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Alphabetisierung ist keine Insel im Meer!

Alphabetisierung ist keine Insel im Meer!

17.09.2010, (MD)

Der Konvergenzansatz in Alphabetisierung und Grundbildung. Vortrag von Marion Döbert im Rahmen der 21. Mitgliederversammlung des Thüringer Volkshochschulverbandes.

14. September 2010, Arnstadt

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Ihnen heute anhand von sechs Handlungsfeldern eine systemische oder auch konvergente Betrachtungsweise  mit Bezug zu Alphabetisierung und Grundbildung vorstellen und deutlich machen, dass Lese- Schreibprobleme bei Erwachsenen nicht nur ein Bildungsproblem sind und schon gar nicht nur allein durch Bildungspolitik behoben werden können. 

Funktionaler Analphabetismus ist keine einsame Insel im Meer, sondern hat brisante Schnittstellen zu fast allen Lebens- und Handlungsbereichen in unserer Gesellschaft, damit aber auch zu allen politischen Ressorts.

Deshalb brauchen wir eine konvergente Betrachtungsweise dieser Schnittstellen, dieses Wirkgefüges und der Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

1. Handlungsfeld Gesundheit

Die Weltgesundheitsorganisation, Gesundheitswissenschaftler, Medizinsoziologen, das Robert-Koch-Institut (Bundesinstitut für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten, Berlin) u.v.a. haben die Zusammenhänge zwischen sozialer Schichtzugehörigkeit  und Gesundheitsrisiken erforscht. 

Im Zusammenhang mit den Studien zu sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen hat sich international der Begriff der „Health Inequality" durchgesetzt.

Studien zu sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen haben noch keinen Eingang in Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland gefunden, und umgekehrt spielt die Expertise aus Alphabetisierung und Grundbildung noch nicht in dieses Handlungsfeld hinein.

Dabei sind zahlreiche Forschungsergebnisse für Lobbyisten und Praktiker in der Weiterbildung außerordentlich interessant. 

Einige Ergebnisse:

Kinder aus armen Familien haben bereits vor der Einschulung eher Entwicklungsverzögerungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Ein niedriger Sozialstatus ist verbunden mit starken gesundheitlichen Belastungen und einem gesundheitsriskanteren Verhalten:

Ein niedriger Sozialstatus - und damit ein Leben in relativer Armut - ist verbunden

mit einem stärkeren Auftreten von:

  •  psychischen Erkrankungen
  • Herz-Kreislaufkrankheiten
  • Bluthochdruck
  • erhöhtem Cholesterin
  • starkem Übergewicht
  • Diabetes Typ II
  • stärkerem Alkohol- und Tabakkonsum
  • Lungenkrebs
  • Bewegungsmangel
  • u.a.

Insbesondere auch Arbeitslosigkeit  wirkt beeinträchtigend auf Gesundheit, Lebensqualität und zu erwartende Lebenszeit:

"Die Sterblichkeit steigt in Abhängigkeit von der vorausgehenden Arbeitslosigkeitsdauer kontinuierlich. Es wurden Hinweise dafür gefunden, dass Arbeitslosigkeit ursächliche Auswirkungen auf die Entwicklung schwerer Krankheiten hat.[31]
vgl. die verschiedenen Studien unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Sozial_bedingte_Ungleichheit_von_Gesundheitschancen

Ähnliche - fast deckungsgleiche - Ergebnisse zeigen sich auch in der Amsterdamer Studie „Stil vermogen", in der direkt der Zusammenhang von niedrigem Schriftsprachlevel mit dem gesundheitlichen Status untersucht worden ist.

In der Amsterdamer Studie wurden 22 verschiedene Krankheiten mit verschiedenen Kompetenzleveln im Lesen in Beziehung gesetzt. 

Insgesamt wurde festgestellt, dass niedrige Schriftsprachkompetenz statistisch signifikant verbunden ist mit dem häufigeren Auftreten von Asthma, chronischer Bronchitis, Krebs, Herzinfarkt, Herzgefäß-Erkrankungen, Gefäßverengung, Schlaganfall, Erkrankungen von Nieren, Galle und Leber, Gelenkerkrankungen, Diabetes, Rücken- und Armbeschwerden, Migräne, Epilepsie und psychischen Problemen. 

