wie sie schon als junges Mädchen kleine Fluchten über die hohe Mauer des elterlichen Grundstückes unternahm und damit gesellschaftliche Tabus zu brechen wagte, wirft sie sich nun mutig zwischen Mann und Kind, wenn der Vater die Hand gegen die Söhne erheben will.

 
„Löwenmutter" ist ein Buch der Entscheidungen, der ersten zaghaften Widerstände: das verbotene Öffnen des Briefkastens und der Briefe für ihren Mann, die sie andächtig auf das Sofa legt, ohne sie lesen zu können; der heimliche Besuch in einer Apotheke, wo sie sich bergeweise Antibabypillen besorgt; der Führerschein, den sie heimlich in Tunesien macht, alle Fragen auswendig lernt, weil sie nicht lesen kann. Bei der Praxis fällt sie durch: „Ich konnte fahren, gut parken, alles was mir der Fahrlehrer sagte, nur selbstständig konnte ich gar nicht."

Noch nicht. Doch als ihr Mann die Kinder zum zweiten Mal entführt, kämpft Esma wie eine Löwin, um ihre Kinder und für sich selbst. Sie entscheidet, handelt, befreit sich immer mehr von „einem archaischen Gesetz und Rhythmus, nach dem ich nicht mehr leben konnte."  So wird Esmas Geschichte zu einer Metapher für die Sehnsucht nach Freiheit und für den Mut, sich aus Konventionen und Zwängen zu lösen.

Aber auch eine Jeanne d´Arc konnte nur stark sein zusammen mit anderen. Bei Esma ist es  die Bäckersfrau, die Freundin Karimah, die Kindergärtnerin Rosie, die ihr ins Frauenhaus verhilft, die Nachbarn, die ihr Unterschlupf gewähren, der Taxifahrer, der sie kostenlos durch die Wüste fährt, der Beamte, der ihr die Formulare vorliest, der Kellner, der sie mit Respekt bedient. Ein feines Lehrstück für Solidarität ist dieses Buch, denn die Anderen, das sind offenbar wir!

Das deutsch-arabische Abenteuer zwischen der Erzählautorin Esma Abdelhamid und der Schreibautorin Marianne Moesle ist gelungen. Was Esma stolpernd, sich überstürzend, sich vermischend und unfassbar direkt an traumatischen Erinnerungen in sich trägt, setzt die Journalistin in eine Chronologie um, gekonnt spannend und in so anschaulicher  Erzählmanier, dass der Leser unweigerlich in den Strudel der Unerträglichkeiten gezogen wird und nicht eher von dem Buch ablässt, bis es zur Erlösung kommt.

Der von Marianne Moesle gewählte literarische Sprachduktus und ihre Bilder sind dabei zugleich Ausdruck größter Empathie. Sie schreibt nicht über Esma, sondern verleiht deren Geschichte den notwendigen, sprachlich versierten Nachdruck. Dabei beherrscht die Autorin krasse Wortgewalt, wie z.B. bei der Umschreibung von Esmas Hochzeitsnacht: „..er stellt mich, setzt mich, legt mich.. ich spüre, wie ein Panzer in mich eindringt...Von draußen höre ich schon das Johlen der Hochzeitsgäste. Sie feiern die blutige Trophäe. Eine Scheißnacht" genau so wie feinsinnige Bilder, um Esmas Isolation und beschränkte Welt in der ehelichen Wohnung zu beschreiben: „Das Fenster war mein Freund.. Ein dicker Mann schleppte schwere Kartons zur Haustür rein und andere wieder raus. Manchmal wechselte er mit dem Straßenkehrer ein paar Worte. Der piekste mit einer langen Stange leere Getränkepackungen und Eispapiere, die die Kinder fallen gelassen hatten."
Überraschende Verbindungen von Situationen und Wörtern und die Beschreibung objektiver Fakten in der Parallelität zur subjektiver Interpretation und Bedeutungswelt, lassen den Leser inne halten. Selbstverständlichkeiten des Alltags erscheinen so in einem neuem Licht:  Alles wird zu Errungenschaften.

„"Ich meldete mich wohnungssuchend, arbeitssuchend, kindersuchend.... Und nach kurzer Zeit kannte ich alle Adressen der Ämter auswendig und meine Daten auch. Das machte mich zuversichtlich, je mehr ich registriert und gemeldet war, desto größer wurde mein Selbstvertrauen."

Das deutsch-arabische Abenteuer von Esma Abdelhamid und Marianne Moesle ist kein Märchen aus 1001 Nacht, aber ein spannendes, tiefsinniges und bewegendes Buch.

Esma Abdelhamid wurde 2005 beim „Schreibwettbewerb für Analphabeten" des Bundesverbandes Alphabetisierung und des Deutschen Volkshochschulverbandes für ihre Erzählung „Mehr als ein Ehe" ausgezeichnet. Durch ihre Tätigkeit als Jurymitglied wurde die Journalistin Marianne Moesle auf Esma aufmerksam. Beide Frauen beschlossen, Esmas Lebensgeschichte als Buch zu schreiben.

 

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