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Alphabetisierung- Grundbildung- Gesundheit

Alphabetisierung- Grundbildung- Gesundheit

06.10.2007, (MD)

Marion Döbert (Bundesverband Alphabetisierung & VHS Bielefeld) berichtet über ein neues ESF-Projekt an der VHS Bielefeld, das die Aspekte Alphabetisierung, Grundbildung und Gesundheit miteinander verbinden möchte.

Die Crux der Gesundheitsbildung an Volkshochschulen ist, dass sie kaum diejenigen gesellschaftlichen Gruppen erreicht, die eher von einem schlechten Gesundheitsstatus betroffen sind als andere. Vorteil von Volkshochschulen ist aber andererseits, dass diese bildungsbenachteiligten Gruppen  in anderen Fachbereichen der VHS – nämlich in der Alphabetisierung/ Grundbildung -  vertreten sind. Mit einem neuen ESF-Projekt "Alphabetisierung-Grundbildung-Gesundheit" versucht die VHS Bielefeld beide Aspekte miteinander zu verbinden, um Weiterbildung für Bildungsbenachteiligte im Sinne von "Health Literacy" zu erproben und zu etablieren.

"Health Literacy" ist in Deutschland –anders als im europäischen Ausland- ein recht junges Forschungsthema und ein kaum entwickeltes Handlungsfeld. Grundsätzlich soll das Individuum in seiner Wissens-, Entscheidungs- und Handlungskompetenz in gesundheitlichen Fragen gestärkt werden. Der Zugang zu Gesundheitsinformationen und die Anwendung von Gesundheitswissen soll darüber hinaus allen gesellschaftlichen Gruppen gleichberechtigt ermöglicht werden.  Dies wollen wir mit der Bezugsgruppe funktionaler Analphabeten in einem Kombinationsmodell aus Lese-, Schreib- und Gesundheitsförderung im Rahmen des ESF-Projekts erproben.

Insbesondere mit Blick auf die vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung geschätzten rund vier Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland, handelt es sich um ein drängendes Problem. Funktionale Analphabeten sind – noch mehr als andere Personen mit niedrigem Bildungslevel- grundsätzlich gesundheitlich stärker benachteiligt und bedroht als andere gesellschaftliche Gruppen.

Im Auftrag der niederländischen Stiftung Lesen und Schreiben wurde 2006 am Institut für Ökonometrie an der Universität Amsterdam die Studie "Das stille Vermögen- eine Untersuchung der gesellschaftlichen Kosten unzureichender Schriftsprachkompetenzen" durchgeführt (1). Dabei wurden auch die Effekte unterschiedlicher Schriftsprachniveaus auf den Gesundheitsstatus untersucht.

Bekannt war aus Voruntersuchungen, dass ein geringes Bildungsniveau verbunden ist mit einer verkürzten Lebenserwartung und einer wesentlich stärkeren Inanspruchnahme von Leistungen der Gesundheitsversorgung. Dadurch ergeben sich erhebliche individuelle und gesamtgesellschaftliche Belastungen. Es fehlt eher an Informationen und Wissen um den Zusammenhang zwischen eigenem Verhalten und gesundheitlichem Status, wodurch es zu einem ungesünderen Lebensstil kommt. Unmittelbare Befriedigung eher gesundheitsbelastender Bedürfnisse ist wichtiger als gesundheitspräventives Denken und Handeln. So rauchen z.B. Personenkreise mit geringerem Bildungsniveau häufiger und sie sind häufiger übergewichtig oder adipös.

In der Amsterdamer Studie liegt der Fokus auf dem Zusammenhang zwischen verschiedenen Schriftsprachniveaus und dem jeweiligen Gesundheitsstatus.