In der Amsterdamer Studie zeigt sich, dass ein hohes schriftsprachliches Kompetenz-Niveau grundsätzlich einhergeht mit einem besseren  Gesundheitsstatus. Förderung von Schriftsprachlichkeit hätte somit einen direkten positiven Effekt auf das geringere Auftreten von Krankheiten einerseits und auf einen allgemeinen guten Gesundheitszustand im Sinne verbesserter Lebensqualität andererseits. 

Die logische Folgerung im Rahmen eines konvergenten Denkens und Handelns ist demnach:

Erfahrungen und Expertise aus Alphabetisierung und Grundbildung müssen verbunden werden mit Expertise aus dem Handlungsfeld Gesundheit.

2. Handlungsfeld Familie/ Erziehung/ Partnerschaft

Von dem internationalen Kinderhilfswerk World Vision wurden Kinderstudien in Auftrag gegeben, um die Lebenswelten von Kindern aus der Sicht der Kinder selber heraus zu erheben. Dazu wurden deutschlandweit (z.B. in der Studie von 2007) fast 1600 Kinder zwischen acht und elf Jahren befragt.

Die Forscher Hurrelmann und Andresen von der Universität Bielefeld haben in den zwei bislang erschienenen Kinderstudien 2007 und 2010 aufgezeigt, dass Armut drei Bereiche umfasst: ökonomische, kulturelle und soziale Armut. 

Die Risikofaktoren für ein Aufwachsen in Armut sind:

  • die Zugehörigkeit zur Unterschicht
  • Alleinerziehung
  • Arbeitslosigkeit.

Die World Vision Studie weist nach, dass Kinder aus der unteren sozialen Schicht eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen haben und dies auch genau so erleben.  Der Zusammenhang mit Armutsrisiken und fehlenden häuslichen Ressourcen ist dabei offensichtlich. Schlechtere Startbedingungen beziehen sich dabei nicht nur auf die Schule, sondern durchgängig auf alle Lebensbereiche. Die Potenziale dieser Kinder können sich bei weitem nicht so gut entfalten wie die der Kinder aus mittleren und höheren Schichten.

Gründe sind:

  • Fehlende finanzielle Ressourcen im Elternhaus bis hin zur Armut
  • Überforderung und Streit in der Familie durch eben diese finanziellen Probleme
  • fehlendes (kreatives) Anregungsmilieu in der Familie
  • fehlende individuelle Förderung in Kindergarten und Schule
  • Nichterreichbarkeit oder fehlende Zugänglichkeit  von Vereinen und Freizeiteinrichtungen
  • Verlagerung der Freizeitaktivitäten auf Fernseh- und Medienkonsum,

damit verbunden geringere Einbindung in Gruppenaktivitäten und Isolierung sowie geringere Leseaktivität. Insbesondere Jungen sind hier besonders betroffen.

  • Kinder aus prekären Familien sagen aus, dass sie zu wenig Zuwendung bekommen und zwar nicht wegen der Berufstätigkeit von Eltern, sondern - im Gegenteil-  aufgrund der Sorgen und Belastungen die mit Arbeitslosigkeit oder unzureichender Integration in den Arbeitsmarkt verbunden sind. 
  • Kinder aus unteren Schichten fühlen sich weniger wert geschätzt, und sie schätzen ihre Selbstwirksamkeit geringer ein.
  • Kinder aus unteren Schichten haben ein geringeres Bildungsbestreben. Abitur als zukünftiger Schulabschluss erscheint ihnen schon in diesem Alter als abwegig. Teilhabe an Bildung spielt - wie im Elternhaus selbst -  keine Rolle.

Stellen wir dem nun Äußerungen aus Stress-Clustern von erwachsenen Lernerinnen und Lernern aus unseren Alphabetisierungskursen in Bielefeld gegenüber:

