
"Für diese Wunde gibt es keine Pflaster, sagt der fünfjährige Gion, als plötzlich sein Vater stirbt. Mindestens ein halbes Dutzend minderjährige Kinder werden jeden Tag in der Schweiz zu Halbwaisen. Was bedeutet das für die Kinder? Und was brauchen sie vom hinterbliebenen Elternteil, um diese schmerzliche Lücke auszufüllen? Es ist erstaunlich, wie offen Kinder über den Tod reden und ganz verschiedene Wege finden, mit dem Unabänderlichen umzugehen. So weiß beispielsweise der zehnjährige Elias, dass ihm ein Friedhofsbesuch nichts bringt, weil er seinen Vater immer noch im Haus spürt. Außerdem, so sagt er, beantwortet ihm sein toter Vater durch eine Art Telefon im Kopf nach wie vor seine Fragen. Der 14-jährige Sebastian ist das älteste von vier Kindern. Sein Vater starb völlig unerwartet und ausgerechnet an Sebastians achtem Geburtstag. Seine Mutter war damals mit dem vierten Kind schwanger. Sebastian weiß, wie wichtig es ist, dass seine Mutter wieder einen Mann findet, weil sie dann glücklicher ist. Trotzdem will er keinen anderen Vater. Stefan, heute 25 Jahre alt, erfuhr erst vor Kurzem, dass sich seine Mutter umgebracht hatte, als er sechs Jahre alt war. Bisher dachte er immer, sie sei eines natürlichen Todes gestorben. Er wäre froh, hätte man ihm damals schon die Wahrheit gesagt, denn einem Kind kann man schon etwas zumuten. Die heute elfjährige Meret war noch nicht geboren, als ihr Vater kurz vor der Hochzeit an einer Lungenembolie starb. Ihre Mutter hat inzwischen einen Witwer kennengelernt, der eigene Kinder mit in die Beziehung brachte. Nun hat das Mädchen eine neue Familie. Trotzdem will sie wissen, wer ihr leiblicher Vater war. Andrea Pfalzgraf geht in ihrem Film Für diese Wunden gibt es kein Pflaster Fragen nach, die Kinder nach dem Tod eines Elternteils beschäftigen. Der Film beleuchtet berührende und doch alltägliche Schicksale von starken, offenen, mutigen und immer wieder auch traurigen Kindern. Sie erzählen aus ihrem Alltag, und davon, wie sie sehr früh keine andere Wahl hatten, als den Tod zum Leben gehörend zu akzeptieren. " (Quelle: 3sat)
Kategorie: Gesellschaft