22 verschiedene Krankheiten/ Erkrankungen wurden mit den verschiedenen Kompetenzleveln im Lesen in Beziehung gesetzt. Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes kommen unter den schriftsprachlich gering Qualifizierten wesentlich häufiger vor als  bei höher qualifizierten. Die Auftretenshäufigkeit eines Herzinfarktes bei Männern mit niedrigem Leselevel ist sechsmal höher als bei Männern mit höchstem Leselevel. 5,2 % der Männer, die nur sehr wenig lesen können, haben Diabetes gegenüber 1,5% der Gruppe mit hohen Lesekompetenzen. Bei den Frauen sind es 6% gegenüber 0.9 %. Auch psychische Probleme kommen bei Personengruppen des niedrigen Leselevels wesentlich häufiger vor. Insgesamt wurde festgestellt, dass niedrige Schriftsprachkompetenz statistisch signifikant verbunden ist mit dem häufigeren Auftreten von Asthma, chronischer Bronchitis, Krebs, Herzinfarkt, Herzgefäß-Erkrankungen, Gefäßverengung, Schlaganfall, Erkrankungen von Nieren, Galle und Leber, Gelenkerkrankungen, Diabetes, Rücken- und Armbeschwerden, Migräne, Epilepsie und psychischen Problemen. In Folge dieser Erkrankungen verschlechtert sich in der Regel auch der allgemeine Gesundheitszustand.

In der Amsterdamer Studie zeigt sich, dass ein hohes schriftsprachliches Kompetenz-Niveau grundsätzlich einhergeht mit einem besseren Gesundheitsstatus. Förderung von Schriftsprachlichkeit hätte somit einen direkten positiven Effekt auf das geringere Auftreten von Krankheiten einerseits und auf einen allgemeinen guten Gesundheitszustandes im Sinne verbesserter Lebensqualität andererseits.

Erfahrungen aus Alphabetisierungskursen an Volkshochschulen unterstreichen voll und ganz die Erkenntnisse aus den Niederlanden: Funktionale Analphabeten – also Personen mit sehr niedrigen schriftsprachlichen Kompetenzen vermeiden Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen, nehmen nicht an Maßnahmen zur Gesundheitsprävention oder an rehabilitativen Maßnahmen wie Kuren teil. Hintergrund ist, dass ihnen aufgrund der Schriftsprachprobleme der Zugang zu entsprechenden Informationen verwehrt ist, sie die notwendigen Formulare nicht ausfüllen können und sie Angst haben, mit ihren Lese- und Schreibproblemen enttarnt zu werden. Die Gefahr von Fehlmedikamentisierung ist groß, da z.B. die Medikamenten-Beipackzettel nicht Sinn verstehend gelesen werden können.

Ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Fehlbelastungen der Wirbelsäule - bedingt durch einseitige und ungesunde Arbeitssituationen - sind symptomatisch. Hinzu kommen erhebliche psycho-somatische und psychische Probleme, die meist Resultat jahrelanger Stressbelastung sind: Angst vor Entdeckung als Analphabet, Angst vor schriftsprachlichen Anforderungssituationen und sozialer Stigmatisierung, belastende und konfliktbeladene Lebensumstände (u. a. Wohnenge, Arbeitslosigkeit, Isolation, Beziehungsprobleme wegen der Schriftsprachprobleme).

An Gesundheitsangeboten nehmen funktionale Analphabeten in der Regel nicht teil, da sie grundlegende Angst vor Behörden und Bildungseinrichtungen haben und darüber hinaus in den regulären Gesundheitskursen die Konfrontation mit schriftsprachlichen Anforderungen befürchten (Anmeldescheine, Teilnehmerlisten, Kurs-Handouts usw.). Notgedrungen finden sich schriftsprachunsichere Menschen aber spätestens dann in Volkshochschulen ein, wenn die Lebensumstände zu kritisch werden, z.B. dann, wenn die eingeweihte Person des Vertrauens nicht mehr zur Verfügung steht oder wenn der Verlust des Arbeitsplatzes droht.