  • Mein Mann und ich streiten immer wegen der Kinder.
  • Mein Mann und ich streiten immer ums Geld.
  • Ich kann die Briefe von der Schule meiner Kinder nicht lesen!
  • Ich habe keine Partnerin und fühle mich einsam. Ich lerne auch niemanden kennen - die halten mich ja doch alle für blöd, weil ich nicht richtig lesen und schreiben kann.
  • Mein Kind hat Schulprobleme und ich kann nicht helfen.
  • Meine Wohnung ist viel zu klein für uns alle, es gibt gar keinen Privatbereich.
  • Ich habe einen Kreditvertrag für meinen Partner unterschrieben  und wusste gar nicht, was ich unterschreibe. Jetzt zahle ich schon seit Jahren die Schulden ab.
  • Ich habe immer nur befristete Verträge. Man weiß nie, wie das Leben weitergeht. 
  • Seitdem ich arbeitslos bin, habe ich kein Geld mehr, ich kann mit meinen Freunden und meinen ehemaligen Arbeitskollegen nicht mehr mithalten, nicht mehr ins Kino, in die Disko oder ins Café gehen.
  • Ich habe seit ich arbeitslos bin, keinen Kontakt mehr zu meinen Kollegen - ich habe ja auch nichts mehr zu erzählen, in meinem Leben passiert gar nichts mehr.
  • Ich nehme am Leben nicht mehr teil.

Sie sehen, meine Damen und Herren, dass die Erfahrungen der Kinder aus den World-Vision-Studien sich spiegelbildlich in einem sich stets wiederholenden Zirkel im Erwachsenenalter und wiederum bei den eigenen Kindern wiederfinden.

Gemäß nationalem Bildungsbericht (2008) wächst mehr als jedes 10. Kind  2006 in Familien auf, in denen beide Eltern arbeitslos/ nicht erwerbstätig sind. 23% der Kinder leben in einem Zuhause an der Armutsgefährdungsgrenze, und bei 13% der Kinder hat kein Elternteil einen Sek. II Abschluss. 

Jeder Aspekt für sich, aber vor allem auch eine Kumulation dieser Bedingungen mindert nicht nur die Bildungschancen des Kindes, sondern die Chancen in sämtlichen gesellschaftlichen Handlungsfeldern, also die Lebenschancen insgesamt.

Konsequente Folgerung für die Zukunft der Alphabetisierung und Grundbildung:

Die Erfahrungen und Expertise aus Alphabetisierung und Grundbildung müssen verbunden werden mit Expertise aus dem Handlungsfeld Familie, Erziehung und Partnerschaft.

3. Handlungsfeld Arbeit/ Ökonomie

Fasst man die Ergebnisse verschiedener nationaler und internationaler Studien zusammen, muss man feststellen:

Ein geringer Grundbildungsgrad heißt:

  • eher arbeitslos zu sein
  • eher geringes Lohnniveau
  • weniger Chancen auf Beförderung.

Für die Kommune, die Gesellschaft, den Arbeitsmarkt und die Ökonomie  bedeutet dies:

  • Erhöhte Aufwendungen für soziale Sicherungssysteme
  • Verluste durch entgangene Steuern
  • Entgehendes Fachkräftepotential
  • Verschärfung von sozialen Problemen, in Gegenden, in denen sich Arbeitslosigkeit und relative Armut ballen
  • Wiederholung all dieser Probleme in der nachfolgenden Generation, weil die Eltern ihren Kindern eben nicht in der Schule helfen können, weil sie eben kein Geld für die Teilhabe an Vereinsaktivitäten, Sport oder Kultur haben, weil sich die Resignation der Eltern schon früh auf die Kinder überträgt, weil die Kinder - wie die World Vision Studien eindrücklich zeigen - schon als Kinder nicht mehr an sich und ihre Zukunft glauben.

Gerade frisch publiziert ist die jährlich erscheinende OECD-Studie „Bildung auf einen Blick." 

Diese international angelegten Studien stellen Bildungsinvestitionen und Bildungserträge gegenüber, untersuchen den Zugang zu Bildungsmöglichkeiten und den Bildungsstand in den verschiedenen Ländern.

Jedes Jahr dokumentiert die OECD, dass Investitionen in Bildung zu beachtlichen gesellschaftlichen Gewinnen führen:

  • z.B. durch wesentlich höhere Steuereinnahmen 
  • durch längeren Verbleib in der Erwerbstätigkeit und damit längeren Arbeitskräfteerhalt 
  • durch Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit 
  • durch höhere Einkommen
  • durch einen verbesserten Gesundheitsstatus in der Gesellschaft

usw.

Im Bericht von 2010 wird erneut darauf hingewiesen, dass mangelnde Grundbildung dagegen den Start in die Berufstätigkeit erschwert und dass in den Schulen verstärkt Wert gelegt werden sollte auf Allgemeinbildung, auf Lesen, Schreiben und Rechnen.

Schon in den nationalen Bildungsberichten von 2008 und 2010 wurde auf die sozialen Disparitäten hingewiesen, was Bildungs- und Arbeitschancen angeht.  

