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Dem Bewusstsein auf der Spur

03.04.2005, (MR)

Gehirn&Geist berichtet in seiner aktuellen Ausgabe (4/2005) über Forschungen im Bereich Bewusstsein. Oft ist ein Ansatzpunkt das Untersuchen von Störungen z.B. bei Sinneswahrnehmungen. Doch diese Störungen lassen gleichzeitig einen Blick auf die Funktionsweise von Bewusstsein und Wahrnehmung zu.

Nachfolgend ein Ausschnitt des Artikels mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags:

Heftige Migräneattacken führen mitunter zu skurrilen Sinnesstörungen:
Der stete Fluss der Eindrücke er­scheint bei den Betroffenen zeitweise
verzerrt oder kommt sogar zum Stillstand. Doch Hirnforscher ver­muten
längst, dass unser Bewusstseinsstrom in Wahr­heit aus einzelnen
Momentaufnahmen besteht.

"Die Welt bleibt plötzlich stehen", beschreibt die Migräne­patientin
Hester Y., ihren Zustand, wenn sie von besonders heftigen
Kopfschmerzattacken heimgesucht wird. Die Umge­bung erscheint ihr dann
manchmal sekundenlang wie zu Eis erstarrt. Von solchen seltsamen
Wahrnehmungsausfällen berichtet der bekannte US-Neurologe Oliver Sacks
in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Gehirn&Geist (4/2005). Der
Forscher prägte dafür den Namen "kinematografisches Sehen" - da diese
Phänomene an einen mentalen Film­projektor erinnern, der plötzlich
aussetzt.

Sacks' Fallstudien liefern neue Belege für eine alte Vermu­tung von
Hirnforschern: Der stete Strom der Sinneseindrücke und Gedanken, der
unser subjektives Erleben ausmacht, ist womöglich eine Illusion. Denn
Experimente zeigen: Präsen­tiert man Versuchspersonen sehr kurz
aufeinander folgende Lichtblitze, so gibt es einen minimalen
zeitlichen Abstand, bei dem beide Reize gerade noch getrennt
wahrgenommen werden. Häufig verdrängt das nachfolgende Bild das erste
sogar von der Bühne der Aufmerksamkeit - es wird einfach nicht bewusst
wahrgenommen.

Gemäß der "neuronalen Theorie des Bewusstseins", die der Neurobiologe
Christof Koch vom California Institute of Tech­nology (Calteech) im
neuen Gehirn&Geist darlegt, bean­spruchen die zugrunde liegenden
Prozesse im Gehirn relativ viel Zeit: Mindestens 100 Millisekunden
muss die Aktivität in einzelnen Arealen über einer bestimmten
Intensitätsschwelle liegen, um bewusste Seheindrücke zu erzeugen.
Fallen meh­rere Ereignisse in dieses Zeitfenster, so verdrängen sie
sich entweder gegenseitig oder verschmelzen miteinander. Aus einem
roten und einem grünen Lichtblitz wird dann zum Bei­spiel ein gelber.

Unsere Sinne liefern uns demnach zahlreiche kurze Mo­mentaufnahmen der
Welt. Beim schnellen Wechsel dieser "Schnappschüsse" kommt es
vermutlich zu Überlagerungen der Verarbeitungsprozesse im Gehirn.
Vielleicht bietet diese Theorie auch eine Erklärung dafür, warum die
Zeit subjektiv mal im Nu verfliegt und mal zäh dahinkriecht.

Quelle: Gehirn&Geist 4/2005
Weitere Informationen auch unter www.gehirn-und-geist.de

 

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