Am 19. Juni 1999 unterschrieben 29 Bildungsminister den so genannten "Vertrag von Bologna". Mit der Absichtserklärung wurde eine Revolution eingeläutet: Zur Schaffung eines europäischen Hochschulraums wurden die Studiengänge auf Master und Bachelor umgestellt; eine Punktewertung sollte den tatsächlichen Zeitaufwand von Lehrveranstaltungen abbilden. Ziel war die Abschlüsse und Studienleistungen international vergleichbar zu machen und damit die Mobilität zu fördern. Nach elf Jahren ist die Bilanz durchwachsen.
Der Bachelor wurde als kompakter, erster arbeitsmarktbezogener Hochschulabschluss eingeführt. Damit reagierte die Politik auf die Tatsache, dass nur der geringste Teil derin Studierenden in die Wissenschaft geht. Während auf dem Arbeitsmarkt zunehmend wissenschaftlich qualifizierte Fachkräfte nachgefragt werden, dauerte das Studium zu lange und ging mit seiner exklusiven Orientierung an der Zielvorstellung des weltabgewandten Gelehrten an der Wirklichkeit vorbei: Am Ende waren die Absolventen im internationalen Vergleich zu alt und dennoch Berufsanfänger, die als Praktikant, Trainee, Volontär oder anderweitig im Betrieb sozialisiert wurden, um berufspraktische Kompetenzen zu erwerben.
Bachelor ein Schmalspurstudium?
Entsprechend sollte der Bachelor schon nach sechs Semestern (die gesetzlichen Vorgaben erlauben auch sieben- oder achtsemestrige Bachelorstudiengänge) die Studierenden ins Berufsleben entlassen – es sei denn, sie bewerben sich für einen weiterführenden Masterstudium. Schon hier setzt Kritik an: Der Bachelor sei ein „Schmalspurstudium“ und einseitig an den Erfordernissen der Wirtschaft orientiert. Damit die Studierenden das Pensum absolvieren könnten, würden ihnen die zu studierenden Inhalte vorstrukturiert und damit das Studium verschult. Der besondere Geist akademischer Freiheit, studentischer Selbstfindung, eigenem Forschen und Lernen würde damit unmöglich gemacht.
Anerkennung von Berufserfahrung für Studium
Eine weitere Neuerung ist das Modell der erhöhten Durchlässigkeit: So soll nach Bologna die Möglichkeit gefördert werden, nach einem Bachelor-Abschluss ins Berufsleben zu gehen und nach einigen Jahren in der Arbeitswelt zu einem Masterstudium an die Hochschule zurück zu kehren.
Dabei muss der Master nicht notwendig eine inhaltliche Fortsetzung des Bachelorstudiums sein. So wäre ein Studienverlauf denkbar, in dem der Bachelor im Fach Volkswirtschaft, der Master hingegen im Journalismus erworben wird. So entstanden in den vergangenen Jahren völlig neue Studiengänge und Abschlüsse. Fast 11,000 Studiengänge sind es heute.
Hochschulwechsel schon innerhalb Deutschlands ein Problem
Ebenfalls sollen Berufstätige, die keine Hochschulberechtigung und nicht studiert haben motiviert werden, ein Studium aufzunehmen, sich ihre Berufserfahrung anrechnen zu lassen und somit ihre Qualifikation zu verbessern. Schließlich soll es möglich werden, nach einem Bachelor an einer Fachhochschule in einen Masterstudiengang an einer Universität zu wechseln.
Doch die Idee der so genannten Durchlässigkeit stößt noch an Grenzen: So wird die Anerkennung von Studienleistungen anderer Hochschulen oder Berufserfahrung oft restriktiv gehandhabt. Entsprechend ist der Wechsel einer Universität schon innerhalb Deutschlands oder auch nur eines Bundeslandes derartig problematisch, dass Studierende schon sehr motiviert sein müssen, die Mühen und Benachteiligungen auf sich zu nehmen.
Massive Studierenden-Proteste gegen Bolgona
Dass die Bologna-Reform in Deutschland alles andere als rund läuft zeigten spätestens die massiven Studentenproteste vergangenen Winter. Tausende angehende Akademiker besetzten Hörsäale, gingen auf die Straßen und demonstrierten lautstark vor der Wiener Hofburg, wo die europäischen Bildungspolitiker und Hochschulvertreter das zehnjährige Jubiläum des Bologna-Prozesses feierten. In Deutschland formierten sich die dezentralen Proteste unter der Marke des "Bildungsstreiks". In einheitlicher CI gehaltene T-Shirts, Logos, Aufkleber und Plakate gaben den disparaten Aktivitäten das Gesicht einer "Bewegung".
Neben der Kritik an einer vermeintlichen Verschulung und einseitigen Wirtschaftsorientierung der Hochschulbildung richten sich Einwände gegen den beschränkten Zugang zum Master: Wer nach seinem Bachelor ein Masterstudium anschließen will, muss sich auf einen Studienplatz bewerben. Neben dem Bachlorzeugnis darf jede Hochschule eigene Zulassungsbedingungen festlegen. Das kann ein bestimmter Notenschnitt sein, vorausgesetzte Berufserfahrung, fachliche und sprachliche Kenntnisse bis zu Auswahlgesprächen, Motivationsschreiben, Aufnahmeprüfungen oder Quoten. Einige Studierendenverbände fordern stattdessen einen freien Master für alle.