Abgänger, die nach der Schule nicht direkt in eine qualifizierende Ausbildung gelangen, durchlaufen oft ein Maßnahmen-Potpourri. Die Übergänge sind langwierig, kompliziert, teuer und wenig effektiv. 

Auch in der neuen OECD-Studie werden die Übergangssysteme und deren Ineffizienz kritisiert.

Ohne beruflichen Abschluss aber  ist die Wahrscheinlichkeit erwerbslos zu werden, besonders groß, womit  wiederum - über die Arbeitslosigkeit - ein Anfang gemacht ist für die kombinierten Belastungen in den oben beschriebenen Handlungsfeldern Familie/ Erziehung/ Partnerschaft und Gesundheit.

Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung wurden für Deutschland die Folgekosten berechnet, die durch entgangenes Wirtschaftswachstum aufgrund von unzureichender Grundbildung (bei Jugendlichen) entstehen. Die Studie wurde 2009 veröffentlicht. Das zentrale Ergebnis: 

"Die Tatsache, dass in Deutschland etwa jeder fünfte Jugendliche eine nur unzureichende Bildung erhält, zieht volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von rund 2,8 Billionen Euro... nach sich." (Wößmann 2009, S. 9)

Dieser Verlust an Bruttosozialprodukt durch unzureichende Grundbildung wird - über einen Zeitraum von 80 Jahren ohne Bildungsreform berechnet -  z.B.

  • für NRW 790 Milliarden Euro betragen, 
  • für Thüringen knapp 37 Milliarden Euro.

Mit den langfristigen Effekten einer Bildungsreform,  die das Grundbildungsniveau anheben würde, „..ließe sich die gesamte heutige Staatsverschuldung von rund 1,7 Billionen Euro komplett tilgen." (Wößmann 2009, S. 9) 

Die Bildungsberichte hatten schon frühzeitig auf den bevorstehenden -und jetzt eingetretenen - Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft hingewiesen und dringend geraten, Bildungsinvestionen auch und gerade bei ungelernten Kräften vorzunehmen. Volkshochschulen wären sicher gerne bereit, für Unternehmen das Grundbildungsniveau bei Ungelernten und Arbeitslosen anzuheben. 

In einer konvergenten Betrachtungsweise wäre auch hier die konsequente Forderung:

Erfahrungen und Expertise aus Alphabetisierung und Grundbildung müssen verbunden werden mit Expertise aus dem Handlungsfeld Arbeit/ Ökonomie.

4. Handlungsfeld Justiz/ Kriminalität

Bislang bin ich noch nicht dazu gekommen, mich mit den aussagekräftigen Studien im Konvergenzbereich geringer (Grund-)Bildung/ Kriminalität in Deutschland zu befassen. Deshalb beziehe ich mich erneut auf die Amsterdamer Studie „Stil vermogen"

Die niederländische Studie befasste sich nämlich auch mit den gesellschaftlichen Folgen und Kosten durch Kriminalität. 

Das Justizministerium hat Kosten von 9,3 Milliarden Euro jährlich durch kriminelle Taten ermittelt.

Befragte mit höherem Schriftsprachniveau (und damit auch Bildungsniveau) geben kriminelle Taten zu wie schwarz Auto fahren oder Steuer-, Renten und Versicherungsbetrug. Auch Diebstähle in Geschäften und am Arbeitsplatz werden von Personen mit höherem Schriftsprachniveau zugegeben.

Personen mit geringem Schriftsprachniveau benennen dagegen wesentlich häufiger eigene Beteiligung an Bedrohung, Misshandlung und Körperverletzung anderer. 

Die Studie weist darauf hin, dass Investitionen in höhere Schriftsprachkompetenz  (und damit verbunden höheren Bildungsgrad) ein wirksames Mittel wären, um schweren kriminellen Delikten vorzubeugen. 

