Und wieder ein neues Buch auf dem Markt: Frauenschicksal,
Zwangsehe und Kampf einer Mutter um ihre Kinder. Ist das alles? Der Titel „Löwenmutter" und der Name der Protagonistin und
Erzählautorin Esma Abdelhamid klingen so exotisch wie das ferne Afrika und die
arabischen Welten.
Doch halt! Esma lebt in Hamburg. Lebt dort zwölf Jahre lang, ohne je die
Alster gesehen zu haben. Zwangsverheiratet in Tunesien, wird sie von ihrem Mann
nach Deutschland verfrachtet, eingesperrt und wie ein Besitz gehalten. Und doch
gelingt es Esma nach und nach, die Lebensrolle einer apathisch Leidenden zu
überwinden.
Ihre Geschichte -aufgeschrieben von der deutschen Journalistin und Autorin Marianne Moesle- ist kein stereotypes Täter-Opfer-Drama, sondern ein individuelles Meisterwerk der Emanzipation. Eine Liebeserklärung an die Freiheit!
Nicht nur von ihrem Mann löst sich Esma, sondern von
unzeitgemäßen Traditionen, von einengenden gesellschaftlichen Strukturen, von
Bildungs- und kultureller Benachteiligung und vor allem auch von ihrer Angst
und ihren Selbstzweifeln. „Löwenmutter" ist keine Story um die Schöne und das
Biest, die arme Kopftuchfrau und den bösen Muslim-Mann. Vielmehr ist das Buch eine
Entwicklungsgeschichte des Denkens, der eigenständigen Wahrnehmung und
Bewertung, der Befreiung durch Reflexion
und Selbstreflexion. Nicht zuletzt ist das Buch auch eine Liebeserklärung an
Deutschland: „In Deutschland habe ich gelernt, wer ich bin und was ich will."
Von alleine passiert aber auch das nicht.
Ohne ein Gegenüber, das als Spiegel, Bestätigung und
Ergänzung wirkt, kann ein Individuum sich nicht entwickeln und wertschätzen. So
ist „Löwenmutter" auch ein anschauliches Beispiel dafür, dass Integration ein
Akt der unversehrten, unbefangenen Begegnung und der wechselseitigen Ergänzung
verschiedener Menschen ist: derer, die schon da sind, und derer, die ankommen.
Solche Begegnungen
sind es, die Esma - aufgewachsen mit einer schicksalsergebenen Mutter
und einem dem patriarchalischen Wertesystem dienenden Vater- erstmals einen Hauch von Liebe erfahren
lassen. Sei es die Bäckersfrau, die in Hamburg unten im Hause wohnt und Esma ab
und zu heimlich Kuchen und Gebäck hinaufbringt; sei es die Begegnung mit der
Tunesierin Karimah, bei der die beiden Frauen sich auf dem Spielplatz
gegenseitig ihre blauen Flecken zeigen und dabei in herzhaftes Lachen ausbrechen
angesichts dieses verschworenen Lüftens gemeinsamer Geheimnisse; seien es die
kleinen Wertschätzungen, die Esma erlebt, als sie eine Putzstelle hat: „.. wenn
mich doch jemand zurückgrüßt und mir sagt, dass er froh sei, dass es eine
Putzfrau gibt, die den Papierkorb leert, dann bin ich glücklich."
Was Esma die „Wenn-der Vater-nach Hause-kommt-Angst" nennt,
prägt ihre Kindheit in Tunesien genau so wie die vieler Kinder und Jugendlicher
in Deutschland. Beklemmender aber noch als die Wutausbrüche und Schläge des
Vaters ist das Schuldgefühl, diese diffuse unterschwellige Angst, die
„Bestrafungen" selbst verschuldet zu haben. So zeigt Esma ihrem Vater - der sie in gute Hände verheiratet zu haben
glaubt- nicht die Spuren der Misshandlungen,
aus Angst, dass der Vater sie als verdient betrachten könnte.
Lähmender noch als die körperliche Gewalt ist für Esma der seelische
Schmerz, die Spirale aus Demütigung, Schuld- und Wertlosigkeitsgefühl.
Das Nichts, als das sie sich erlebt, kulminiert in der
Situation, als ihr Mann ihren Pass verschwinden lässt. Auf diese Weise gelingt
es ihm, die beiden Söhne Amin und Jasin nach
Deutschland zu entführen. Esma kann nicht ausreisen, eine Frau ohne
Identität.
Doch gerade ihre drei Kinder, die zwei Söhne und Tochter Amal,
sind es, die Esma aus Selbstzweifel und unterwürfiger Anpassung heraushelfen.
So, wie sie schon als junges Mädchen kleine Fluchten über die hohe Mauer des
elterlichen Grundstückes unternahm und damit gesellschaftliche Tabus zu brechen
wagte, wirft sie sich nun mutig zwischen Mann und Kind, wenn der Vater die Hand
gegen die Söhne erheben will.
