Soeben ist der Bericht "Bildung in Deutschland 2008" erschienen. Der Bericht analysiert die gesamte deutsche Bildungslandschaft von der frühkindlichen Förderung bis zur Weiterbildung im Erwachsenenalter und wurde von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung an renommierte Forschungsinstitute unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Auftrag gegeben. Gerade auch für Pädagogen und Lobbyisten, die sich für die Belange von funktionalen Analphabeten in Deutschland einsetzen, bietet der Bericht wichtige Zahlen und Argumentationshilfen auch im bildungspolitischen Kontext. (Für reticon von Marion Döbert)
Schlaglichtartig kann der Bericht folgendermaßen resümiert werden:
Kinder von 4 bis 5 Jahren – und auch jüngere werden fast vollständig von frühkindlicher Bildung erreicht, aber: Kinder mit Migrationshintergrund landen schwerpunktmäßig in Kindertageseinrichtungen, in denen gehäuft Migrantenkinder zusammenkommen. Bereits in diesem Alter beginnt eine sozialräumliche Segregation, die sich für viele Kinder und Jugendliche - vor allem mit Migrationshintergrund und aus (bildungs-)armen Familien- durch die ganze Schulzeit hindurch zieht.
Beim Übergang von der Grundschule auf weiterführende Schulen zeigen sich große soziale Disparitäten. Spätere Schulwechsel finden selten statt und gelingen von niedrig qualifizierenden Schularten auf höher qualifizierende kaum: Auf einen Aufsteiger in der Sekundarstufe I kommen fünf Absteiger.
Bei Viertklässlern in der Grundschule ist die Lesekompetenz angestiegen, aber bei den 15-jährigen Schülern hat es zwischen 2000 und 2006 keine Veränderung bei den schlechten Leseleistungen gegeben.
2006 haben ca. 76.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen.
Bei den 18-24 Jährigen haben immer noch 2,4% keinen Abschluss und sind nicht mehr im Bildungssystem vertreten, was ein erhöhter Wert gegenüber dem Jahr 2000 ist. Brennpunkt-Bundesländer sind dabei mit jeweils mehr als 10% Abgängerinnen und Abgängern ohne Hauptschulabschluss (14-17-Jährige) Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Hamburg.
Die Dramatik fehlender oder niedriger Bildungsabschlüsse wird besonders deutlich, wenn man berücksichtigt, dass in der Europäischen Union der Sekundarstufe II Abschluss als Mindestqualifikation für den Arbeitsmarkt gilt. Diesen Mindest-Standard können 15-Jährige mit schlechten Leseleistungen niemals auch nur ansatzweise erreichen, wenn sie nicht inner- und außerschulisch adäquat im Lesen und Schreiben gefördert werden. Je früher desto besser, und später mit bereit zu stellenden nachholenden Bildungschancen!
Abgänger, die nach der Schule nicht direkt in eine qualifizierende Ausbildung gelangen, durchlaufen oft ein Maßnahmen-Potpourri. Die Übergänge sind langwierig, kompliziert und wenig effektiv. Hauptbezugsgruppe des Übergangssystems sind Jugendliche mit Hauptschulabschluss und ohne Schulabschluss. In BVJ-, BGJ-Maßnahmen, Teilqualifizierungen, Praktika und anderen Übergangssystemen liegt der Anteil an Migranten bei 60%! Sie haben es besonders schwer, in eine voll qualifizierende Ausbildung zu kommen. Ohne beruflichen Abschluss aber ist die Wahrscheinlichkeit erwerbslos zu werden, besonders groß.
Die Studiennachfrage in Deutschland ist mit 37% zu gering. Angestrebt vom Wissenschaftsrat waren 40%. In Schweden liegt die Quote bei 76%, in Finnland bei 73%, in den Niederlanden, Italien und Großbritannien bei über 50%. Seiteneinstiege in das Studium über eine berufliche Qualifikation, ohne schulische Studienberechtigung, sind kaum möglich. Auch an dieser Gelenkstelle ist das Bildungssystem undurchlässig und verschlossen für die, die zweite Chancen wahrnehmen möchten.
Das berufliche Bildungssystem ist im internationalen Vergleich gut, aber die Abschlussquoten sind zu gering, und das Alter der Absolventen ist beim Abschluss relativ hoch. Berufsschullehrer und Alphabetisierer wissen, dass es gerade die Jugendlichen mit unzureichenden Lese-, Schreib- und Grundbildungskompetenzen sind, die berufliche Maßnahmen vorzeitig abbrechen. Sie sind den schriftsprachlichen Anforderungen in allen Fächern und am Arbeitsplatz nicht gewachsen.