Aber auch wenn es nicht um schwerwiegende Delikte geht, stehen Jugendliche und Erwachsene mit unzulänglicher Grundbildung im Lesen, Schreiben, Rechnen leichter in der Gefahr, juristisch „abzurutschen". Einige Beispiele können dem bereits erwähnten Stresscluster und den Erfahrungen aus der Praxis entnommen werden:

  • Verzicht auf Versicherungen, um nichts Falsches zu unterschreiben
  • Starke Verschuldung, weil Kaufverträge (wie z.B. Handyverträge) oder Nutzungsbedingungen (im Internet) nicht gelesen werden können oder weil andere dazu drängen, Kreditverträge zu unterschreiben
  • Keine Reaktion auf Mahnschreiben, da sie nicht gelesen werden können
  • Verlust an wichtigen Papieren wie Rentenbescheide, Miet- oder Arbeitsverträge, Unterlagen über Schulbesuche usw.
  • Verpassen von wichtigen Terminen, zu denen schriftlich eingeladen wurde wie z.B. zur ARGE
  • Aggressives Verhalten in der Partnerschaft oder gegenüber den Kindern, weil die Geldsorgen und juristischen Probleme zu immer mehr  Druck in den Beziehungen führen.

Eine logische Forderung wäre auch in diesem Schnittstellenbereich:

Die Erfahrungen und Expertise aus Alphabetisierung und Grundbildung zu verbinden  mit Expertise aus dem Handlungsfeld Justiz/ Kriminalität.

5. Handlungsfeld Soziale Kohäsion/ Zivilbürgerliches Engagement/ Politikbeteiligung

Die britische Längsschnittstudie „Literacy changes Lives" zeigt genauso wie die Studie „Stil vermogen" auf, dass Schriftsprachniveau und soziale Kohäsion in einem engen Verhältnis zueinander stehen.

  • Personen mit geringem Literalitätslevel berichten sehr viel häufiger, sich absolut gar nicht für Politik zu interessieren. Dies drückt sich auch in geringer bis gar keiner Beteiligung an Wahlen aus.
  • Menschen mit niedrigem Schriftlevel begegnen den anderen Menschen in ihrem sozialen Umfeld  voller Misstrauen.
  • Und Menschen mit geringem Schriftlevel sind wesentlich seltener Mitglieder in Organisationen und Vereinen. Sie nehmen nicht aktiv am Leben ihrer Kommune teil.

Wie drückte es ein Lerner im Stresscluster aus:

"Ich nehme am Leben nicht mehr teil."

Menschen - vor allem auch Jugendliche - , die sich abgehängt fühlen von der Gemeinschaft, denen die Ressourcen fehlen, teilhaben zu können, die kein Vertrauen in sich und die Gesellschaft haben, die kein Lebensglück erfahren, sie ziehen sich zurück in die Isolation oder in Subkulturen, in Alkohol oder Drogen, oder in eine Welt der Verachtung und Aggressivität, denn auch eine beschädigte Identität sucht sich Handlungsräume. Koste es, was es wolle. 

Fehlende Grundbildungsförderung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit - und ich möchte hinzufügen auch  im Alter - führt offensichtlich dazu, dass Menschen nicht mehr teilhaben an der Gesellschaft und dass die Gesellschaft nicht mehr auf diese Menschen zählen kann. Ein brisanter Zündstoff für eine (noch) intakte Demokratie.

Die Empfehlung lautet auch hier:

Die Erfahrungen und Expertise aus Alphabetisierung und Grundbildung zu verbinden  mit Expertise aus dem Handlungsfeld Justiz/ Kriminalität.

6. Handlungsfeld Kultur

Gerade in Gegenden/ Sozialräumen, in denen strukturelle Arbeitslosigkeit herrscht, in denen man sich auf ein Leben ohne Arbeit einstellen muss, wo Altersarmut und Isolation sich ballen oder in denen engflächig verschiedene Kulturen unter benachteiligten Bedingungen zusammenleben, spielt kulturelle Bildung eine besondere Rolle. Über Medien- und kulturelle Kompetenz werden Selbstwirksamkeit, Teilhabe, sinnerfülltes Altern und interkulturelle Akzeptanz ermöglicht. Dies ist besonders wichtig für Menschen, die in ihrer Biografie kaum Möglichkeit zur Entwicklung von vitalen kreativen  Ressourcen hatten.

In diesem neuen Handlungsfeld müssten die Schnittpunkte zu AuG noch vertiefend recherchiert werden.

Folgerungen

Mehrinvestition in Grundbildungsförderung würde die Lebenschancen des individuellen Menschen und den Mehrwert für das soziale Zusammenleben in allen benannten Handlungsfeldern enorm steigern können. 

