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An der Schwelle zur Witterungsprognose

An der Schwelle zur Witterungsprognose

19.07.2005, (MR)

Die aktuelle Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft setzt sich unter anderem mit dem Thema Wetter und Wetterprognose auseinander. Wollten Sie nicht schon immer das Urlaubswetter des nächsten Jahres wissen, um rechtzeitig die richtige Region zu buchen?

Nachfolgend ein Ausschnitt aus dem Artikel mit freundlicher Genehmigung des Spektrum-Verlags:

Spätestens im Frühjahr fragen sich viele Menschen - auch mit Blick auf
ihre Urlaubsplanung -, wie denn wohl der nächste Sommer wird. Von
Meteorologen erhielten sie dazu bisher keine Auskunft. Das Wetter sei
einfach zu sehr von Zufällen bestimmt, als dass sich eine seriöse
Prog­nose so weit in die Zukunft abgeben ließe.

Doch das könnte sich, wie Spektrum der Wissenschaft in seinem
Au­gustheft berichtet, schon bald ändern. Erstmals machte MeteoSchweiz
Ende Mai eine Vorhersage über die in diesem Jahr zu erwartenden
Sommertemperaturen in Europa. Demnach sollte es im Mittelmeerraum
besonders heiß, in Deutschland dagegen eher kühl werden. In der
Schweiz selbst würden die Temperaturen, so die Prognose, etwa den
langjährigen Durchschnittswerten entsprechen.

In Europa ist eine solche Vorhersage bisher einmalig. Für andere Teile
der Welt allerdings gilt das nicht. Im westlichen Südamerika zum
Bei­spiel lässt sich das Wetter mittlerweile schon fast ein Jahr im
Voraus in die Karten schauen. Der Grund ist, dass hier der Pazifik
großen Einfluss auf das Geschehen in der Atmosphäre hat. Strömungen
und Temperatu­ren im Meer aber ändern sich sehr viel langsamer als in
der Luft. Insbe­sondere gibt es im tropischen Pazifik eine "Schaukel",
durch die alle paar Jahre warmes Wasser von Indonesien nach Südamerika
schwappt. Dann tritt dort ein Phänomen auf, das El Niño - spanisch für
"das Christ­kind" - genannt wird, weil es üblicherweise zur
Weihnachtszeit Unwetter und Überschwemmungen bringt. Dieses Ereignis
lässt sich heute schon im Frühjahr vorhersagen. Analog gibt es in
Südasien Prognosen über die Intensität des Monsuns, die allerdings
weniger zuverlässig sind.

In beiden Fällen erlauben so genannte "äußere Randbedingungen" der
Atmosphäre, zwar nicht das genaue Wetter, aber die Wahrscheinlichkeit
für eine bestimmte langfristige Wettertendenz oder Witterung zu
bestimmen. Zu diesen Randbedingungen zählen vor allem die Tem­peratur
der Meeresoberfläche, aber auch die Schneebedeckung, die Bodenfeuchte
und die Ausdehnung von Meereis. All diese Größen än­dern sich deutlich
langsamer als die Lufttemperatur oder gar der Nieder­schlag. Dadurch
lässt sich ihre Entwicklung sehr viel weiter in die Zu­kunft
extrapolieren.

Äußere Randbedingungen der Atmosphäre spielen auch in Europa eine
Rolle, allerdings eine viel geringere. Immerhin kennt man schon länger
empirische Zusammenhänge. So machen ungewöhnlich hohe
Wasser­temperaturen der Ostsee im Dezember eine kalte und stabile
Winter­wetterlage über Mitteleuropa unwahrscheinlicher. Außerdem war
es im Frühjahr 2003 zum Beispiel in Deutschland und in Skandinavien
bereits ziemlich trocken - der Rekordsommer in Mitteleuropa hatte
quasi ein Vorspiel.

Solche Informationen beziehen die Experten beim Europäischen Zent­rum
für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) in Shinfield Park bei
Reading (England) in ihre Simulationen ein, mit denen sie versuchen,
die Witterung in der kommenden Jahreszeit zu prognostizieren. Zudem
koppeln sie das übliche Atmosphärenmodell mit einem für die Ozeane,
das auch den Verlauf der Meerestemperaturen vorhersagt. Zu guter Letzt
begnügen sie sich nicht mit einer einzigen Simulation, sondern lassen
verschiedene Computermodelle mit leicht veränderten
Aus­gangsparametern immer wieder laufen. Erst bei einer solchen
En­semble-Vorhersage kommen einigermaßen zuverlässige Tendenzen zum
Vorschein. Das Vorgehen kostet zwar sehr viel Rechenzeit, ist aber die
einzige Art und Weise, mit Computerhilfe Witterungsprognosen zu
erstellen.

Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) testet derzeit im Rahmen einer
europäischen Piloststudie Vorhersagen über einen Zeitraum von maxi­mal
fünf Monaten und arbeitet dabei mit Energiekonzernen wie RWE, EON oder
Vattenfall zusammen. Die Rohdaten stammen vom EZMW und werden vom DWD
für die Kunden aufbereitet. Mit der Prognose von Mitteltemperaturen
scheinen die Unternehmen derzeit ganz zufrieden zu sein: Sie können
die Angaben zur Abschätzung des Energiebedarfs nutzen. Die
Öffentlichkeit erfährt von den noch ziemlich unsicheren Vorhersagen
bisher allerdings nichts - die Verbesserung gegenüber bloßem Raten ist
dafür zu gering. Dennoch scheint die saisonale Prog­nose auch in
Deutschland im Kommen, und schon in wenigen Jahren ist eine
Vorhersage, wie sie MeteoSchweiz jetzt erstmals abgegeben hat,
vielleicht gar nichts Besonderes mehr.

Quelle: Spektrum der Wissenschaft (2005)
Weitere Informationen unter http://www.spektrum.de

 

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