In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Gehirn & Geist (7-8/2007) setzt sich ein Artikel mit dem Thema Autismus auseinander, der mit einigen Vorstellungen über Autismus aufräumt. Auch in anderen Medien sind Autisten in den letzten Wochen immer wieder Thema.
Nachfolgend ein Auszug des Artikels - mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags:
"Autisten sind geistig behindert? Nein! Sie haben lediglich andere Stärken als ihre Mitmenschen.
Auf Grund neuer Forschungsergebnisse müssen viele althergebrachte Ansichten über Autisten revidiert werden. So haben die gängigen Intelligenztests, die auf einer durchschnittlichen Beherrschung der Sprache basieren, bislang nicht berücksichtigt, dass gerade die sprachliche Fähigkeiten bei Autisten oft stark von der Norm abweichen. Und wenn Forscher autistische Kinder wegen methodischer Schwierigkeiten nicht angemessen testen konnten, gingen sie generell von einer geringen Intelligenz aus und schrieben den Betroffenen einen niedrigen IQ zu.
Bisher sprachen Forscher Autisten auch die Fähigkeit ab, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können. Auslöser war eine Studie des britischen Psychologen Simon Baron-Cohen Mitte der 1980er Jahre. Allerdings waren die bei dieser und ähnlichen Untersuchungen verwendeten Testfragen so komplex formuliert, dass Autisten daran scheitern mussten – wiederum auf Grund ihrer anders entwickelten Sprachfähigkeiten. Jetzt haben Kimberley Rogers und Isabel Dziobek von der New York University gezeigt: Autisten reagieren auf Bilder oder Fernsehaufnahmen, die Leid anderer Personen vermitteln, oft sogar mit stärkerer Erregung als nicht-autistische Menschen.
So zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie von Elisa Back von der University of Nottingham: Grundsätzlich besitzen Autisten durchaus diese Fähigkeit – vorausgesetzt, dass die Augen das Gefühl widerspiegeln. Nur schenken Autisten vermutlich von klein auf Gesichtern wenig Beachtung, weshalb sich jene Hirnregionen, die für das rasche Erkennen von Gesichtsausdrücken zuständig sind, nicht normal entwickeln.
Eine Studie wies 2005 mittels bildgebender Verfahren nach, dass unter anderem die Amygdala – jene Hirnstruktur, die eintreffende Informationen emotional einfärbt – bei Autisten sogar stärker arbeitet als bei Vergleichspersonen, wenn die Probanden Gesichter betrachteten. Die amerikanische Psychologin Morton Ann Gernsbacher von der University of Wisconsin-Madison spekuliert, dass gerade diese Überaktivierung der Amygdala der Grund dafür sein könnte, dass die meisten Autisten Blickkontakten ausweichen: So könnten die Betroffenen eine Übererregung durch soziale Reize vermeiden. Leider entgehen ihnen dadurch aber auch wichtige nonverbale Informationen, wie eben der emotionale Gehalt eines Gesichtsausdrucks." (Quelle: Gehirn &Geist 7-8, 2007)
Weitere Informationen unter: www.gehirn-und-geist.de
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