Gestern wurden die Ergebnisse einer Befragung veröffentlicht nach denen es in Deutschland 560.000 vom Internet abhängige geben soll. Das ist zumindest das Ergebnis der Studie, die im Auftrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung durchgeführt wurde.
Ausgangspunkt der aktuellen Diskussion ist eine Erhebung, die im Rahmen des Projekts PINTA (Prävalenz der Internetabhängigkeit) von einem Verbund an Forschern untersucht wurde.
Interessant ist da u.a., dass die Ergebnisse deutlich niedriger sind als die bisherigen Schätzungen:
"Im Vergleich zu einer früheren Schätzung von 3,2% auf Basis einer anderen Studie finden sich bei PINTA niedrigere, dennoch bedeutsame Raten. Die Genauigkeit der Schätzung ist auf Basis der repräsentativen Stichprobe hier deutlich verbessert. Auffällig ist die hohe Prävalenz unter Mädchen und jungen Frauen." (Quelle: PINTA)
Konrad Lischka und Matthias Kremp hinterfragen bei Spiegel-Online kritisch einige Aspekte des Themas. Das beginnt schon bei der Definition, was denn nun Online-Sucht ausmacht und verweisen darauf, dass für einige Forscher eine Sucht ohne den Bezug zu einer "Substanz" überhaupt gibt:
"Unter Medizinern ist umstritten, ob man bestimmte Verhaltensweisen ohne Bezug zu einer Substanz überhaupt als Sucht definieren solle. " (Quelle: Spiegel-Online)
Zum Ende des Artikels machen die beiden Autoren dann den aus meiner Sicht sehr schönen Schwenk und werfen die Frage auf ob es denn nicht auch die "Fernsehsucht" geben müsse:
"Bewertet man allerdings Medienkonsum oder andere Verhaltensweisen nach diesen Kriterien, könnte man vielleicht auch eine Fernsehsucht feststellen. Schließlich sitzen viele Zuschauer oft länger als beabsichtigt vor dem Bildschirm, verzichten auf Schlaf oder gar darauf, auszugehen." (Quelle: Spiegel-Online)
Ein Aspekt, den ich selber nicht so nachvollziehen kann und den die Autoren leider nicht hinterfragen:
Auf der einen Seite wird als ein "neues Element" am Internet gesehen, dass man dort soziale Kontakte pflegen kann - gleichzeitig führt das Internet aber (im Gegensatz zum Fernsehen) dazu, das "Sozialleben in größerem Maße aufzugeben (Reimer, zit. nach Spiegel-Online).
Mir fehlt hier der Aspekt und das Hinterfragen inwiefern sich hier u.U. soziale Kontakte und damit Sozialleben schlicht "verschieben". Ist es Online-Sucht, wenn ein Teil der Sozialkontakte sich im Netz abspielen (ist das ein Teil von Sucht?)
Ansonsten erscheint mir die Diskussion ähnlich wie ich sie bei der Medienwirkungsforschung aus dem Bereich der Computerspiele und der ewigen Gewaltdiskussion kenne. Was ist hier Ursache, Wirkung und Auslöser. Ist es die Internetsucht - oder gibt es etwas anderes (tiefer liegendes), das sich vielleicht in einer speziellen Art der Online-Nutzung äußert?
Das Thema erscheint mir noch viel zu wenig untersucht und den Ansatz hier eine Befragung zu machen und auf "Online-Süchtige" zu schließen, greift mir deutlich zu kurz. Vor allem - was will man mit den Ergebnissen machen - Therapiemaßnahmen begründen?
Weitere Informationen
- Spiegel-Online: Forscher erklären Hunderttausende für onlinesüchtig
- Drogenbeauftragte der Bundesregierung: 560.000 Menschen in Deutschland sind internetsüchtig
- Die Studie: Prävalenz der Internetabhängigkeit
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