Ein Schelm wer Böses dabei denkt: Genau einen Tag, nachdem die Meldung bekannt wurde, dass Urugay als erstes Land 100-Dollar-Laptops erwirbt, um alle Schulkinder damit auszustatten, wurde bekannt, dass Nigeria und Libyen, die in Medienberichten immer als am XO "sehr interessiert" genannt wurden, ausgerechnet das von Intel entwickelte Konkurrenzmodel "Classmate" kaufen.
Als der ehemailge Direktor des Media Lab am MIT Nicholas Negroponte Ende der 90er Jahre in einem kleinen Dorf in Kambodscha eine Satellitenschüssel und Generatoren aufstellte und den Kindern Laptops gab, war er fasziniert davon, wie schnell die Schülerinnen und Schüler, die nicht einmal Elektrizität kannten, mit den Computern umgehen lernten, sich gegenseitig und in den Familien beibrachten, was sie gelernt hatten.
Aus dieser Erfahrung wuchs die Idee, dass, wenn man Kindern in Entwicklungsländern, die nicht zur Schule gehen, Laptops gebe, damit sie an den immensen Möglichkeiten teilhaben können. Bald wurde klar, dass gängige Laptops zu teuer und für den Einsatz in Entwicklungsländern nicht geeignet sind.
Also startete Negroponte 2005 das Projekt "One Laptop per Child", kurz OLPC. Im Rahmen von OLPC sollte ein Laptop entwickelt werden, wie es noch nie zuvor eines gegeben hatte. Es musste den beonderen Witterngsbedingungen gewachsen sein: dicht gegen Wasser, Sand und Schmutz, besonders stoßfest, ein Display, dass man auch im Freien und in der Sonne verwenden kann.
Es durfte nur einen extrem geringen Stromverbrauch aufweisen. Es sollte nur mit Open Source Software laufen, um Lizenzkosten zu vermeiden, u.v.m. Über W-Lan-Antennen sollen die Laptops wahlweise ans Internet an- oder mit anderen Laptops in einem großen Mesh-Netzwerk zusammengeschlossen werden können. Das ganze Produkt sollte dabei nicht mehr als 100 Dollar kosten, was dem Projekt auch seinen Spitznamen eintrug: 100-Dollar-Laptop, oder kurz in Anlehnung an das Logo "XO".
Das Ergebnis ist in allen Bereichen revolutionär: Klein, leicht, robust, billig - das Laptop, von dem alle Anwender träumen, die entnervt von Fehlermeldungen sind, die von Software verursacht wird, die sie nie genutzt haben, aber auf den Rechnern vorinstalliert ist.
Das Non-Profit-Projekt OLPC arbeitet ohne öffentliche Gelder, lebt von Spenden und der Bereitstellung von Manpower wie z.B. durch Red Hat oder Google,die Programmierer abstellten. Eine über Wiki und Foren vernetzte weltumspannende, offene Entwicklergemeinde arbeitet an der Software. Der größte Laptophersteller der Welt, Quanta, sollte mit der Serienproduktion beginnen, sobald Negroponte im Voraus bezahlte Bestellungen in Millionenhöhe vorzweisen hatte.Also ging Negroponte auf Konferenzen und bei Regierungen Klinken putzen und versuchte sie, von der Idee zu überzeugen.
Anfangs belächelten IT-Riesen wie Microsoft oder Intel Negropontes Idee. Intel-Chef Craig Barett sprach vom "100-Dollar-Gadget". Dies hatte sicher nicht zuletzt etwas damit zu tun, dass das XO nicht mit Intel Chips oder Microsoft-Software arbeitete. Irgendwann dürfte ihnen aber wohl aufgefallen sein, dass sie dabei waren, einen riesigen Markt an Open Source zu verlieren. Generationen aufsteigender Regionen würden nicht mit Microsoft sondern mit Linux aufwachsen.
Zwar sind die zu erwartenden Margen pro Gerät klein, aber die schiere Menge an Laptops, die im Rahmen der digitalen Revolution in Afrika und anderen Regionen abgesetzt werden (und Folgeleistungen wie Schulungen, Server, Software usw.) machen das Kinderlaptop für Entwicklungsländer zum heiß umkämpften Sektor. Intel und Asus entwickelten eigene Laptop-Modelle.
"Intel sollte sich schämen!"
Der Konkurrent zum XO, der Classmate, wurde vom Chipgiganten mit der geballten Macht eines globalen Unternehmens entwickelt und promoted. Dabei wurden Regierungen lockende Angebote gemacht, um bereits gegebene Absichtserklärungen für das XO zu unterlaufen. Nicholas Negroponte warf Intel vor, ausschließlich Gewinninteressen zu verfolgen und das OLPC Projekt durch negative PR zu schädigen. Barett wies diese Anwürfe zurück - "that's business", so läuft eben das Geschäft.
Jedoch blieb das Engagement von Intel nicht ohne Folgen. Negroponte gelang es bislang nicht, verbindliche Bestellungen zu realisieren. "Ich habe zu einem gewissen Grad den Unterschied zwischen dem Handschlag eines Regierungs-Chefs und dem Unterschreiben eines Schecks unterschätzt.", erklärte Negroponte der New York Times. Zuletzt musste der Zeitplan des Produktionsstarts immer wieder verschoben und der Preis des Laptops nach oben korrigiert werden. OLPC startete eine Kampagne "give 1 get one", bei der in Nordamerika für eine kurze Zeitspanne das XO auch im normalen Handel für 200 Dollar gekauft werden kann. Von den Einnahmen sollten dann Laptops für Entwicklungsländer finanziert werden.
Die Auseinandersetzungen mit Intel nahmen eine unerwartete Wendung als Negroponte den Beitritt des Chipherstellers zum OLPC-Projekt verkündete. Es stellt sich die Frage, ob man damit den Bock zum Gärtner gemacht hat. Denn Intel lässt von seinem Classmate nicht ab.
Nigeria, das bislang immer als 100-Dollar-Laptop Kandidat gehandelt wurde, wurde von Intel testweise mit Classmates, Schulungen, PR-Material eingedeckt. Dies blieb scheinbar nicht ohne Wirkung: Nigeria und Libyen, verkünden ausgerechnet einen Tag, nachdem OLPC den ersten offiziellen Vertrag mt Urugay bekannt gab, den Classmate einzuführen.
(Quelle: Heise)
Weitere Informationen:
Zu OLPC unter www.laptop.org
Zum Intel-Konkurrenzprodukt Classmate unter www.classmatepc.com
Ein sehr schöner Artikel zu den Hintergründen von OLPC mit einem ebenso gelungenem Video von 60 Minuten findet sich hier...
Zum Thema auch: "Die nächste Milliarde Menschen online bringen" bei Telepolis
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