Die Weiterbildungsbeteiligung (allgemeine und berufliche Weiterbildung) ist zu gering, vor allem bei den bildungsfernen Bevölkerungsgruppen und bei älteren Menschen. Hier zeigen die Zahlen deutlich, dass „lebenslanges Lernen“ in Deutschland bislang nicht realisiert ist, und dass es neuer Konzepte der Weiterbildung bedarf, die auch auf bildungsungewohnte Bevölkerungsgruppen zugeschnitten sind.
Insgesamt verweist der Bildungsbericht auf die Disparität zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg.
Jugendliche mit Migrationshintergrund sind seltener auf dem Gymnasium, aber häufiger in Hauptschulen vertreten. Sie verlassen die Schule ohne Abschluss doppelt so häufig wie deutsche Schüler. Sie haben größere Probleme beim Übergang aus der Schule in Ausbildung. Sie sind am stärksten im Übergangssystem vertreten. Die schulischen Probleme betreffen vor allem die Jungen unter ihnen.
Migrationshintergrund und (Bildungs-)Armut im Elternhaus sind wesentliche Bedrohungsindikatoren für Bildungserfolg.
Mehr als jedes 10. Kind wächst 2006 in Familien auf, in denen beide Eltern arbeitslos/ nicht erwerbstätig sind. 23% der Kinder leben in einem Zuhause an der Armutsgefährdungsgrenze, und bei 13% der Kinder hat kein Elternteil einen Sek. II Abschluss. Jeder Aspekt für sich, aber vor allem auch eine Kumulation dieser Bedingungen mindert die Bildungschancen des Kindes.
Besonders angeprangert werden die Gelenkstellen im Bildungssystem. Da, wo eigentlich Übergänge stattfinden sollten, verharren die Systeme in arthrotischer Unbeweglichkeit.
Vor allem aber eine Gelenkstelle funktioniert gar nicht: die zwischen dem Kenntnisstand über die Zustände auf der einen Seite und ausreichender Investition in Bildung auf der anderen. Ganz im Gegenteil: Gemessen am Wirtschaftswachstum sind die Ausgaben für Bildung zurückgegangen und liegen unter dem OECD-Durchschnitt. Vor allem die zweiten Chancen werden durch das drastische Kappen der Weiterbildungsbudgets erheblich eingeschränkt:
"Die Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit für berufliche Weiterbildung gingen zwischen 1999 und 2005 um etwa 70% zurück. Im gleichen Zeitraum sanken die Ausgaben der Unternehmen für betriebliche Weiterbildung um rund 1,5 Milliarden Euro(16%)." (http://www.bildungsbericht.de/daten2008/pressemitteilung_2008.pdf, S.18)
Anstatt non-formale Bildungsmöglichkeiten auszubauen, werden sie – wie z.B. in der Jugendarbeit- abgebaut. Zwischen 2000 und 2006 wurden die Gesamtausgaben für die Jugendarbeit um 6% zurückgefahren. Gerade hier aber könnten bildungsferne bzw. bildungsgesättigte und schulmüde junge Erwachsene am ehesten wieder ins Boot geholt werden.
Volkshochschulen als Anbieter für den Erwerb nachträglicher Schulabschlüsse, Alphabetisierung und Grundbildung unterliegen immer wieder Mittelkürzungen, die ein kontinuierliches Angebot an Weiterbildung gerade für bildungsferne Bevölkerungsgruppen immer mehr erschweren. Zweite Chancen und lebenslanges Lernen müssten aber gerade in diesem vorhandenen flächendeckenden Weiterbildungsnetz verankert werden.
Wer lebenslanges Lernen als ein bildungspolitisches Konzept vertritt, muss mit dafür Sorge tragen, dass die Bildungsinfrastruktur dies auch tatsächlich leisten kann.
„Wissen sowie die Fähigkeit, das erworbene Wissen anzuwenden, müssen durch Lernen im Lebenslauf ständig angepasst und erweitert werden“, so das Bundesministerium für Bildung und Forschung in seiner Position zum Lebenslangen Lernen (http://www.bmbf.de/de/411.php) .
Genau dieser Brückenschlag zwischen Kenntnisstand und Umsetzung in Handeln sollte aber auch für die Bildungspolitik der Länder gelten: Die Gelenkstelle zwischen Wissen und Handeln muss dringend geölt werden! Zahlen dazu gibt es inzwischen genug.
Quellen:
OECD: Grundqualifikationen, Wirtschaft und Gesellschaft. Canada 1995
Martin Spiewak: Blauer Brief für Kultusminister, Die Zeit Nr.24, 5.6.2008
http://www.bildungsbericht.de/daten2008/pressemitteilung_2008.pdf
http://www.bmbf.de/de/411.php
www.alphabetisierung.de
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