Rund 20.000 funktionale Analphabeten lernen derzeit in VHS-Kursen. Damit ist die Bezugsgruppe bereits in der Weiterbildungseinrichtung vertreten und für Gesundheitstrainings prinzipiell erreichbar. Mit einem Kombinationsmodell aus Lese-, Schreib- und Gesundheitsförderung wollen wir an der VHS Bielefeld versuchen, Health Literacy umzusetzen. Unsere Projektziele:

  • Die bildungsferne, aber gesundheitlich besonders gefährdete Zielgruppe der funktionalen Analphabeten soll einen Zugang zu Gesundheitsthemen und -Informationen erhalten.
  • Sie sollen in die Lage versetzt werden, mit alltäglichen gesundheitsrelevanten Schriftsprachsituationen zurecht zu kommen (Lesen von Beipackzetteln und Warnhinweistexten z.B. vor Operationen, Ausfüllen von Eingangsformularen beim Arzt und von Kur- oder Beihilfeanträgen, Lesen von Kurbehandlungsplänen, Arbeitssicherheitsvorschriften usw.)
  • Das eigene Gesundheits- bzw. Ungesundheitsverhalten soll deutlich gemacht und reflektiert werden (Ernährung, Belastungen, Bewegung, Stress usw.).
  • Praktische Trainingsphasen sollen Impulse zu einer Verhaltensänderung geben und die Teilnahme an gesundheitspräventiven Maßnahmen fördern.
  • Insgesamt soll durch das Kombinationsmodell sowohl die schriftsprachliche als auch die gesundheitsfördernde Kompetenz der Lernenden parallel verbessert werden. Verhaltens- und Verhältnisprävention sollen dabei ineinander greifen.

Das Projekt hat im Februar 2007 begonnen und wird über drei Semester bis zum Sommer 2008 fortgeführt. Im Rahmen des Projekts sollen Unterrichtsmodule und Materialien entwickelt werden.

In den bisherigen Projektssitzungen mit den Kursleiterinnen und Kursleitern wurde bereits deutlich, dass gängige Ansätze von Gesundheitsbildung und vorhandene Materialien kaum übertragbar sind auf die Arbeit mit funktionalen Analphabeten. Diesen Angeboten (z.B. Thematisierung gesunder Ernährung, Übergewicht oder Entspannungstrainings) stehen die Lernenden sogar ausgesprochen ablehnend gegenüber, da es sich für sie dabei um „Luxusprobleme“ handelt, die mit ihrem Alltag nichts zu tun haben.  Stress, Gesundheit und Krankheit sind in der Lebenswelt von funktionalen Analphabeten gänzlich anders zu verorten und zu definieren als in mittelschichtsbezogenen Lebenswelten. Ganz entscheidend für das eigene Gesundheits- oder Krankheitserleben sind die durchgängig vorhandenen Existenznöte und Existenzängste. Gesundheitsthemen scheinen nach bisherigen Erfahrungen nur dann von den Lernenden akzeptiert zu werden, wenn sie zugleich eine Entlastung von diesen existenziellen Sorgen garantieren. 

Es bleibt abzuwarten ob uns dieser Brückenschlag im Projekt gelingen wird.

Projektleiterin ist Marion Döbert (marion.doebert@bielefeld.de).

Die Untersuchung „Das stille Vermögen“ liegt in einer leserfreundlichen Variante auf Niederländisch vor: http://www.lezenenschrijven.nl/files/publicaties/stil%20vermogen.pdf

Originaltitel:

„Stil vermogen, een onderzoek naar de maatschappelijke kosten van laaggeletterdheid“

Alle Daten stehen auch zur wissenschaftlichen Überprüfung zur Verfügung. Bezugsquelle:

Bhartie Karels
Universiteit van Amsterdam
Faculteit Economie en Bedrijfskunde
Secretaresse Bestuurs - en Directiezaken
Roetersstraat 11 (E 5.26)
1018 WB Amsterdam
E: b.karels-ganpat [at] uva.nl

Dieser Artikel wurde erstmals publiziert in: diskurs. Das Magazin des Deutschen Volkshochschulverbandes. Heft 3-2007, S.29-31)

 

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