Wie verhalten sich Neurowissenschaften und Ethik zueinander. Im letzten
Teil einer insgesamt achtteiligen Artikelreihe setzt sich die aktuelle
Ausgabe der Zeitschrift Gehirn&Geist (7-8/2006) mit dieser Thematik
auseinander. Experten aus Philosophie, Biologie und Theologie
diskutieren über die Folgen der Hirnforschung für den Menschen und
seine Frömmigkeit.
Nachfolgend ein Ausschnitt des Artikels, mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags.
"Fordern die Neurowissenschaften unsere Religiosität heraus? Experten aus Philosophie, Biologie und Theologie diskutieren über die Folgen der Hirnforschung für den Menschen und seine Frömmigkeit.
Hirnforscher fahnden nach den neuronalen Grundlagen des Bewusstseins und verabschieden sich dabei von Willensfreiheit, Verantwortung und Seele. Dies stellt nicht nur eine Bedrohung für die Religiosität dar - mit dem Glauben könnten auch viele ideelle Werte schwinden und die Gesellschaft in eine zwischen-menschliche Eiszeit schlittern, wie Thomas Metzinger in der neusten Ausgabe von Gehirn&Geist (7-8/2006) befürchtet. Daher fordert der Mainzer Neurophilosoph eine "normative Neuroanthropologie", die sich mit der Frage beschäftigt, wie der Mensch sein soll. Nur so könne der Zusammenhalt der Gesellschaft auch nach einer naturalistischen Wende erhalten bleiben.
Eckart Voland, Biologe und Professor für Philosophie an der Universität Gießen, sieht dagegen - ebenfalls im neuen Gehirn&Geist - keine Gefahr für den Glauben: "Wissenschaftliche Aufklärung kann unsere Religiosität genauso wenig verdrängen, wie die Kenntnis der beteiligten Botenstoffe die Liebe verdrängt." Denn die Fähigkeit zu religiöser Überzeugung hätte sich im Lauf der Evolution entwickelt und könne nicht einfach durch die Vernunft abgestellt werden.
Auch der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff von der Universität Freiburg hält eine Herausforderung des Glaubens durch die Neurowissenschaft für übertrieben. Für ihn besitzen deren Erkenntnisse keine allgemein gültige Aussagekraft. So können bildgebende Verfahren zwar bestimmte Leistungen des Gehirns registrieren - die subjektive Seite der Wirklichkeit bleibe dabei aber unberücksichtigt. "Wenn wir Begriffe wie Willensfreiheit, Verantwortung und Schuld auf Stoffwechselprozesse im Gehirn zurückführen, wäre das im Ergebnis die Abschaffung des Menschen", folgert Schockenhoff. In einem Punkt ist der Moraltheologe aber einer Meinung mit Thomas Metzinger: Eine Gesellschaft ohne Glauben könne moralisches Verhalten nur schwer bewahren.
Für den Philosophieprofessor Voland wäre dagegen auch eine Welt ohne Gott keine Katastrophe. "Ethik und Moral würden in der Gesellschaft bestehen bleiben. Denn Werte werden nicht rational vermittelt, sondern im Kindesalter durch Bestätigung erlernt." Wie jeder Einzelne diese Werte interpretiere, spiele für ihren Fortbestand keine Rolle. So würden viele Menschen - auch ohne die Bergpredigt oder Kant gelesen zu haben - spontan Gutes tun und sich trotz großer persönlicher Kosten für das Leben anderer einsetzten.
Mit diesem Titelthema endet die achtteilige Serie über Neuroethik in
Gehirn&Geist, dem Magazin für Psychologie und Hirnforschung." (Quelle: Gehirn&Geist, 6-7/2006)
Weitere Informationen unter www.gehirn-und-geist.de
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