Die Zeitschrift Gehirn & Geist (09/06) hat in ihrer aktuellen Ausgabe einen Schwerpunkt zum Thema Gewalt.
"Die Wurzeln der Gewalt: Sie beginnt im Kopf und endet of blutig - Gewalt gegen andere. Psychologen und Hirnforscher fahnden mit neuen Methoden nach den Ursachen der Aggression."
Nachfolgend ein Auszug des Artikels mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags:
"Was macht Menschen zu Gewalttätern?
Hirnveränderungen in Kombination mit negativen psychosozialen
Einflüssen führen zu körperlicher Aggression.
Anomalien im Gehirn stellen Risikofaktoren für aggressives Verhalten dar, bestätigen die Psychologen Daniel Strüber und Monika Lück sowie der Neurobiologe Gerhard Roth vom Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst in der aktuellen Ausgabe von Gehirn&Geist (Nr. 9/2006).
Gewalttätigkeit entsteht nach Ansicht der Forscher aber in der Regel erst, wenn negative psychosoziale Einflüsse hinzukommen.
Physische Gewalt ist "Männersache": Mädchen und Frauen sind zwar nicht unbedingt weniger aggressiv. Sie werden jedoch im Vergleich zu ihren männlichen Altersgenossen wesentlich seltener handgreiflich. Ihre Aggressionen äußern sich eher indirekt, etwa in Form von sozialer Manipulation wie dem gezielten Spinnen von Intrigen. Mord, Totschlag, schwere Körperverletzung oder Vergewaltigung dagegen sind fast ausschließlich die Domäne von Männern.
Wie Langzeitstudien belegen, fallen manche chronische Gewalttäter schon im Kindesalter durch andauerndes, antisoziales Verhalten auf. Diese meist männlichen Personen eint eine Handvoll Eigenschaften: Sie sind schnell frustriert, lernen nur schwer soziale Regeln, haben Aufmerksamkeitsprobleme, zeigen wenig Einfühlungsvermögen und besitzen eine unterdurchschnittliche Intelligenz. Am stärksten stechen sie jedoch durch ihr extrem impulsives Verhalten hervor: So lassen sie sich leicht provozieren, geraten schnell in Wut und reagieren ohne nachzudenken.
Auf eine hirnphysiologische Ursache von übermäßiger Impulsivität deuten verschiedene Studien einer Arbeitsgruppe von der University of Southern California in Los Angeles hin. Adrian Raine und seine Mitarbeiter untersuchten verurteilte Mörder: Bei Affekttäternbeobachteten sie im Stirnhirn eine verringerte Stoffwechselaktivität.
Bei jenen dagegen, die den Mord "eiskalt" geplant hatten, funktionierte das Frontalhirn normal. Zudem gelang es den kalifornischen Forschern sogar solche Gewalttäter ausfindig zu machen und als Versuchspersonen zu gewinnen, die ihre Vergehen vorher offenbar so gut durchdacht hatten, dass sie von der Polizei gar nicht überführt worden waren. Auch diese "erfolgreichen Psychopathen", wie Raine sie nennt, wiesen keinerlei Veränderungen im Stirnhirn auf.
Unklar ist allerdings noch, ob bei diesen "kaltblütigen" Verbrechern nicht andere Hirnregionen von der Norm abweichen.
Nach Ansicht vieler Neurowissenschaftler fungiert ein Teil der Großhirnrinde (Cortex) im Stirnhirn als Kontrollinstanz, welche die in limbischen Hirnbereichen entstehenden Gefühle und Impulse im Zaum hält. Wie Beobachtungen an erwachsenen Patienten mit Frontalhirnschädigung belegen, schlagen sich Defekte in diesen Cortexarealen tatsächlich häufig in erhöhter Reizbarkeit nieder. Zu tätlichen Übergriffen kommt es aber meist nicht.
Hirnanomalien führen vor allem dann zu Gewalt, wenn sie von Kindheit an bestehen und schwer wiegende psychosoziale Risikofaktoren hinzukommen, folgern die Delmenhorster Forscher in Gehirn&Geist. Diese negativen Umwelteinflüsse konnten Psychologen dank verschiedener Studien ebenfalls dingfest machen: Zu ihnen zählen eine massive Störung der frühen Mutter-Kind-Beziehung, Misshandlung und Missbrauch im Kindesalter, inkonsequente Erziehung, aber auch andauernde elterliche Konflikte, Verlust der Familie, elterliche Kriminalität und Armut. Aus diesem Grund fordern Wissenschaftler individuelle Therapien für Straftäter sowie eine gezielte Gewaltprävention schon im Kindesalter. In einem zweiten Beitrag stellt Gehirn&Geist das nach psychologischen Kriterien entwickelte Anti-Aggressions-Training "Faustlos" vor, das mittlerweile auch in verschiedenen deutschen Schulen und Kindergärten erfolgreich eingesetzt wird." Quelle: Gehirn und Geist (09/2006)
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