Die bisher benannten Studien und die Erfahrungen aus dem Praxisfeld verweisen auf die Sinnhaftigkeit interdisziplinären, vernetzten, also konvergenten Denkens und Handelns. Probleme des Arbeitsmarktes, der Gesamtwirtschaft, des Gesundheitssystems, der Kriminalitätsbekämpfung, des Fachkräftemangels, der gesellschaftlichen Kohärenz hängen eng mit geringer oder guter Grundbildung in einer Gesellschaft zusammen.

Deshalb müssen wir in Zukunft die Expertisebrücken zwischen den Handlungsfeldern schlagen und interdisziplinäre Handlungsstrategien und Aktionsprogramme realisieren.

So wie kürzlich in den Niederlanden, wo - selbstverständlich auch unter Beteiligung der „Stichting Lezen en Schrijven" - eine brillante Handreichung erschienen ist zum Thema „Grundbildungskompetenzen am Arbeitsplatz" (Basisvaardigheden op de werkplek), entstanden in einem Arbeitsverbund u.a. aus folgenden Ministerien:

  • Wirtschaft
  • Bildung, Kultur und Wissenschaft
  • Raumordnung und Verkehr
  • Sozial- und Arbeitsministerium
  • Innenministerium
  • Ministerium für Volksgesundheit und Sport

Es gilt zukünftig, die „points of convergence", die Schnittpunkte, die sich durch ökonomische, soziale und bildungsbezogene Armut in den verschiedenen Handlungsfeldern ergeben, verstärkt herauszuarbeiten und die Erkenntnisse und daraus folgenden Forderungen zu bündeln und mit massiver Kraft in die verschiedenen politischen Ressorts und vor allem auch in die europäische Politik zu bringen. 

Nur durch solche Konvergenzen können m.E. politische Entscheidungsprozesse effektiver beeinflusst werden, denn:

Wissenschaftliche Erkenntnisse allein reichen nicht aus, wie es der renommierte Wissenschaftler Klaus Hurrelmann in seiner Abschiedsrede von der Universität Bielefeld dokumentiert:

Im Rückblick auf seine über 40jährige Forschungstätigkeit hat er Bewegung im Bildungsbereich nur unter ganz bestimmten Umständen erlebt:

".. als Bildungsforscher bin ich mehr bedrückt als beeindruckt, wie stark der Widerstand gegen die Ergebnisse von empirischen Untersuchungen in einem so elementaren Feld der Chancengerechtigkeit ist. Das Bildungssystem entfaltet ein enormes Beharrungsvermögen und sperrt sich grundsätzlich gegen Interventionen, die seiner Klientel Verbesserungen brächte. Für Wissenschaftler ist das unfassbar...
Wissenschaftliche Forschung folgt der Wahrheitssuche und bemüht sich um analytisches Verständnis der Realität. Sie will die Sachen klären und die Menschen stärken. Das ist eine völlig andere Steuerungslogik als die des politischen Systems. Das politische System handelt dann, wenn seine Macht gefährdet erscheint, wenn ein ungeheurer Druck zur Veränderung entstanden ist, der von vielen Kräften ausgeht."

Einem Recht auf Lesen und Schreiben, Bildung und ein lebenswertes Leben für alle Menschen können wir m.E. nur durch konvergentes Denken und Handeln in der Alphabetisierung und Grundbildung näher kommen. 

Für dieses Recht müssen wir uns strategisch breiter angelegt einsetzen als bisher.

Denn:

Alphabetisierung ist keine Insel im Meer!

Quellen:

  • Dugdale, G. and Clark, C. (2008): Literacy Changes Lives: An advocacy resource. London: National Literacy Trust 
  • Groot, W./ Maassen van den Brink, H. (2006): Stil vermogen, een onderzoek naar de maatschappelijke kosten van laaggeletterdheid. Amsterdam: Stichting Lezen en Schrijven ISBN 90-78261-02-1
  • Hurrelmann, K./ Andresen, S. (2007): Kinder in Deutschland 2007. 1. World Vision Kinderstudie. Frankfurt/ a. M.: World Vision
  • Hurrelmann, K./ Andresen, S. (2010): Kinder in Deutschland 2010. 2. World Vision Kinderstudie. Frankfurt/ a. M.: World Vision
  • Hurrelmann, K. (2009): Sozialisation - Bildung -  Gesundheit. Kann wissenschaftliche Forschung politische Effekte erzielen? Abschiedsvorlesung an der Universität Bielefeld im Januar 2009

 

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