„Löwenmutter" ist ein Buch der Entscheidungen, der ersten
zaghaften Widerstände: das verbotene Öffnen des Briefkastens und der Briefe für
ihren Mann, die sie andächtig auf das Sofa legt, ohne sie lesen zu können; der
heimliche Besuch in einer Apotheke, wo sie sich bergeweise Antibabypillen
besorgt; der Führerschein, den sie heimlich in Tunesien macht, alle Fragen
auswendig lernt, weil sie nicht lesen kann. Bei der Praxis fällt sie durch:
„Ich konnte fahren, gut parken, alles was mir der Fahrlehrer sagte, nur
selbstständig konnte ich gar nicht."
Noch nicht. Doch als ihr Mann die Kinder zum zweiten Mal entführt,
kämpft Esma wie eine Löwin, um ihre Kinder und für sich selbst. Sie
entscheidet, handelt, befreit sich immer mehr von „einem archaischen Gesetz und
Rhythmus, nach dem ich nicht mehr leben konnte." So wird Esmas Geschichte zu einer Metapher für
die Sehnsucht nach Freiheit und für den Mut, sich aus Konventionen und Zwängen
zu lösen.
Aber auch eine Jeanne d´Arc konnte nur stark sein zusammen
mit anderen. Bei Esma ist es die
Bäckersfrau, die Freundin Karimah, die Kindergärtnerin Rosie, die ihr ins
Frauenhaus verhilft, die Nachbarn, die ihr Unterschlupf gewähren, der Taxifahrer,
der sie kostenlos durch die Wüste fährt, der Beamte, der ihr die Formulare
vorliest, der Kellner, der sie mit Respekt bedient. Ein feines Lehrstück für
Solidarität ist dieses Buch, denn die Anderen, das sind offenbar wir!
Das deutsch-arabische Abenteuer zwischen der Erzählautorin
Esma Abdelhamid und der Schreibautorin Marianne Moesle ist gelungen. Was Esma stolpernd,
sich überstürzend, sich vermischend und unfassbar direkt an traumatischen
Erinnerungen in sich trägt, setzt die Journalistin in eine Chronologie um, gekonnt
spannend und in so anschaulicher
Erzählmanier, dass der Leser unweigerlich in den Strudel der
Unerträglichkeiten gezogen wird und nicht eher von dem Buch ablässt, bis es zur
Erlösung kommt.
Der von Marianne Moesle gewählte literarische Sprachduktus
und ihre Bilder sind dabei zugleich Ausdruck größter Empathie. Sie schreibt
nicht über Esma, sondern verleiht
deren Geschichte den notwendigen, sprachlich versierten Nachdruck. Dabei
beherrscht die Autorin krasse Wortgewalt, wie z.B. bei der Umschreibung von
Esmas Hochzeitsnacht: „..er stellt mich, setzt mich, legt mich.. ich spüre, wie
ein Panzer in mich eindringt...Von draußen höre ich schon das Johlen der
Hochzeitsgäste. Sie feiern die blutige Trophäe. Eine Scheißnacht" genau so wie
feinsinnige Bilder, um Esmas Isolation und beschränkte Welt in der ehelichen
Wohnung zu beschreiben: „Das Fenster war mein Freund.. Ein dicker Mann
schleppte schwere Kartons zur Haustür rein und andere wieder raus. Manchmal
wechselte er mit dem Straßenkehrer ein paar Worte. Der piekste mit einer langen
Stange leere Getränkepackungen und Eispapiere, die die Kinder fallen gelassen
hatten."
Überraschende Verbindungen von Situationen und Wörtern und
die Beschreibung objektiver Fakten in der Parallelität zur subjektiver
Interpretation und Bedeutungswelt, lassen den Leser inne halten. Selbstverständlichkeiten
des Alltags erscheinen so in einem neuem Licht: Alles wird zu Errungenschaften.
„"Ich meldete mich wohnungssuchend, arbeitssuchend, kindersuchend.... Und nach kurzer Zeit kannte ich alle Adressen der Ämter auswendig und meine Daten auch. Das machte mich zuversichtlich, je mehr ich registriert und gemeldet war, desto größer wurde mein Selbstvertrauen."
Das deutsch-arabische Abenteuer von Esma Abdelhamid und Marianne Moesle ist kein Märchen aus 1001 Nacht, aber ein spannendes, tiefsinniges und bewegendes Buch.
Esma Abdelhamid wurde 2005 beim „Schreibwettbewerb für Analphabeten" des Bundesverbandes Alphabetisierung und des Deutschen Volkshochschulverbandes für ihre Erzählung „Mehr als ein Ehe" ausgezeichnet. Durch ihre Tätigkeit als Jurymitglied wurde die Journalistin Marianne Moesle auf Esma aufmerksam. Beide Frauen beschlossen, Esmas Lebensgeschichte als Buch zu schreiben.
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