Bologna-Gegner und -Befürworter unter den Hochschulen
Auch unter den Hochschulen stehen sich Bologna-Befürworter und Fundamental-Kritiker gegenüber. Die einflussreichen größten technischen Universitäten, die sich zum Verbund "TU9" zusammengeschlossen haben, fordern die Wiedereinführung des "Diplom Ingineurs". Auch der Staat selbst trägt sein Scherflein zur Skepsis bei, indem er "seine" Abschlüsse des Lehramts, der Medizin oder Rechtswissenschaften vom Bologna-Prozess ausnimmt.
Reaktion auf Proteste
Indes hinterließen die Proteste der Studierenden immerhin einige Wirkung: Bundesbildungsministerin Schavan berief eine Nationale Bolognakonferenz ein, an den Hochschulen setzten sich die Leitung, Verwaltung, Dozierenden und Studierenden zusammen, um herrschende Probleme zu besprechen und Lösungen zu vereinbaren - so wurde die vielfach kritisierte - und im Bologna-Prozess nirgends vorgeschriebene - Anwesenheitspflicht vielfach abgeschafft, Prüfungen reduziert, Prüfungstermine besser abgestimmt, Auslandsaufenthalte durch so genannte "Mobilitätsfenster" erleichtert und vieles mehr.
Presseclub: Bologna sinnvoll - Umsetzung missraten
Bemerkenswert einhellig beurteilten die Bildungsjournalisten Martin Spiewak (DIE ZEIT), Christian Füller (taz), Anja Kühne (Tagesspiegel) und Jaqueline Boysen (Deutschlandfunk) beim Bildungskongress der taz die Bologna-Reform als notwendig und sinnvoll (Die Diskussion kann online beim Deutschlandradio Wissen nachgehört werden).
Martin Spiewak von der Zeit machte die Politik für den holprigen Verlauf der Reform verantwortlich, da sie bis heute nicht die ausreichenden Mittel für das Mammut-Reformvorhaben bereitstellte.
Allerdings trügen auch die Hochschulen und insbesondere die Universitäten Mitschuld an der bislang eher missratenen Reform: In den ersten Jahren hätten diese den Bologna-Prozess ignoriert oder gehofft, der Kelch möge an ihnen auf sonderbare Weise vorbeigehen. Als dies nicht eintraf hätten viele Hochschulen hektische Betriebsamkeit entfaltet und bestehende Studiengänge unverändert in die neuen Strukturen gepresst – mit den bekannten Folgen übervoller Curricula, Prüfungsdichte und nicht studierbarer Studiengänge.
Nach der Verantwortung der Medien zum schlechten Image des Bachelors im Besonderen und der Studiengangsreform im Allgemeinen befragt, kritisierte Spiewak das deutsche Feuilleton. Das habe in seiner Gesamtheit bei der Einordnung der Studiengangsreform "komplett versagt".
Weitere Informationen
- Der Bologna-Prozess auf den Internetseiten der EU-Kommission
- Der Bologna-Prozess auf den Internetseiten des Bundesbildungsministeriums
- "Nach dem Streik: Flasche und Geist" - Wolfgang Flach, Politikwissenschaftler und Prorektor der Universität Leipzig, wirft in der Bologna-kritischen FAZ seinen Reformkritischen Hochschulkollegen Bequemlichkeit vor
- "Reform überfällig" - Hans N. Weiler, emeritierter Professor of Education and Political Science an der Stanford University und ehemaliger Rektor der Viadrina Universität Frankfurt (Oder) fordert in der FAZ zu einer wirklichen Reform auf und nicht bloß einer Umetikettierung der alten Strukturen
- Bologna und Hartz IV seien "Reformen aus einem Geist", kritisiert Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung. So wie Hartz IV Arbeitslosen unterstellt, nicht arbeiten zu wollen und ein entsprechendes Zwangs-, Kontroll- und Repressionsregime entwickle, gehe Bologna bei Studierenden nicht zunächst von neugierigen, für Anregung, Zuwendung und Hilfe dankbaren Menschen aus, sondern von Überforderten, Desorientierten oder gar Arbeitsscheuen, denen man die Richtung vorgeben muss.
- Julian Nida-Rümelin ist einer der bekanntesten Bologna-Kritiker. Der Philosophie-Professor und ehemalige Kulturstaatsminister erklärt in der Zeit, Bologna atme den "Geist von McKinsey und nicht den von Humboldt".
- "Ist die Uni noch zu retten?" Presseclub beim tazlab Bildung mit Martin Spiewak (DIE ZEIT), Christian Füller (taz), Anja Kühne (Tagesspiegel) und Jaqueline Boysen (Deutschlandfunk)
- "Bolognareform gerät zur Farce" berichtet Anna Lehmann vom Bologna-Gipfel des BMBF
- Informationen zu den Hintergründen, Gesetzesgrundlagen und Umsetzungsrichtlinien der Bologna-Reform gibt es beim Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz
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